Seite 2: In der Welt der Reichen und Schönen?

Wer diesen Dirk Zingler im wei­teren Ver­lauf des Abends sah, erlebte einen völlig auf­ge­lösten Mensch, der etwas davon stam­melte, wie sur­real“ es sei, in die Bun­des­liga auf­zu­steigen. Das war inso­fern bemer­kens­wert, weil der Ver­eins­prä­si­dent sonst ziem­lich nüch­tern und klar auf die Dinge schaut. Aber es waren da an der Alten Förs­terei nur Men­schen unter­wegs, die den Ein­druck machten, an einem Mas­sen­ex­pe­ri­ment mit bewusst­seins­er­wei­ter­enden Drogen teil­zu­nehmen oder gerade eine reli­giöse Erschei­nung zu haben und in Ekstase ver­fallen zu sein. Sie gaben unkon­trol­lierte Schreie von sich, wollten immer wieder die­selben Lieder singen („Uns’re Mann­schaft, unser Stolz, unser Verein!“) oder ver­sanken in stummer Erschöp­fung. Sie hatten leere Blicke oder wild fla­ckernde, letzt­lich waren alle ver­rückt geworden. Einige rupften Stücke aus dem Rasen, der nun heilig war. Viele weinten. 

Ver­ein­s­i­den­tität Underdog

Viel­leicht drehten alle auch des­halb so durch, weil sie sich fühlten wie eine Expe­di­tion, die zwar ihr Ziel erreicht hat, plötz­lich aber fest­stellt, dass sie sich damit ganz schön weit raus­ge­wagt hat. Tief im Bewusst­sein aller Unioner ver­wur­zelt ist schließ­lich die Vor­stel­lung, dass ihr Klub ein Underdog ist. Das war schon zu DDR-Zeiten so und auch nach der Wende, als der Verein aus Köpe­nick fast unter­ging. Damals ret­teten ihn Fans, die Blut spen­deten und das Geld dafür dem dar­ben­den­Klub gaben. Und wo sonst haben die eigenen Anhänger geholfen, am Sta­dion mit­zu­bauen? Also mal im Ernst: Gehört so ein Klub wirk­lich in die Bun­des­liga, in die Welt der Rei­chen und Schönen? 

Zwei Jahre vor der rau­schenden Auf­stiegs­nacht hatte es schon mal so aus­ge­sehen, als ob sie es in die Eli­te­klasse schaffen würden. Zwei Monate vor Sai­son­ende war die Mann­schaft sogar an der Tabel­len­spitze, und in der Kurve wurde ein Trans­pa­rent hoch­ge­halten: Scheiße, wir steigen auf.“ Und scheiße, jetzt war es also wirk­lich so weit. Ver­mut­lich wird der Unglaube über diesen Auf­stieg erst wei­chen, wenn der Spiel­plan der Bun­des­liga ver­öf­fent­licht wird. Dann werden alle Unioner sehen, dass die ver­rückte Expe­di­tion sie wirk­lich in die Bun­des­liga geführt hat. Nach Bremen und, ver­dammt, zum FC Bayern! Auf den Fahrten dahin werden sie einen ihrer belieb­testen Gesänge anstimmen: Dem Mor­gen­grauen ent­gegen, zieh’n wir gegen den Wind. Wir werden alles zer­legen, bis wir Deut­scher Meister sind.“ Und jetzt können sie es ja wirk­lich werden.