Bruno Reckers, Bernd Kro­schewski, Thommy Kum­metat, im Januar 2012 fand in Berlin ein Fan­kon­gress mit 400 Teil­neh­mern und dem DFB-Sicher­heits­chef als Podi­ums­gast statt. Hättet ihr euch bei eurem ersten Sta­di­on­be­such vor­stellen können, dass sich Fuß­ball­fans jemals in dieser aus­ge­prägten Form deutsch­land­weit orga­ni­sieren würden?
Bernd Kro­schewski (Fan des Ham­burger SV): Im Leben nicht. Aber als ich 1981 das erste Mal beim HSV war, hätte ich auch die­je­nigen für geis­tes­krank erklärt, die mir erzählt hätten, dass 2012 Yup­pies, Popper und Neu­reiche in die Sta­dien mar­schieren, um hinter dicken Glas­scheiben Fuß­ball zu gucken.

Bruno Reckers (Fan von Borussia Dort­mund): Ich bin 1963 als Neun­jäh­riger das erste Mal zur Borussia gegangen. Zu dieser Zeit trafen sich die Fans am Bahnhof, tranken ein paar Bier und gingen gemeinsam zum Sta­dion. Von straffer Orga­ni­sa­tion war da nichts zu spüren.

Thommy Kum­metat (Fan von Ein­tracht Frank­furt): Zu meiner Zeit, Anfang der Sieb­ziger, wurde jemand, der regel­mäßig ins Fuß­ball­sta­dion ging, von anderen ver­spottet oder zumin­dest schief ange­guckt.

Die Orga­ni­sa­toren des Fan­kon­gresses bemän­gelten, dass nur sehr wenige Ver­eins­ver­treter gekommen seien.
Kum­metat: Dabei ist das Ver­hältnis zwi­schen Ver­einen und ihren Fans heut­zu­tage fast vor­bild­lich. Als Fuß­ballfan waren wir damals ein not­wen­diges Übel, das den Klubs die Kassen gefüllt hat.

Und trotzdem habt ihr nie auf­ge­hört, regel­mäßig ins Sta­dion zu gehen. Warum?
Kro­schewski: Fuß­ball gucke ich mir ein­fach immer noch sehr gerne an. Und die Rand­er­schei­nungen – sich mit Freunden treffen, was trinken, schnacken – sind auch nicht zu ver­achten.

Reckers: Als Fuß­ballfan, der seit Jahr­zehnten seinem Klub die Treue hält, hast du schnell einen rie­sigen Bekann­ten­kreis. Ich habe fast überall in Deutsch­land Freunde, bei denen ich immer einen Schlaf­platz ergat­tern könnte.

Kum­metat: Ich möchte gar nicht wissen, wie viele zukünf­tige Ehe­paare sich beim Fuß­ball in Frank­furt ken­nen­ge­lernt haben! Das Spiel an sich ist mir wichtig, steht aber nicht immer im Vor­der­grund. Ich habe schon Spiele ver­passt, weil ich an der Bier­bude stand.

Rück­bli­ckend scheint die Fan­szene damals deut­lich gewalt­ori­en­tierter gewesen zu sein als heute. Wie habt ihr das erlebt?
Reckers: Gewalt war immer ein Thema beim Fuß­ball. Aber bis in die acht­ziger Jahre hi­nein war das doch alles sehr unor­ga­ni­siert. Im Sep­tember 1969, beim legen­dären Derby zu Hause in der Roten Erde gegen die Blauen, als Friedel Rausch von einem Schä­fer­hund gebissen wurde, kam ich zu spät zum Spiel und geriet in einen blau-weißen Mob. Im Sta­dion war es so voll, dass ich direkt hinter dem Tor stand, die Nase im Tor­netz! Und das im Aus­wärts­be­reich, ich hatte keine Chance raus­zu­kommen. Als unser Stürmer Werner Weist das 1:1 schoss, sprang ich auf, bekam eine auf den Hin­ter­kopf, und das war es dann auch.

Kro­schewski: Klingt doch ganz fried­lich.

Reckers: War es ja auch. Circa 15 Jahre später wurde unser Zug schon bei der Ein­fahrt in Gel­sen­kir­chen von Steinen zer­legt, und man fuhr uns mit Bussen durch die Sta­di­on­tore direkt ins Sta­dion.

Kum­metat: In Köln und Kai­sers­lau­tern war es als Frank­furter immer unge­müt­lich, in Ham­burg konnte man im Gegen­satz dazu zwei Tage durch­saufen, und in anderen Städten wurden wir schon am Bahnhof mit Dosen­bier emp­fangen. Wenn man nicht völlig grün hinter den Ohren war, wusste man schnell, wo es Ärger geben konnte und wo nicht. Dann wurde eben der Schal in der Jacke ver­steckt, und man war feige. Aber dafür waren auf der Rück­fahrt noch alle Zähne an Ort und Stelle.

Gewalt war, so gesehen, gesell­schafts­fähig in der Fan­szene.
Reckers: Prin­zi­piell nicht. Ich bin nie zum Fuß­ball gefahren, um mich zu prü­geln. Aber es war schon eine gewohnte Begleit­erschei­nung.

Kum­metat: Ich habe einige Jahre lang das Fan­zine Bocken­heimer Bembel“ her­aus­ge­geben. 1981 haben wir mal eine Umfrage unter deut­schen Fan­klubs gestartet. Gesucht wurden die gefähr­lichsten Bun­des­li­gafans.

Kro­schewski: Und wer hat gewonnen?

Kum­metat: Schalke. Auf den Plätzen folgten die Kölner, die Fans von Hertha, Nürn­berg und Dort­mund. Wir bewegten uns als Ein­tracht-Fans im Mit­tel­feld. Schluss­lichter waren Bochum, Braun­schweig, Bie­le­feld und Lever­kusen. Bei Spielen gegen Schalke, Köln, Hertha und Nürn­berg musste man immer damit rechnen, dass es Ärger gab. Kein Wunder, dass diese Szenen jah­re­lang keine Fan­freund­schaften hatten.

Wann wurde die Gewalt in den Kurven orga­ni­sierter? In Dort­mund war die Borus­sen­front“ eine berüch­tigte Gruppe.
Reckers: Die Borus­sen­front“ wurde ursprüng­lich gegründet, um sich gegen den Erz­feind zu wehren. Beim Heim­spiel gegen Saar­brü­cken am 18. März 1978 wurden im West­fa­len­sta­dion Flug­zettel mit der Auf­schrift ste­hen­bleiben, wenn die Blauen kommen!“ ver­teilt.

Auch der HSV geriet durch die radi­kale Fan­gruppierung Die Löwen“ in Verruf.
Kro­schewski: Bei uns war es wie in allen anderen Sta­dien: Erst gab es die Rocker, dann die Skins, dann die Hools. Die Löwen“ waren bald gefürchtet. Wenn man die sah, hieß es: Da kommen 1000 Jahre Knas­ter­fah­rung.

Kum­metat: Bei uns war es ähn­lich wie in Dort­mund. Nachdem es 1982 beim Aus­wärts­spiel in Lever­kusen – ich betone: Lever­kusen – auf die Mütze gegeben hatte, grün­dete sich die Adler­front“, damit sich dieser Vor­fall nicht mehr wie­der­holen würde. Eine Hool­grup­pie­rung zur Selbst­ver­tei­di­gung, wenn man so will. Später hat die Adler­front“ natür­lich nicht nur reagiert, son­dern leider auch agiert.

Sowohl der Borus­sen­front“ als auch der Adler­front“ und den Löwen“ sagte man nach, rechts­ra­dikal unter­wan­dert zu sein. Wie viel Politik steckte damals im Fuß­ball?
Reckers: Die Borus­sen­front“ war zunächst unpo­li­tisch. Erst Anfang der Acht­ziger hat sie sich Rich­tung rechts radi­ka­li­siert. Wir haben immer ver­sucht, die Nazis aus­zu­grenzen.

Kro­schewski: Ich habe einige Stunden damit ver­bracht, im Volks­park­sta­dion Auf­kleber der Ham­burger Liste für Aus­län­der­stopp“ und NPD-Sti­cker abzu­kratzen, weil ich keinen Bock auf diesen Nazi­dreck hatte. Heute traue ich dem Frieden immer noch nicht. Als wir 2009 gegen Hapoel Tel Aviv antraten, habe ich richtig Schiss gehabt, dass sich die rechten Arsch­geigen wieder zu erkennen geben.

Kum­metat: So schlimm?

Kro­schewski: Viel­leicht bin ich dies­be­züg­lich auch etwas arg sen­si­bi­li­siert. Die furcht­barsten Stunden meines Lebens habe ich beim Aus­wärts­spiel gegen Gornik Zabrze 1991 erlebt. Wir saßen zu viert in einem Bus voller Zom­bies. Kaum hatten wir Polen erreicht, mutierten die meisten Typen zu Land­sern und grölten, dass dieses Land doch ihnen gehören würde. Dafür schäme ich mich bis heute. Kaum in Zabrze ange­kommen, bekam mein Bruder von einem pol­ni­schen Neo­nazi aufs Maul – was ja wie­derum ein Gag für sich war.

Der nega­tive Höhe­punkt in der Geschichte der deut­schen Fuß­ball­fans ist der Tod des Bre­mers Adrian Maleika, der am 17. Oktober 1982 nach Aus­schrei­tungen beim Pokal­spiel gegen den Ham­burger SV starb. Wie sehr erschüt­terte dieses Ereignis die Fan­szene?
Reckers: Der Tod von Adrian hat damals alle geschockt. Auch wenn es mich nicht so sehr über­raschte. Die Gewalt beim Fuß­ball hatte ja in den Jahren vorher immer weiter zuge­nommen. Adrians Tod war der nega­tive Höhe­punkt dieser Ent­wick­lung.

Ver­ant­wort­lich gemacht für den Tod von Maleika wurde der HSV-Fan­klub Die Löwen“.
Kro­schewski: Ich war 13 und aus­nahms­weise ging ich an diesem Tag alleine los. Ich weiß noch, wie meine Mutter zu mir sagte: Das ist doch viel zu gefähr­lich!“ – Ach, Quatsch, das ist doch nur ein Fuß­ball­spiel“, habe ich geant­wortet. Und einen Tag später war Adrian Maleika tot. Das war irgendwie sur­real, aber auch absehbar. Ich habe es schon als Kind häufig genug erlebt, dass die Steine flogen.

Kum­metat: Für Fuß­ball­fans war das eine beschis­sene Zeit. Jetzt wurde jeder, der für seinen Klub im Sta­dion brüllte, unter Gene­ral­ver­dacht gestellt, ein blut­rüns­tiger Gewalt­täter zu sein.

Gab es für euch jemals einen Moment, an dem ihr ernst­haft über­legt habt, nie wieder zum Fuß­ball zu gehen?
Kum­metat: Nein. Aber der könnte kommen. Wenn die 50+1‑Regel abge­schafft wird und die Ein­tracht von einem Investor über­nommen wird. Dann gehe ich defi­nitiv nicht mehr hin.

Kro­schewski: Krass. Ehr­lich?

Kum­metat: Ja. Die Ein­tracht ist mein Verein. Ich bin kein Geld­an­la­ge­ob­jekt für irgend­einen gelang­weilten Ölscheich.

Reckers: Wenn dieser Fall ein­treten würde, dann ist es eben nicht mehr dein Verein. Dann mutiert dein Klub zu einer Miss­ge­burt.

Kum­metat: Richtig. Ich trage ja den Adler auf dem Herzen und keine Ölpumpe. Wenn es so weit kommen sollte, würde ich es ein­fach wie die Jungs vom FC United of Man­chester machen und einen neuen Klub gründen.

Kritik an der Kom­mer­zia­li­sie­rung, Ver­eins­treue, der Fan als Träger und Ent­scheider seines Klubs – das sind auch Kern­themen der Ultra­be­we­gung.
Kum­metat: Warum auch nicht? Die Ultras sehen sich gleich­zeitig als eine Art Sub­kultur, bedin­gungs­lose Unter­stützer des eigenen Ver­eins und wich­tige Eck­pfeiler der Klub­kultur. Wir waren da nicht anders. Auch wir haben uns optisch bewusst abge­grenzt, waren bewusst ver­rückter, haben gesoffen und uns daneben benommen, weil das den Rest der Bevöl­ke­rung so schön auf­ge­regt hat. Eine nega­tive Aus­for­mung dieser Denke war, dass bei­spiels­weise in Kai­sers­lau­tern auch mal Briegel nach Ausch­witz“ ange­stimmt wurde. Im Nach­hinein finde ich das natür­lich total daneben, aber damals war es Pro­vo­ka­tion in Rein­form.

Ultras nehmen für sich in Anspruch, die wahren“ Fans zu sein. Wie seht ihr das?
Reckers: Fan zu sein bedeutet für mich, immer dabei zu sein, wenn die eigene Mann­schaft spielt. Das ver­stehe ich auch unter dem Begriff Ultra“. So gesehen sind selbst wir alten Säcke Ultras.

Kro­schewski: Mir gehen die Ultras manchmal auf die Nerven, vor allem wenn sie mir was von Tra­di­tion erzählen wollen. Eine gern erzählte Anek­dote in Ham­burg zu diesem Thema ist ein Dialog zwi­schen zwei Mäd­chen in der U‑Bahn: Scheiße, jetzt heißt das Sta­dion Imtech-Arena. Für mich wird es immer die AOL-Arena bleiben!“

Kum­metat: Der mono­tone Sing­sang geht mir auf den Keks. Und ich finde es nervig, wenn jemand 90 Minuten lang vor meiner Nase eine rie­sige Fahne schwenkt. Das ist rück­sichtslos. Die Ultras sagen: Dann setz dich doch woan­ders hin!“ Das mag für Heim­spiele eine Lösung sein, aber aus­wärts stehen wir alle im selben Block.

Kro­schewski: Aber in letzter Kon­se­quenz ist mir ein pick­liger 16-Jäh­riger, der von Tra­di­tion spricht und mir seine Fahne ins Gesicht hält, dafür aber bei jedem Spiel am Start ist, lieber als jemand, der nicht da ist und die Schnauze hält. Vieles an der Ultra­kultur finde ich auch sehr sym­pa­thisch: Die Cho­reos sind teil­weise wirk­lich geil. Und das ganze soziale Enga­ge­ment für den eigenen Verein – nicht nur die Fuß­ball­sparte – ist auch irgendwie roman­tisch.

Die Ultras geben in deut­schen Fan­kurven längst den Ton an, nicht nur akus­tisch. Wie hat sich der Macht­wechsel auf den Tri­bünen voll­zogen?
Kum­metat: Mitte der Neun­ziger gab es in den Kurven eine Art Vakuum. Die älteren Krea­tiv­köpfe waren in die Sitz­platz­be­reiche abge­wan­dert, die Hools und Glatzen hatten längst Sta­di­on­ver­bote. Da war ein­fach nichts mehr los. Die Ultras Frank­furt haben sich 1997 ja vor allem des­halb gegründet, um wieder Stim­mung im Wald­sta­dion zu erzeugen.

Reckers: Die Kurven waren leer, die Ultras haben diese Plätze gefüllt. Das war ein ganz nor­maler Genera­tio­nen­wechsel.

Kum­metat: Mit dem Unter­schied, dass die Ultras keine Macht­kämpfe gegen die Platz­hir­sche aus­tragen mussten.

Sicht­barstes Zei­chen dieser neuen Fan­kultur sind ben­ga­li­sche Feuer. Auch ein Kern­thema der Ultra­be­we­gung.
Reckers: Obwohl es die auch schon früher gegeben hat. Mit dem Unter­schied, dass sich nie­mand dafür inter­es­siert hat.

Kro­schewski: Ich begreife wei­terhin nicht, warum das so ein Thema geworden ist.

Kum­metat: Weil die Ultras eine wich­tige Lek­tion noch nicht gelernt haben: Wer in der Kurve das Sagen hat, der muss auch Ver­ant­wor­tung über­nehmen! Wenn in den Acht­zi­gern jemand im Wald­sta­dion seine Wun­der­kerze in die Jacke seines Vor­der­manns schmiss, gab es dafür auf die Nase. Heute stellt sich einer neben den Vor­sänger auf den Zaun und zündet eine Tau­cher­f­a­ckel an. Obwohl nie­mand besser weiß als die Ultras, was das für Kon­se­quenzen für den eigenen Klub hat. Ich ver­misse die Selbst­re­gu­lie­rung. Warum sagt nie­mand: Wir haben Scheiße gebaut, und jetzt stehen wir dafür gerade“?

Kro­schewski: Alle Betei­ligten sollten sich end­lich an einen Tisch setzen und einen Kom­pro­miss finden. Viel­leicht können die Pyro­her­steller ein paar Fackeln ent­werfen, die sta­di­on­taug­li­cher sind als die han­dels­üb­li­chen Ben­galos.

Reckers: Die E‑Zigarette fürs Sta­dion. Eine super Idee!

Wir spra­chen zu Beginn über den Fan­kon­gress. Eine von den Fans orga­ni­sierte Ver­an­stal­tung, in der es um die­selben Themen geht, über die wir gespro­chen haben: Gewalt, Polizei, Pyro­technik. Wenn dieses Inter­view erscheint, nimmt in Würz­burg das erste Institut für Fan­kultur“ seine Arbeit auf. Abschlie­ßende Frage: Wie viele Regu­la­rien hat das Fan­sein eigent­lich nötig?
Reckers: Regeln? Ich glaube, wenn es irgend­wann den Fan von der Stange gibt, dann ist der Fuß­ball schon so gut wie tot.

Kum­metat: Viel­leicht darf es nur eine Regel geben und die heißt: Was zählt, ist einzig und allein der Verein, dein Klub. Scheiß auf die Spieler, scheiß auf die Trainer, scheiß auf die Manager, scheiß auf die VIPs.

Kro­schewski: Oder, um diese Runde mit einem augen­zwin­kernden Zitat zu beenden: Regeln und Kno­chen, beides wird gebro­chen!“