Seite 2: Echt, aber surreal

Raul war greifbar echt und doch wirkten seine Auf­tritte im Trikot des FC Schalke für mich bis zum Ende fast sur­real. Jedes Wochen­ende musste ich mich von Neuem über­zeugen, dass er wahr­haftig auf dem Platz stand. Mein Liebe zum FC Schalke, über Jahre durch Tief­schläge und Ent­täu­schungen auf ein erträg­li­ches Maß abge­kühlt, ent­flammte mit jedem Auf­tritt Rauls im königs­blauen Trikot neu.

Raul machte mich zum Fan im Teen­ager-Modus: hoch­nervös, rot­wangig, ein biss­chen ver­liebt und sehr naiv. Ich glaubte, dass es immer so weiter gehen würde. Raul würde noch zehn Jahre bleiben, noch zehn Jahre auf Raul-Niveau wei­ter­spielen, Schalke 04 zwangs­läufig zum auf­re­gendsten Klub der Liga machen. Dass das ein Irr­glaube war, wurde spä­tes­tens mit dem Abgang von Felix Magath deut­lich. Fast wöchent­lich schwand das Stan­ding des Welt­stars in der Schalke-Elf. Vor der neuen Saison wurde erst­mals über einen vor­zei­tigen Weg­gang spe­ku­liert. Trainer Ralf Rang­nick könne nichts mit ihm anfangen, hieß es. Absurd. Und alles, was vorher so herr­lich blumig war, wurde schlei­chend wieder grau, wieder unver­ständ­lich, wieder Schalke.

Ein Tep­pich aus Liebe

Zu seinem letzten Auf­tritt im Trikot von Schalke 04 fuhr ich extra nach Bremen. Ich wollte Gott noch einmal über den Rasen schweben sehen. Eine Woche zuvor hatte er sich unter Tränen von den Fans in der Arena ver­ab­schiedet. Selbst beim Anblick der Nach­be­richt­erstat­tung hatte ich noch einen Klos im Hals. Doch in Bremen saß Raul 85 Minuten lang auf der Bank. Dann stand er auf und ging in die Kabine. Auf den fünfzig Metern von der Ersatz­bank zum Spie­ler­tunnel im Weser­sta­dion blickte er schüch­tern zu Boden wie an seinem ersten Tag. In der Hand hielt er kein Stück Kohle, son­dern seine Schien­bein­schoner.

Plötz­lich erhob sich das gesamte Sta­dion und applau­dierte. Auf diesem Sound­tep­pich aus Liebe mar­schierte Raul aus der Bun­des­liga. Aus dem Gäs­te­block ertönte ein letztes Mal das trot­zige Credo der ver­gan­genen zwei Jahre im Senor-Rausch und auch ich brummte sehr leise und sehr traurig mit: Keine Schale in der Hand, Peter Zwegat auf der Bank – scheiß­egal wir ham Raul!“