So eine Fahne muss man erstmal in Bewe­gung bekommen. Viele Kilo schwer, viele Meter groß – der Job als Fah­nen­schwenker in der Arena Auf Schalke ist ein Kno­chenjob. Wer ihn machen will, muss zwei Vor­aus­set­zungen mit­bringen: Schalke lieben und fit sein.

Andreas, einer von fünf Schwen­kern auf Schalke, brachte diese Vor­aus­set­zungen stets mit. Der 47-jäh­rige Vater eines Sohnes stimmt seit der Eröff­nung der Arena 2001 den königs­blauen Anhang auf die Heim­spiele der Schalker ein. Selbst­ver­ständ­lich ist Andreas S04 ver­fallen. Und fit war der Nicht­rau­cher eigent­lich auch immer. Bis zum ver­gan­genen Freitag.

Plötz­lich: Zusam­men­bruch

Die Partie zwi­schen Schalke und Ein­tracht Frank­furt begann für Andreas und seine Mit­streiter wie immer: Vor dem Anpfiff schwenkte das Quin­tett seine Fahnen auf dem Rasen und nahm dann die fest zuge­teilten Plätze hinter den Banden ein. Andreas schleppte seine Fahne vor die Süd­kurve, dort, wo auf Schalke die Gäs­te­fans unter­ge­bracht sind, und schwenkte weiter. Bis zur 17. Minute. Da brach der 47-Jäh­rige plötz­lich zusammen.

Die Fans von Ein­tracht Frank­furt reagierten als Erste. Die Gesänge ver­stummten, die Trom­meln hörten auf zu schlagen, die Vor­sänger ließen die Mega­phone sinken. Hek­tisch riefen Anhänger aus Frank­furt und Gel­sen­kir­chen nach den Sani­tä­tern, die sofort Erste Hilfe leis­teten.

Schalkes Mann­schafts­arzt leistet Erste Hilfe

Im Innen­raum bemerkte Schalkes Pres­se­spre­cher Thomas Spiegel, dass da hinter der Bande vor der Süd­kurve etwas Schlimmes pas­siert sein musste. Sani­täter und Ordner liefen hek­tisch durch­ein­ander. Unser Mann­schafts­arzt Thorsten Rarreck wurde zur Hilfe gerufen, andere Helfer spannten ein Tuch als Sicht­schutz auf.“ Er habe, so Spiegel, zunächst einen bekannten Ver­eins­fo­to­grafen mit Herz­pro­blemen als Opfer ver­mutet. Dass es sich um einen der Fahn­schwenker han­delte, erfuhr der Pres­se­chef erst später.

Die Medi­ziner befürch­teten zunächst einen Herz­in­farkt und ver­suchten Andreas zu sta­bi­li­sieren. Minu­ten­lang kämpfte ein halbes Dut­zend Men­schen um das Leben des Fah­nen­mannes.

Längst hatte auch der Rest des Sta­dions begriffen, dass sich Dra­ma­ti­sches vor der Süd­kurve abspielte. Auch die Nord­kurve, das Epi­zen­trum der Schalker Stimm­ge­walt, wurde leiser und ver­stummte schließ­lich ganz. Über das gesamte Sta­dion legte sich eine eisige Stille“, erin­nert sich Rolf Rojek vom Schalker Fan­club-Dach­ver­band, so etwas habe ich in all den Jahren noch nie erlebt.“ Zur Abwechs­lung mal keine Floskel: Mehr als 60.000 Men­schen hielten tat­säch­lich den Atem an.

Applaus aus dem Frank­furt-Block

16 Minuten wurde Andreas behan­delt, dann trans­por­tierten ihn die Sani­täter ab. Was sich dann auf den Rängen abspielte, geht den Betei­ligten auch Tage danach noch unter die Haut. Viele Minuten war es mucks­mäus­chen­still. Als der Mann dann abtrans­por­tiert wurde, sprangen erst die Schalker in der Süd­kurve auf und gaben auf­mun­ternden Bei­fall, unmit­telbar danach die Frank­furter im Gäs­te­block. Die Anteil­nahme der Ein­tracht-Fans hat alle Schalker tief bewegt“, erklärt Thomas Spiegel. Und Rolf Rojek sagt: Als unser Mann weg­ge­bracht wurde, applau­dierten die Frank­furter. Sie feu­erten ihn regel­recht an. Eine fan­tas­ti­sche Aktion.“

Fah­nen­schwenker Andreas wurde ins Kran­ken­haus gebracht. Dort stellten die Ärzte eine ver­kalkte Hals­schlag­ader fest, der Schalke-Fan musste ope­riert werden. Sein Sohn gab anschlie­ßend Ent­war­nung: OP gut ver­laufen, Andreas auf dem Weg der Bes­se­rung. Noch immer tru­deln über die sozialen Netz­werke Gene­sungs­wün­sche aus Frank­furt ein.

Fuß­ball ist das eine, ein Men­schen­leben ist wich­tiger“

Die Reak­tionen der Frank­furter Anhänger hat die Schalker tief bewegt. Hut ab für diese Sen­si­bi­lität“, lobt Manager Horst Heldt, Rolf Rojek sagt: Respekt für alle Frank­furter: In den Farben getrennt, in der Sache ver­eint.“ Fuß­ball ist das eine, ein Men­schen­leben ist wich­tiger“, zitierte die dpa“ einen Vor­sänger der Frank­furter Ultras.

Die Fans im Sta­dion haben keine Hel­den­taten voll­bracht. Sie haben sich ein­fach nur zutiefst mensch­lich ver­halten. Und all jenen, die ihnen seit Jahren eben diese Mensch­lich­keit abspre­chen, einen wun­der­baren Gegen­be­weis gelie­fert.