Dienstag, 11. Sep­tember 2001, 8:00 Uhr:
Lange hat Rudi Assauer, Schalkes Manager, auf diesen Tag hin­ge­ar­beitet. Die Knappen sind Meister der Herzen, haben eine moderne Arena errichtet und dürfen an diesem Tag erst­mals in der Cham­pions League antreten. In der Gruppe mit Arsenal London, Pan­athi­naikos Athen und RCD Mal­lorca rechnen sich die Schalker rea­lis­ti­sche Chancen auf den zweiten Platz aus. Um die Wei­chen für die Zwi­schen­runde zu stellen, muss am Abend im hei­mi­schen Sta­dion gegen Athen gewonnen werden. Das wich­tigste Thema in den Tages­zei­tungen ist, ob das Dach in der neuen Arena auf Schalke bei Regen geschlossen wird oder nicht. Ein Detail, das bald keinen mehr inter­es­sieren wird. 

12:30 Uhr, Schloss Berge/​Gelsenkirchen:
Die Schalker Ver­eins­füh­rung um Rudi Assauer und Josef Schnu­sen­berg trifft sich mit dem Manage­ment von Pan­athi­naikos Athen zum Ban­kett. Ein ganz nor­males Ritual vor inter­na­tio­nalen Spielen. Nach dem Essen fahren Schnu­sen­berg und Assauer mit dem Auto Rich­tung Geschäfts­stelle. 

14:00 Uhr, RTL-Redak­ti­on/­Köln:
Ulli Potofski tritt seinen Dienst bei RTL an. Am Abend soll das Spiel der Gel­sen­kir­chener in einer Stu­dio­sen­dung zusam­men­ge­fasst werden. Potofski ist für die Mode­ra­tion vor­ge­sehen, im Kölner Studio. 

14:30 Uhr, Mannschaftsquartier/​Billerbeck:
Die Schalker Mann­schaft hat sich im Hotel-Restau­rant Weis­sen­burg, wo man tra­di­tio­nell vor Heim­spielen absteigt, zum Mit­tag­essen ver­sam­melt. Danach zieht sich Nico van Kerck­hoven auf sein Zimmer zurück. Er ist hoch kon­zen­triert vor seinem ersten Cham­pions-League-Spiel und son­dert sich von der Mann­schaft ab, um noch ein kleines Schläf­chen zu halten. Der Rest des Teams um Tor­hüter Oliver Reck bleibt noch etwas im Spei­se­saal. Das Fern­seh­gerät wird ein­ge­schaltet. 

15:00 Uhr: RTL-Redak­ti­on/­Köln:
In den Redak­ti­ons­räumen laufen bereits erste Bilder aus den USA über die Schirme. Hek­tisch wird über eine Son­der­be­richt­erstat­tung dis­ku­tiert. Den ersten Ein­schlag um 14:46 Uhr im World Trade Center hält man zunächst für einen Unfall eines Sport­flie­gers. Ulli Potofski erin­nert sich: Kurz nach 15 Uhr sahen wir in der Redak­tion, was nur die wenigsten live sahen: Die zweite Maschine schlug in den Süd­turm ein.“ Nach­rich­ten­mann Peter Klöppel ver­folgt das Ereignis auf einem Fern­seher, wäh­rend er in der Maske sitzt. Jetzt ist klar, dass es sich um einen ter­ro­ris­ti­schen Anschlag han­delt. In der Redak­tion wird jeder gebraucht. Auch Potofski. Ich dachte in diesem Moment nicht, dass wir abends mit der Cham­pions League auf Sen­dung gehen würden.“ 

15:30 Uhr, A43 Rich­tung Gel­sen­kir­chen:
Auf dem Weg zur Schalker Geschäfts­telle hören Assauer und Schnu­sen­berg im Auto­radio von einem Unfall im World Trade Center. Da ist ein kleines Sport­flug­zeug in den Turm geflogen“, sagt Assauer. Alles halb so wild. 

16:00 Uhr, Mannschaftsquartier/​Billerbeck:
Mitt­ler­weile sitzt fast die kom­plette Mann­schaft vor dem Fern­seh­ap­parat im Ess­zimmer. Wir saßen wie gefes­selt den kom­pletten Nach­mittag vor dem Bild­schirm. Trotz des wich­tigen Spiels bekam man die Bilder ein­fach nicht mehr aus dem Kopf“, erin­nert sich Oliver Reck. Nico van Kerck­hoven bekommt davon nichts mit. Er liegt auf seinem Zimmer. Handy und Fern­seher sind aus­ge­schaltet. Huub Ste­vens sieht die Anschläge zuerst auf seinem Hotel­zimmer. Beun­ru­higt geht er die Stufen zum Spei­se­saal her­unter. Ich habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Was ich vor­fand, war eine kom­plett andere Mann­schaft. Ich ver­suchte, das Thema her­un­ter­zu­spielen, den Fokus auf das Spiel zu legen. Doch die Ereig­nisse wurden immer schlimmer.“ Plötz­lich fällt der Süd­turm in sich zusammen. Ste­vens wird klar, dass seine Mann­schaft unter Schock steht. Er meldet sich bei Assauer: Rudi, bitte ver­suche, dieses Spiel abzu­sagen! Die Spieler haben anderes im Kopf!“ 

16:00 Uhr, Geschäftsstelle/​Gelsenkirchen:
Assauer und Schnu­sen­berg sind der­weil in der Geschäfts­stelle ein­ge­troffen. Jetzt erst sehen sie die Bilder. Die kom­plette Trag­weite des Vor­falls ist noch nicht ein­zu­schätzen, es ist alles zu frisch. Die Mei­nungen gehen aus­ein­ander. Lasst uns spielen“, sagt Assauer, der lange auf diesen Tag hin­ge­ar­beitet hat. Die erste Gegen­stimme kommt von Auf­sichts­rat­mit­glied Jürgen W. Möl­le­mann. Er will seine Kon­takte zur Politik nutzen, um das Spiel ver­schieben zu lassen. Als Assauer den Anruf von Ste­vens erhält, ändert auch er seine Mei­nung: Ich wollte das Spiel sofort absagen, ohne Rück­sicht auf die Vor­schriften der UEFA.“ Der Manager tele­fo­niert mit den Ver­ant­wort­li­chen der UEFA und spricht mit den Dele­gierten vor Ort. Möl­le­mann ruft beim Bun­des­kanz­leramt und im Innen­mi­nis­te­rium an – alles erfolglos. Der Euro­päi­sche Fuß­ball­ver­band ver­weist stur auf Über­tra­gungs- und Wer­be­rechte. Zu viel Geld steht auf dem Spiel. Die UEFA besteht auf die Aus­tra­gung der acht Abend­spiele. Inzwi­schen klin­geln die Tele­fone im Dau­er­takt. Viele Fans wollen wissen, ob sich die Fahrt ins Sta­dion über­haupt lohnt. Der Verein reagiert und lässt auf der Home­page ver­lauten, dass die Partie wie geplant um 20:45 Uhr ange­pfiffen wird. 

17:00 Uhr, A3 Rich­tung Gel­sen­kir­chen:
Vom ursprüng­li­chen Plan, eine Stu­dio­sen­dung zu machen, hat RTL inzwi­schen Abstand genommen. Geschäfts­führer Hans Mahr gibt jedoch die Order, dass Fuß­ball am Abend über­tragen werden muss. Andern­falls drohen dem Sender hor­rende Ver­trags­strafen. Ulli Potofski ist auf dem Weg von Köln nach Schalke, er soll die Sen­dung jetzt vor Ort mode­rieren, als Zusam­men­fas­sung nach dem Spiel. 

18:00 Uhr, Mannschaftsquartier/​Billerbeck:
Die Schalker Mann­schaft ver­lässt das Quar­tier mit dem Bus Rich­tung Arena. Zuvor hat es noch eine Bespre­chung gegeben. Ich habe ver­sucht die Spieler wie üblich auf das Spiel vor­zu­be­reiten, doch sie waren nicht auf­nah­me­fähig“, erin­nert sich Huub Ste­vens. Nico van Kerck­hoven hat die Dis­kus­sionen um den Anschlag mit­be­kommen, kann selbst aber nicht mit­reden, weil er die Fern­seh­bilder nicht gesehen hat. Ich hatte gehört, dass ein Flug­zeug in ein Haus in New York geflogen ist. Ich dachte: ein Unfall, wie er öfter mal pas­siert“, sagt der Bel­gier. Bei seinen Mann­schafts­ka­me­raden gibt es auf der ein­stün­digen Fahrt zum Sta­dion nur noch das Thema New York. Die Spieler sind ver­un­si­chert. Keiner will spielen. Noch bis kurz vor Anpfiff hoffen sie auf eine Absage. 

19:00 Uhr, Arena Auf Schalke/​Gelsenkirchen:
Reporter Marcel Reif sitzt zwangs­ar­beitslos auf der Tri­büne. Der Bezahl­sender Pre­miere“ hat ent­schieden, das Spiel ohne Kom­mentar zu senden. Ein ver­zwei­felter Ver­such, ange­messen auf das Gesche­hene zu reagieren. Die UEFA hat für die Sta­dien ledig­lich zwei Vor­gaben aus­ge­geben. Das Begleit­pro­gramm mit Musik und Wer­bung soll gestri­chen werden und in allen Sta­dien eine Schwei­ge­mi­nute statt­finden. Letz­tere hat Assauer durch­ge­setzt, erzählt er später. 

20:45 Uhr, Arena Auf Schalke/​Gelsenkirchen:
Die Schwei­ge­mi­nute vor dem Anpfiff: Wäh­rend in der Schalker Nord­kurve große Ver­un­si­che­rung zu spüren ist, eine depres­sive, fast gespens­ti­sche Atmo­sphäre herrscht, grölen die grie­chi­schen Fans laut­stark, als wäre nichts pas­siert. Ich bin mir absolut sicher“, sagt Josef Schnu­sen­berg, dass die von den Anschlägen nicht alles mit­be­kommen haben.“ Das Heim­spiel wan­delt sich kur­zer­hand in ein Aus­wärts­spiel. Es fiel mir unheim­lich schwer, mich zu kon­zen­trieren“, erin­nert sich Oliver Reck. Sogar Nico van Kerck­hoven, der sich bis­lang abge­son­dert hat, ist von der Stim­mung im Sta­dion irri­tiert. Was ist bloß los in der sonst so laut­starken Arena? Wo ist der Schalke-Roar? Auf dem Platz kommt er ins Grü­beln. Langsam wird ihm klar, dass die unwirk­liche Ruhe mit dem Unglück in Ame­rika zu tun haben muss. Schalkes dama­liger Pres­se­spre­cher Gerd Voss sagt: Für das Ver­halten der Fans in einer sol­chen Situa­tion gab es ein­fach keine Anlei­tung.“ Das Spiel wird wie durch einen Schleier wahr­ge­nommen. Schalke hat kaum Mög­lich­keiten, ist defensiv äußerst anfällig. Die Athener um den por­tu­gie­si­schen Spiel­ma­cher Paulo Sousa domi­nieren das Spiel und gewinnen mit 2:0. Huub Ste­vens sagt: Es war eine ganz andere Mann­schaft auf dem Platz, als ich mir das vor­ge­stellt hatte.“

22:15 Uhr, Arena Auf Schalke/​Gelsenkirchen:
RTL hat den kom­pletten Tag aus New York berichtet. Jetzt steht die Zusam­men­fas­sung des Schalke-Spiels auf dem Pro­gramm. Peter Klöppel gibt ab zu Ulli Potofski. Es war ein fürch­ter­li­ches Gefühl, auf Sen­dung zu gehen. Fuß­ball war in diesem Moment so bedeu­tungslos. Ich war völlig zer­fahren, die Mode­ra­tion fiel mir schwer.“ Potofski ist ehr­lich zu den Zuschauern: Meine Damen und Herren, ich wun­dere mich selbst, dass ich hier stehe.“ Die Spieler sitzen der­weil mit leeren Köpfen in der Kabine. Ich war haupt­säch­lich ent­täuscht, dass wir über­haupt spielen mussten“, sagt Oliver Reck. Keiner war mit den Gedanken beim Spiel. Es war nicht fair, unter diesen Bedin­gungen zu spielen.“ In der Pres­se­kon­fe­renz kri­ti­siert Huub Ste­vens das Abwehr­ver­halten seiner Mann­schaft. Selbst an diesem 11. Sep­tember fällt es ihm schwer, zu ver­lieren. Der grie­chi­sche Trainer Ioannis Kirastas bedient sich einiger Mit­leids­flos­keln über die Opfer, ist aber im Grunde sehr zufrieden, die drei Punkte aus Schalke mit­zu­nehmen. 

Mitt­woch, 12. Sep­tember 2001:
Die Erkenntnis, dass dieses Spiel nie hätte statt­finden dürfen, kommt erst einen Tag später. Die UEFA reagiert, sagt alle Spiele für den 12. Sep­tember ab. Potofski macht sich erneut auf den Weg nach Schalke, hat ein Inter­view mit Rudi Assauer ver­ein­bart. So weich wie an diesem Tag habe ich ihn noch nie erlebt. Es gab eine Art Zusam­men­halt, wir hatten plötz­lich alle die glei­chen Sorgen.“ In der Hektik wurde am Vortag die fal­sche Ent­schei­dung getroffen. Es stellt sich natür­lich auch die Frage, wie die Grie­chen und Teile des Publi­kums auf eine kurz­fris­tige Spiel­ab­sage reagiert hätten. Ich hätte das nicht ent­scheiden wollen“, sagt Josef Schnu­sen­berg. 

Mit zehn Jahren Abstand können sich die meisten Prot­ago­nisten noch nicht einmal an das Ergebnis erin­nern. Einige Spieler spre­chen von einem 0:1, andere von einem 0:3, tat­säch­lich verlor Schalke mit 0:2. Es war ein Spiel, das nie­mand brauchte. Es ist des­halb wie aus­ge­löscht“, sagt Olaf Thon, der den besagten Abend ver­let­zungs­be­dingt auf der Tri­büne ver­brachte. Was ein Festtag für Schalke werden sollte, geriet zum Trau­er­spiel. Die erste Cham­pions-League-Saison war ver­loren, bevor sie über­haupt begonnen hatte. Schalke schied bereits in der Grup­pen­phase aus. Huub Ste­vens sagt heute: Ich war sauer, dass wir in einer Situa­tion spielen mussten, in der es um die ganze Welt ging.“