Flo­rian Renz, Ihr Verein wirbt mit dem Slogan: »Beim Fuß­ball geht es um die Wurst«. Gehören Fuß­ball und Wurst tat­säch­lich immer noch zusammen?
 
Für viele ist die Wurst beim Fuß­ball nicht mehr so wichtig, wie sie es einmal war. Doch für mich macht sie nach wie vor 40 Pro­zent eines Spiels aus. Ein guter Kick und die per­fekt gegrillte Wurst – der per­fekte Sonn­tag­nach­mittag.



Warum hat die Fuß­ball­wurst für die All­ge­mein­heit nicht mehr die Bedeu­tung von einst?

 
Vielen Leuten, die heute in über­dachte Mul­ti­plex­arenen strömen, sind Tra­di­tionen nicht mehr so wichtig. Ich habe nichts gegen Arenen, ich gehe auch gele­gent­lich in die Erst­li­ga­sta­dien. Doch in den Arenen besteht die Mehr­heit des Publi­kums aus Typen, die unge­fil­tert auf dieses Event­ding stehen, die den Cheer­lea­dern und Blö­del­barden in der Pause zuju­beln – und diesen Fans ist es egal, ob sie in der Halb­zeit eine Wurst vom lokalen Schlachter, von Salz­brenner oder einen pap­pigen Cheese­burger von McDonald’s bekommen.
 
In Lever­kusen gibt es bereits ein McDonald’s‑Restaurant. Werden die großen Fast­food­ketten in naher Zukunft zum Stan­dard der Arenen gehören?
 
Der Schritt zur Fast­food­kette ist das Spie­gel­bild unserer Gesell­schaft. Alles schnell, alles to-go, alles ein­heit­lich. Ich finde schlimm, dass das ange­nommen wird, auf­zu­halten ist dieser Trend indes nicht. Und ganz ehr­lich, mir kam der Schritt von den fast idyl­li­schen Brat­wurst­ständen hinter den Kurven bis zum heu­tigen »Snacks & Food«-Ständen den Arenen, an denen man sich vor­kommt wie vor einem Super­markt­regal, viel größer und erschre­ckender vor.
 
Wo essen Sie denn lieber Ihre Wurst: In den Arenen oder im maroden Ober­liga-Sta­dion?
 
In den kleinen Sta­dien, ganz klar. Die Wurst ist ein­fach besser. Die meisten Arenen haben über Jahre Ver­träge mit großen Cate­rern abge­schlossen, und achten vor­nehm­lich eher auf den bil­ligen Ein­kauf und weniger auf Qua­lität der Ware. Wir haben aber bis dato zu wenige Arenen getestet, um eine All­ge­mein­ver­bind­lich­keit auf­stellen zu können. Was unsere Tests aller­dings bewiesen: die Wurst in Süd­deutsch­land schmeckt besser.
 
Bitter für Sie als Wurstfan und Anhänger vom Ham­burger Tra­di­ti­ons­klub Altona 93.

 
Bei Altona ist die Wurst in der Tat sehr bescheiden, noch schlechter als der Durch­schnitt im Norden. Dieses Dilemma bewog uns vor einem halben Jahr auch dazu, den »Verein zur Stei­ge­rung der Brat­wurst­kultur auf dem Fuß­ball­platz« zu gründen. Ein Teil von uns stammt aus dem Süden, aus Franken, Bayern, aus Schwaben und hatten, als wir nach Ham­burg zogen, ein anderes Ver­ständnis von einer guten Wurst. Wir wollten ein neues Bewusst­sein schaffen.

Was macht die Wurst im Süden so beson­ders?
 
Zunächst muss man kon­sta­tieren, dass der Nord­deut­sche eher der Fisch-Typ ist, daher ist es ihm viel­leicht nach­zu­sehen, dass er es mit der Wurst nicht so genau nimmt. In der Kultur der Süd­deut­schen ist die Wurst ganz anders ver­wur­zelt. Die drei wesent­li­chen Unter­schiede sind die Wurst­qua­lität, die Zube­rei­tung und die Bei­lagen.
 
Was heißt das kon­kret?
 
Im Süden stammt die Wurst oft vom lokalen Schlachter, sie ist nicht indus­triell ver­fei­nert. Sie wird auf einem Holz­koh­le­grill, oft sogar auf einem Schwenk­grill zube­reitet und lange gegrillt. Es gibt eine Aus­wahl von Kra­kauer, Brat­wurst, Schin­ken­wurst oder sogar Steaks und Schwei­ne­bauch. Daneben liegen die Bröt­chen auf dem Rost und werden ange­wärmt, es gibt ver­schie­dene Sorten Senf, und dazu richtig gutes Bier, idea­ler­weise frisch gezapft. Beim FC 1908 Vil­lingen, wo es laut unserem Test eine der besten Wurst Deutsch­lands gibt, ist es bei­nahe so.
Was fehlt der nord­deut­schen Wurst?
 
In Nord­deutsch­land kommt die Wurst von einem Groß­lie­fe­ranten, sie wird auf einem Elek­tro­grill zube­reitet, es gibt kalte Toast­brot­scheiben und Bier von Oet­tinger.
 
Lässt sich das so pau­scha­li­sieren?
 
Nein, das war natür­lich etwas über­spitzt. Beim USC Paloma etwa, der in der Ober­liga Ham­burg spielt, haben wir neben der Vil­linger die beste Wurst auf deut­schen Sport­plätzen gegessen. Dabei sind die Rah­men­be­din­gungen dort alles andere als ein­la­dend. Die Mann­schaft spielt meist sonn­tags um 10:45 Uhr auf einem Gran­da­cker, es kommen wenig mehr als hun­dert Zuschauer. Doch die Wurst war super – von der Aus­wahl über die Qua­lität und Zube­rei­tung bis zum Ser­vice.
 
Wie reagieren die Ver­eine auf Ihre Berichte?
 
Als wir ein paar Monate später wieder beim USC Paloma waren, freuten die sich total. Jedoch gabs keine Flei­scher­wurst mehr. Als Ent­schul­di­gung gab es zu hören, dass ein Metzger im Winter angeb­lich keine Brat­wurst ver­wurstet. Schwer vor­zu­stellen. Viel­leicht aber doch eine finan­zi­elle Ent­schei­dung. Und so mussten wir leider fest­stellen, dass die großen Firmen auch in den unteren Ligen die kleinen Anbieter ver­drängen.
 
Wie führen Sie die Tests eigent­lich durch?
 
Wir nähern uns dem Wurst­stand wie Agenten und schießen zunächst ein paar Fotos aus der Hüfte. Danach bestellen wir, aller­dings geben wir uns nicht zu erkennen. So bekommen wir ein unver­fälschtes Bild und können Miss­stände erkennen, die wir viel­leicht nicht zu Gesicht bekommen würden, wenn wir uns vorher ankün­digten.
 
Zum Bei­spiel?
 
Ganz schlimm war es etwa beim Pokal­spiel von Altona 93 beim SV Barmbek, einem Kreis­li­gisten aus Ham­burg. Für Altona war es das erste Spiel der Saison 2009/10, die Sonne schien und wir waren blen­dend drauf. Und auch die Bedie­nung am Wurst­stand war sehr nett. Doch dann nippten wir am frisch gezapften Bier und hätten es am liebsten wieder aus­ge­spuckt – Oet­tinger. Über Geschmack lässt sich natür­lich streiten, doch Oet­tinger ver­fügt über den höchsten Anteil an Fusel­al­ko­holen und zwei­tens über den wohl bil­ligsten Bier­preis in West­eu­ropa. Das Schlimme war aller­dings: Die Ver­käufer hatten die Bier­marke am Zapf­hahn unkennt­lich gemacht. Sie ver­kauften ein­fach »Bier«.
 
Und wie war die Wurst?
 
Eine Fabrik­wurst, die in Alu­folie ein­ge­wi­ckelt wurde und viel zu lang und zu dünn wirkte. Als Bei­lage gab es Billig-Senf und die typi­schen Ham­burger Toast­brot­drei­ecke. Wohl wis­send, dass Bröt­chen auf Ham­burger Grounds die Kür dar­stellen, fragte ich trotzdem danach. Als Ant­wort kam zurück: »Digger, wir sind hier in Barmbek! Hier gibt’s keinen Cham­pa­gner!«. Lustig war’s trotzdem.


Flo­rian Renz, 32, ist Sozio­loge, Markt­for­scher in der Online-Branche und Geschäfts­führer des »Ver­eins zur Stei­ge­rung der Brat­wurst­kultur auf dem Fuß­ball­platz«. In wel­chen Sta­dien es die beste Wurst gibt und in wel­chen sie unge­nießbar ist, erfahrt ihr auf www​.fuss​ball​wurst​.de.