Peter Hyballa, was haben Sie 1989/90 gemacht?

Peter Hyballa: Die Mauer war grad gefallen und ich habe mir noch Akne­creme ins Gesicht geschmiert.

Immerhin wurden Sie neu­lich auf einer Pres­se­kon­fe­renz schon mit his­to­ri­schen Ver­glei­chen kon­fron­tiert. 1989/90 erwischte die Ale­mannia einen ähn­lich schlechten Start und stieg am Ende der Saison ab.

Peter Hyballa: Ich bin extra nicht Geschichts­lehrer geworden, weil ich nicht nur über­legen will, was früher war. Ich ver­stehe die Frage, ich ver­stehe auch den Beruf des Jour­na­listen. Sie und Ihre Kol­legen schauen gerne in die Ver­gan­gen­heit, um Dinge ver­gleichbar zu machen. Sie arbeiten retro­per­spektiv. Ich bin aber Trainer geworden, um visionär zu arbeiten und in die Zukunft zu gucken. Des­halb habe ich 17 Jahre in den Zukunfts­ab­tei­lungen der Klubs, sprich im Jugend­be­reich, gear­beitet.

Als Trainer müssen Sie aber doch wenigs­tens so weit zurück­bli­cken, um das letzte Spiel zu ana­ly­sieren.

Peter Hyballa: Natür­lich über­lege ich, was ich nach einer Nie­der­lage besser oder nach einem Sieg ähn­lich machen kann. Aber immer alles bis ins Aller­letzte zu ana­ly­sieren, kommt mir wie Ohren­schmalz­suppe raus. In Bel­gien gibt es eine eigene Berufs­sparte, den Visio­närs­trainer. Das gefällt mir. Eine Frage nach 1989 hat für mich keine Sub­stanz. Ich mag kon­krete Fragen, tak­ti­sche Fragen.

Gerne, eine tak­ti­sche Frage also: Nach der Nie­der­lage gegen Energie Cottbus sagten Sie, Ihr Team habe nicht ins ver­ti­kale Spiel gefunden. Warum denn nicht?

Peter Hyballa: Beim Umschalten muss man in die Tiefe gucken, in die Tiefe laufen und in die Tiefe spielen. Um das umzu­setzen, muss man aber auch Bock haben und den Mut, einen Fehl­pass zu ris­kieren. Im Moment fehlt uns dieser Mut. Die Jungs haben Angst davor, Fehler zu machen. Das ist wie wenn ich sage: Denk auf keinen Fall an einen Ele­fanten mit blauen Punkten! Woran denkst du? Klar, an den Ele­fanten mit blauen Punkten.

Kann man Unbe­schwert­heit trai­nieren lassen?

Peter Hyballa: Mein Coa­ching­ver­halten zielt darauf ab. Ich sage auch mal: Scheiß doch drauf, spiel den Pass.“ Die Jungs kennen ja meine Idee vom Fuß­ball. Der­zeit kommt nur ein­fach das Men­tal­kino dazu. Vorne fehlt die Bereit­schaft. Wir bewegen uns schlecht, pro­bieren zu wenig aus und in der Folge kommt der Ball dann quer links, quer rechts. Es gibt Trai­nings­formen, die das mani­pu­lieren können. Die Vor­gabe, in sechs Sekunden vor das geg­ne­ri­sche Tor kommen zu müssen, zum Bei­spiel, oder die Option, das Spiel­feld sehr eng zu begrenzen. Da muss dann viel gelaufen werden und Quer­pässe ver­bieten sich. 

Vier Par­tien, vier Nie­der­lagen, dazu das Pokal-Aus – die lokale Presse will die Startelf durchro­tiert und die tak­ti­sche Aus­rich­tung umge­stellt sehen. Warum kann es aber auch mal richtig sein, gar nichts zu ver­än­dern?

Peter Hyballa: Um zu zeigen, dass nicht alles schlecht war. Dass wir viel Pech hatten. Gegen Cottbus haben wir zwei ver­meid­bare Tore bekommen. Des­wegen krempel ich nicht gleich den Spiel­stil um, den ich hier seit fünf­zehn Monaten pre­dige. Unser Credo ist und bleibt das Umschalten. Ist der Gegner nach Ball­ver­lust unge­ordnet, geht es mit Attacke nach vorne.

Auch andere Teams setzen darauf, das Feld schnell zu über­brü­cken.

Peter Hyballa: Klar, das ist ein gene­reller Trend. Schalten, schalten, schalten! Nicht ohne Grund spielen viele Zweit­li­ga­mann­schaften mitt­ler­weile im 4−1−4−1, mit einem schnellen Stürmer, den man bei Ball­ge­winn sofort schi­cken kann. Das ist die Zukunft.

Es gibt also gar keine Ver­än­de­rungen bei Ale­mannia Aachen?

Peter Hyballa: Doch, im Kleinen. Gegen Energie Cottbus sind wir in Aus­wärts­tri­kots auf­ge­laufen, dazu hat Benny Auer das Team in den letzten Minuten vor dem Anpfiff ein­ge­stimmt. Und in dieser Woche haben wir uns nach dem Trai­ning ein­fach mal Pizza rein­ge­schoben. Da war uns die Ernäh­rungs­wis­sen­schaft egal. 

Sie wollen Ihrer Mann­schaft wieder den jugend­li­chen Leicht­sinn ein­impfen.

Peter Hyballa: Auf jeden Fall. Das ist wie wenn du mit 18 in die Disko gehst. Da haust du dir einen in‘ Schädel rein und denkst nicht: Oh, das ist jetzt viel­leicht gar nicht so gut für mich.‘ Später aller­dings, mit 35 Jahren oder so, da machst du dir Gedanken. Wenn du da mit einem Kater auf­wachst, machst du am nächsten Tag wahr­schein­lich lang­samer – ver­passt so aber viel­leicht auch eine geile Party. In diesem Denk­pro­zess befinden wir uns grad. Wir haben die Leis­tung gegen Cottbus ver­standen. Was machen wir jetzt daraus?

Ist es unter dem Trainer Hyballa undenkbar, sich für einen dre­ckigen Sieg auch mal neunzig Minuten im eigenen Straf­raum ein­zu­mauern?

Peter Hyballa: Die Defen­sive ist mir wichtig. Wer glaubt, dass mich die sechzig Gegen­tore aus der letzten Saison nicht gewurmt haben, liegt falsch. Hinten gut stehen und vorne irgendwie eins machen, manchmal geht das. Aber ich hätte zu viel Schiss. Das lädt den Gegner ja gera­dezu ein zum Tore­schießen. Und in der zweiten Liga kann ein Schuss aus 22 Metern auch mal im Netz landen.

Sie gelten als Trainer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Das kann in einer Situa­tion wie der aktu­ellen sicher­lich auch mal vor den Kopf stoßen, wenn man die eigenen Fehler so um die Ohren gehauen bekommt.

Peter Hyballa: Der Ton ist gar nicht rauer geworden. Eher schmu­siger. Ich merke doch, dass die Spieler wollen. Das ist gut, denn als Trainer kann man sich selbst nur in Frage stellen, wenn die Spieler nicht mehr laufen, kämpfen und arbeiten.

Axel Kruse berich­tete davon, wie Chris­toph Daum ihn einst heiß gemacht hat: sekun­den­langes Anstarren, pro­vo­zie­rende Sprüche. Mal spielte Kruse in der Folge genial, mal schubste er Schieds­richter Osmers um.

Peter Hyballa: Es kommt doch darauf an, welche Spie­ler­typen zur Ver­fü­gung stehen. Mit Marco Höger und Tolgay Arslan (Höger jetzt bei Schalke 04, Arslan beim HSV, d. Red.) habe ich mich gerieben, ange­legt. Wenn ich das gemacht habe, kam was zurück. Jetzt habe ich viele Jungs aus den Leis­tungs­zen­tren, die sehr strom­li­ni­en­förmig sind, sehr struk­tu­riert und mit sehr viel Wissen über den Fuß­ball aus­ge­stattet. Die durch Belei­di­gung anzu­sta­cheln, wäre kon­tra­pro­duktiv. Da ermu­tige ich eher, nehme in den Arm, biete Lösungen an. Damit können die mehr anfangen.

Sie nennen die Spieler strom­li­ni­en­förmig. Fehlt der berühmt-berüch­tigte aggres­sive leader“? Ein Typ mit Ecken und Kanten, der vor­neweg geht und mit einer frühen Grät­sche ein Zei­chen setzt?

Peter Hyballa: Ich meine das nicht negativ. Die Spieler sind hoch­in­tel­li­gent und jeder will intel­li­gente Spieler haben. Jetzt müssen sie lernen, mit der schwie­rigen Situa­tion umzu­gehen. Es ist doch wie bei mir: Im letzten Jahr wurde ich als Jung­trainer und New­comer gehypt. Manche haben mich schon in die Bun­des­liga geschrieben. Und jetzt? Bin ich immer noch so wie damals, gelte aber plötz­lich als Sprü­che­klopfer und Selbst­dar­steller. Mir ist beides egal. Das ver­suche ich meinen Spie­lern zu ver­mit­teln.

Ein Trainer, den die öffent­liche Mei­nung gar nicht anficht. Sie müssen ein dickes Fell haben.

Peter Hyballa: Wir haben eine Demo­kratie, jeder darf seine Sicht der Dinge kundtun. Wenn sich irgendwer berufen fühlt, meine Mimik und Gestik zu inter­pre­tieren, soll er das tun. Kritik und Mei­nung nehme ich aber nur von Leuten an, die ers­tens in der Materie sind, die ich zwei­tens für voll nehme und die drit­tens Argu­mente bringen, die ich ver­stehe.

Peter Hyballa, was würde José Mour­inho tun, wäre er mit Ale­mannia Aachen in dieser miss­li­chen Lage?

Peter Hyballa: Er würde wahr­schein­lich einen Spruch bringen.

Es war näm­lich zu lesen, dass Mour­inho Ihr großes Trai­ner­vor­bild ist.

Peter Hyballa: Ich habe kein Vor­bild, da wehre ich mich gegen. Ich kann nur ein Vor­bild haben, wenn ich den­je­nigen auch wirk­lich kenne. Mour­inho kenne ich nicht. Aber er war auch kein großer Fuß­baller, er hat sich auch nach oben gear­beitet, ohne von Bezie­hungen zu pro­fi­tieren. Das sind viel­leicht Wesens­züge, in denen ich mich ein biss­chen wie­der­erkenne. Mour­inho ist ein Typ.

Und ein Typ ist …

Peter Hyballa: Ein Typ ist nicht, wer eine Täto­wie­rung auf dem Rücken hat. Ein Typ ist, wer auch mal pro­vo­ziert und sich anlegt. Ich mag Trainer, die mal einen Spruch bringen, im Wissen, dass dieser Spruch knüp­pel­hart zurück ins Gesicht springen kann. Mir fliegen jetzt auch alle Sprüche, die ich irgend­wann mal raus­ge­hauen habe, wie Schnee­bälle ent­gegen. Fuß­ball ist eben auch Show.

Wie lange sind Sie noch Trainer von Ale­mannia Aachen?

Peter Hyballa: Ich weiß, dass in Aachen die glei­chen Mecha­nismen greifen wie in Mün­chen, Novo­si­birsk und Sim­babwe. Ich muss Punkte holen.

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Hin­weis: Dieses Inter­view wurde bereits im August mit Peter Hyballa geführt. Damals blickte der Jung­coach relativ ent­spannt auf einen Fehl­start mit vier Nie­der­lagen aus vier Spielen. Heute (13.09.2011) wurde Hyballa mit sofor­tiger Wir­kung bei Ale­mannia Aachen ent­lassen.