Der fol­gende Text ent­stammt der 11FREUNDE #198, erschienen im Mai des Jahres und hier erhält­lich: shop​.11freunde​.de

Der ZDF-Fern­seh­garten ist nicht gerade Pflicht­pro­gramm für Anhänger der Ber­liner Hertha. Auch des­halb bekamen nicht allzu viele Fans der alten Dame mit, als im Sommer das Hertha-Mas­kott­chen Her­thinho“ durch die Anlage auf dem Mainzer Ler­chen­berg hopste und sprang und dabei das neue Aus­weich­trikot der Hertha prä­sen­tierte, das nicht blau, nicht weiß, son­dern pink war. Eine Farbe, die umge­hend eine Welle der Empö­rung in der aktiven Fan­szene der Hertha aus­löste und dafür sorgte, dass auch heute, fast zwei Jahre später, immer noch regel­mäßig gegen die Farb­wahl pro­tes­tiert wird. Motto: Hertha nur echt in Blau-Weiß“.

Der Streit um die Farbe eines Tri­kots, das nur dann zum Ein­satz kommt, wenn weder das blaue Heim­trikot noch das blaue Aus­wärts­trikot sich aus­rei­chend von den Jer­seys des Geg­ners unter­scheiden, mutet auf den ersten Blick mar­ginal an. Das Trikot ist jedoch inzwi­schen nur einer von vielen Streit­punkten zwi­schen den Fans in der Ost­kurve und dem Ber­liner Manage­ment. Inzwi­schen setzen sich beide Seiten nicht mehr an einen Tisch, es dreht sich eine Eska­la­ti­ons­spi­rale aus Ver­boten und Pro­testen, der Ton in den Mails ist eisig. Direkt mit der Klub­füh­rung ver­han­deln, wollen die Ultras inzwi­schen ohnehin nicht mehr. 

Man­ches, wor­über in Berlin gestritten wird, mag ver­eins­spe­zi­fisch sein. Das meiste jedoch steht exem­pla­risch für Zer­würf­nisse, die sich in ähn­li­cher Form an vielen Stand­orten abspielen, in Köln etwa, in Bochum und vor allem in Han­nover, wo die Ultra-szene die Unter­stüt­zung der Mann­schaft ein­ge­stellt hat, als letzte Reak­tion auf das halb­sei­dene Besitz­streben des 96-Boss Martin Kind. Es sind zwei Welten, die auf­ein­an­der­prallen. 

Umbruch um Sommer 2016

Die eine Welt ist die der aktiven Fans, der Ultras, der Alles­fahrer, die jedes Wochen­ende mit der Hertha unter­wegs sind. Es ist eine Welt, die für eine Fuß­ball­kultur kämpft, die sich nicht voll­ends dem Kom­merz unter­ordnet, und für Fan­blöcke, in denen die Anhänger nicht für jede Fahne einen Pass bean­tragen müssen. Es ist die Welt von Kreisel, dem Vor­sänger der Ber­liner Har­le­kins“, Mitte 30, Drei­ta­ge­bart und Hoody, neben ihm Sabbo mit hellem Pull­over und Schal. Auch sie ist Mitte 30, geht seit zwanzig Jahren zur Hertha und kann kom­plexe Sach­ver­halte prä­gnant zusam­men­fassen: Wenn deine Frau dich drei Mal betrügt, dann triffst du dich auch nicht mehr locker mit ihr auf nen Wein­chen“, sagt sie auf die Frage, warum die Ultras nicht mehr mit der Geschäfts­füh­rung zusam­men­sitzen wollen.

Aus ihrer Sicht wech­selte Hertha BSC im Sommer 2016 nicht nur die Farbe des Aus­weich­tri­kots, son­dern auch den Umgangston mit den Anhän­gern. Zuvor seien beide Seiten in engem Aus­tausch gewesen, gemeinsam sei unter dem Motto Fahne pur“ das Ver­ein­sem­blem umge­staltet worden. Auch die Aus­stel­lung zur Geschichte des Haupt­stadt­fuß­balls unter­stützten die Ultras später.

Doch dann erlebten sie an den Spiel­tagen immer wieder Ent­täu­schungen: Die Musik­an­lage wurde nicht mehr her­un­ter­ge­re­gelt, damit der Fan­block sich ein­singen kann. Zivile Ordner seien plötz­lich im Block ein­ge­setzt worden. Der Bereich für die Banner wurde ein­ge­grenzt. Und zur 125-Jahr-Feier im Sommer 2017 habe der Klub einen Emp­fang im Rat­haus orga­ni­siert, ein geschlos­sener Kreis, ohne Aus­tausch mit den Anhän­gern. Die Fan­szene orga­ni­sierte ihrer­seits eine sepa­rate Party. Unter den Gästen: kein ein­ziger Ver­treter des Klubs. Die Ent­täu­schung der Ultras war groß. Wie eine Sil­ber­hoch­zeit, die die Ehe­partner getrennt von­ein­ander feiern“, sagt Sabbo.