24. April 2019, DFB-Pokal-Halb­fi­nale. Es läuft die 79. Spiel­mi­nute. Der FC Bayern sah über weite Stre­cken der Partie wie der Sieger aus. Nun aber scheint es, als bahne sich ein neues Wunder von der Weser“ an. Im glei­ßenden Schimmer des Flut­lichts hat der SV Werder binnen zwei Minuten durch Tore von Osako und Rashica die 2:0‑Führung der Bayern aus­ge­gli­chen. Die Stim­mung kocht, da kommt es an der Bremer Straf­raum­grenze zu einem Lauf­duell zwi­schen Wer­ders Theo Gebre Sel­assie und Kingsley Coman, in dessen Ver­lauf der Bayern-Angreifer zu Fall kommt. Schieds­richter Daniel Sie­bert gibt Elf­meter, ohne den Video­be­weis zurate zu ziehen, und sorgt mit der Ent­schei­dung dafür, dass Werder mit 2:3 aus dem Pokal aus­scheidet. Für Tage ist der Unpar­tei­ische der meist­dis­ku­tierte Mann im deut­schen Fuß­ball. Wie konnte es soweit kommen?

Daniel Sie­bert, wie haben Sie die Elf­me­ter­si­tua­tion in Erin­ne­rung?
Ich stand nur wenige Meter dahinter und hatte freie Sicht. Meine Erfah­rung sagt mir, wenn es im Straf­raum beim Kreuzen der Lauf­wege zu einer mini­malen Berüh­rung am Fuß kommt und das Tempo der Spieler sehr hoch ist, ist ein Straf­stoß durchaus im Bereich des Mög­li­chen. Coman hatte schon die bes­sere Posi­tion zum Tor und als er fiel – was für mich authen­tisch aussah –, war ich sicher, eine Berüh­rung am Fuß gesehen zu haben.

Ohne sich mit dem Lini­en­richter abzu­stimmen?
Weil ich beste Sicht hatte. Es wäre nicht ver­ant­wor­tungs­be­wusst gewesen, mich auf den schlechter pos­tierten Lini­en­richter zu ver­lassen. Zumal ich via Headset meine Ent­schei­dung direkt an den Video-Assis­tenten kom­mu­ni­ziert habe.

Das heißt?
Auf­gabe des Schieds­rich­ters ist, allein zu ent­scheiden. Aber ich teilte dem Kol­legen in Köln im Augen­blick des Gesche­hens mit, auf wel­cher Grund­lage ich die Ent­schei­dung getroffen hatte. Heißt: Ich sagte ins Headset, dass ich einen Kon­takt am Fuß gesehen habe, ein klares Bein­stellen, und des­halb Straf­stoß gebe. Das habe ich auch den her­an­stür­menden Bre­mern mit­ge­teilt, was der Video-Assis­tent eben­falls hörte.

Wie war die Reak­tion aus Köln?
Von dort kam sofort die Bestä­ti­gung: Elf­meter ist kor­rekt“. Wenn ich binnen fünf Sekunden dieses Signal erhalte, gehe ich auf dem Rasen natür­lich in die Offen­sive und ver­tei­dige meine Ent­schei­dung. Ich sage den pro­tes­tie­renden Spie­lern: Was wollt Ihr? Ist gecheckt: ganz klar Elf­meter! Bitte Straf­raum ver­lassen!

Wie forsch sind die Spieler da?
In dem Moment ging es schon zur Sache, aber ich will das nicht kri­ti­sieren. Denn in dem Moment zer­platzt für die Bremer mög­li­cher­weise der Traum vom Pokal­fi­nale. Dafür bin ich selbst genug Sportler, um diese Ent­täu­schung zu ver­stehen.

Was sagen die Spieler zu Ihnen?
Schiri, das kann doch nicht sein.“ Du machst das Spiel kaputt.“

Kommen Sie da nicht ins Grü­beln?
In dem Moment nicht. Ich hatte ja die Bestä­ti­gung, dass ich richtig liege.