Es ist nicht über­lie­fert, wie genau Claus Vogt den ver­gan­genen Sonn­tag­abend ver­bracht hat. Doch ob gemüt­li­cher Wochen­aus­klang oder nicht: Die Aus­sagen, mit denen Sport­di­rektor Sven Mis­lintat in Stutt­garter Zei­tung“ und Stutt­garter Nach­richten“ zitiert wurde, dürften beim VfB-Prä­si­denten auf die Stim­mung geschlagen haben.

Aus­ge­rechnet zu einem Zeit­punkt, an dem es sport­lich nicht so läuft“, ärgerte sich Mis­lintat über das Bekannt­werden mög­li­cher Nach­folger für Sport­vor­stand Thomas Hitzl­sperger, der sich spä­tes­tens im Herbst 2022 zurück­ziehen will. Die Suche nach adäquatem Ersatz treibt der Auf­sichtsrat, dem auch Prä­si­dent Vogt ange­hört, voran. Er selbst sei hin­gegen nur zu Beginn ein­ge­bunden gewesen, zuletzt nicht einmal mehr kom­mu­ni­kativ“, so Mis­lintat.

Doch nicht nur das: Der Sport­di­rektor kri­ti­sierte zudem, dass die Exper­tise, die es im Verein bereits gebe, bei der Suche nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt werde. Worum es mir geht, ist, dass der Weg, den Thomas Hitzl­sperger, Markus Rüdt (Sport­or­ga­ni­sa­tion, Anm. d. Red.), Thomas Krü­cken (Nach­wuchs­chef, Anm. d. Red.), Pel­le­grino Mata­razzo und ich zusammen begonnen haben und den wir auch nach Thomas‘ Aus­scheiden gerne wei­ter­gehen würden, beschützt ist“, sagte der 49-Jäh­rige. Der vor kurzem noch auf der sport­li­chen Über­hol­spur fah­rende VfB Stutt­gart bremst gerade also kräftig aus. Bahnt sich die nächste große Krise nach dem Abstieg im Jahr 2019 an?

Mis­lintat sorgt sich um sein Werk

Bei der Ein­ord­nung der aktu­ellen Situa­tion sollte das Sport­liche zunächst wei­test­ge­hend von den Vor­gängen auf der Füh­rungs­ebene getrennt werden. Denn der in den Tabel­len­keller abge­rutschte VfB hat nach einer starken letzten Saison mit der­artig großen Ver­let­zungs­sorgen – zwi­schen­zeit­lich fiel fast die kom­plette Stamm­be­set­zung der Offen­siv­reihe aus – zu kämpfen, dass es vor­erst nicht ange­bracht scheint, daraus Rück­schlüsse auf etwaige Fehler in der Zusam­men­stel­lung des Kaders zu ziehen. Viel­mehr wirkt es, als nähmen ein­zelne Ver­ant­wort­liche die schwie­rige sport­liche Phase zum Anlass, um per­so­nelle Ent­schei­dungen ein­zu­leiten, die sich im Moment des Erfolges eher ver­böten. Stan­ding und Ein­fluss von Kader­planer Mis­lintat sind auto­ma­tisch immer dann am größten, wenn seine Ver­pflich­tungen ihre Klasse zeigen können und dem VfB sport­li­chen Erfolg bescheren.

Der Auf­sichtsrat hat es damit in guten Phasen schwer, Per­so­nal­ent­schei­dungen durch­zu­drü­cken, die sich nicht mit Mis­lin­tats Vor­stel­lungen decken. So auch bei der Ent­schei­dung für einen Hitzl­sperger-Nach­folger. Es ergibt sich eine Art Zwick­mühle: Einer­seits weiß Vogt, was Mis­lintat für den VfB bedeutet und will ihn nicht ver­graulen, ande­rer­seits darf er auch nicht den Ein­druck ver­mit­teln, bei der Per­so­nalie des Sport­vor­stands nur auf den Sport­di­rektor zu hören.

Mis­lin­tats Stand­punkt ist der­weil klar: Er schätzt die ver­trau­ens­volle wie erfolg­reiche Zusam­men­ar­beit mit Rüdt, Krü­cken und Hitzl­sperger – und sieht in einem externen Zugang auf der Posi­tion des Sport­vor­stands eine poten­zi­elle Gefähr­dung für sein funk­tio­nie­rendes Pro­jekt. Dazu passt, dass sich der gebür­tige West­fale auch ver­stärkt um finan­zi­elle Aspekte sorgt. Wenn Jahr für Jahr die Spieler abge­geben werden müssen, die Mis­lintat erst kurz vorher her­aus­ge­bracht hat, fällt die Ver­wirk­li­chung seiner Ideen schwer. Beson­ders aus­sa­ge­kräftig, dass der Sport­di­rektor den Weg über die Medien gewählt hat, um seine Bedenken zu arti­ku­lieren – intern wurden sie offenbar nicht gehört.

Gemein­same Linie oder Krise

Wie also weiter? Nahe­lie­gend erschien ein internes Rei­ne­ma­chen im Laufe der Woche. Es gab dann auch Gespräche, die Vogt bei der dpa“ als offenen und guten Aus­tausch“ bezeich­nete. Ansonsten hielt sich der Prä­si­dent aber bedeckt: Der Auf­sichtsrat sucht nach der besten Lösung für die künf­tige Füh­rung der VfB AG.“ Ob die Dif­fe­renzen damit aus­ge­räumt sind, bleibt frag­lich. Dem VfB des­wegen jedoch gleich einen internen Macht­kampf anzu­hängen, wäre über­zogen. Stutt­gart scheint aber an einem Punkt zu stehen, an dem es in ver­schie­dene Rich­tungen gehen könnte. Findet sich eine gemein­same Linie in Sachen Sport­vor­stand, ist die Sta­bi­li­sie­rung wahr­schein­li­cher, bleiben die Vor­stel­lungen unter­schied­lich, könnte die Krise ins Haus stehen.

Immerhin: Die Mann­schaft zeigte sich unter Trainer Pel­le­grino Mata­razzo schon einmal immun gegen Unruhe im Ver­eins­um­feld. Als sich Prä­si­dent Vogt und Vor­stand Hitzl­sperger Anfang des Jahres zofften, blieb das Team unbe­ein­druckt und punk­tete weiter. Sollte das erneut gelingen – am Sonntag geht es gegen Tabel­len­nachbar Hertha –, könnte das auch die Nerven der Ver­eins­oberen etwas beru­higen. Oder zumin­dest den Sonn­tag­abend des Prä­si­denten retten.