Der 20. April 2017 war einer der letzten Tage, an denen mich der Fuß­ball im nega­tiven Sinne emo­tional kom­plett fertig gemacht hat. Es war der Tag, an dem der FC Schalke 04 auf dra­ma­ti­sche Art und Weise gegen Ajax Ams­terdam aus der Europa League aus­schied. Mit einer kämp­fe­risch starken Leis­tung hatte die Mann­schaft den 0:2‑Rückstand aus dem Vier­tel­final-Hin­spiel ega­li­siert, war in der Ver­län­ge­rung sogar mit 3:0 in Füh­rung gegangen, nur um dann in der 111. Minute doch noch das ent­schei­dende Aus­wärtstor zu kas­sieren.

Ich stand damals inmitten der Nord­kurve und musste mit ansehen, wie Amin Younes mit seinem längst nicht mehr ent­schei­denden, son­dern nur noch demü­ti­genden Tor zum 3:2 den Gäs­te­block voll­ends zum Durch­drehen brachte. Kurz darauf war Schluss. Für gewöhn­lich leert sich ein Sta­dion gerade bei Spielen unter der Woche spä­tes­tens mit dem Schluss­pfiff rasend schnell, doch an diesem Abend war das anders. Es schien, als würde die Nord­kurve in kol­lek­tiver Fas­sungs­lo­sig­keit ver­harren, erdrückt von der Wucht des plötz­li­chen Auf­pralls.

Am 20. April 2021 stieg der FC Schalke 04 aus der Bun­des­liga ab. Und ich fühlte zunächst: über­ra­schend wenig.

Eine inten­sive Selbst­er­fah­rung – in der Theorie

Schon den ganzen Tag über hatte ich mich gefragt, wie es wohl werden würde, wie er sich anfühlen würde, so ein Abstieg aus der Bun­des­liga. Schließ­lich kenne ich, Jahr­gang 1992, meinen Verein nur als Mit­glied der Fuß­ball-Bun­des­liga. Seitdem ich dem Klub inten­siver ver­bunden bin, war er häufig sogar recht erfolg­reich, wurde mehr­fach Vize­meister, Pokal­sieger und stand sogar im Cham­pions-League-Halb­fi­nale. Des­halb wollte ich vor­be­reitet sein. Und ich wollte alleine sein. Alleine mit mir und meinen wie auch immer gear­teten Gefühlen. Also verzog ich mich in mein Zimmer und schal­tete sogar mein Handy in den Nicht-Stören-Modus. Wenn schon kein Kol­lek­tiv­leiden im Sta­dion, dann wenigs­tens eine inten­sive Selbst­er­fah­rung – soweit jeden­falls meine Theorie.

Und wäh­rend sich also die Schalker Spieler auf dem Rasen wieder einmal darin ver­suchten, ein Bun­des­li­ga­spiel zu gewinnen und dabei wieder einmal kläg­lich schei­terten, horchte ich in mich hinein. Ich gebe zu: Es gab schon Spiele in dieser Saison, die ich weniger emo­tional ver­folgt habe. Szenen, bei denen ich bei einem aber­mals ver­san­deten Angriffs­ver­such nur noch inner­lich müde abge­wunken habe, statt mich wie dieses Mal ernst­haft dar­über auf­zu­regen. Das Tor von Fabian Klos ver­setzte mir einen Stich, die Gelb-Rote Karte gegen Malick Thiaw rief in mir auf­rich­tiges Mit­ge­fühl mit diesem armen jungen Teufel hervor, der doch sonst so anständig wirkt.

Ein biss­chen Erleich­te­rung, ein biss­chen Wut

Kurz vor Ende des Spiels berei­tete ich mich dann auf meinen anste­henden emo­tio­nalen Zusam­men­bruch vor. Doch er blieb aus. Als um 22:22 Uhr der Abstieg des FC Schalke 04 aus der Bun­des­liga unum­stöß­lich fest­stand, war ich irri­tiert. Das war es jetzt also? Natür­lich war ich traurig, aber ein beson­ders inten­sives Gefühl war das nicht. Ein biss­chen ver­spürte ich sogar so etwas wie Erleich­te­rung, schließ­lich war das, was sich seit Monaten ange­deutet hatte, nun end­lich in Stein gemei­ßelt. Natür­lich hatte ich Mit­leid mit dem schluch­zenden Timo Becker auf der Ersatz­bank, der immerhin eben­falls seit seiner Kind­heit Fan des Ver­eins ist. Etwas wütend war ich auch, dass es nur Bie­le­felds Trainer Frank Kramer war, der ihn trös­tete, wäh­rend sich Beckers Mann­schafts­kol­legen schnellst­mög­lich in die Kabine ver­zogen hatten.

Aber all das fühlte sich über­haupt nicht so schlimm an wie das Aus­scheiden aus der Europa League vier Jahre zuvor. Dabei ist ein Abstieg doch viel schlimmer! Fast ver­spürte ich so etwas wie Scham dafür, dass ich meinen Verein in seiner schwär­zesten Stunde nicht mit den ange­brachten Emo­tionen betrauern konnte.