Kor­nelia Topor­zysek, im ver­gan­genen Sep­tember sind Sie aus dem Schalker Ehrenrat zurück­ge­treten. Bis auf einen kleinen Bei­trag in der ZDF-Sport­re­por­tage haben Sie sich dazu bis­lang öffent­lich nicht geäu­ßert. Wes­halb?
Ich möchte keine schmut­zige Wäsche waschen. Zudem habe ich keinen großen Gel­tungs­drang. Ich bin nie­mand, der in der Öffent­lich­keit stehen möchte. Für die ZDF-Sport­re­por­tage im ver­gan­genen Dezember habe ich eine Aus­nahme gemacht, weil es da nicht um Cle­mens Tön­nies ging, son­dern all­ge­mein um Ras­sismus im Fuß­ball, ein wich­tiges Thema.

Aber nun bre­chen Sie Ihr Schweigen.
Weil der Verein seit letztem Sommer ver­sucht, die Sache tot­zu­schweigen. Und weil ich der Mei­nung bin, dass sich beim FC Schalke 04 grund­le­gend etwas ändern muss. Jetzt geht es um die Sache, jetzt geht es um den Verein. Wenn wir jetzt nicht etwas ver­än­dern, wann dann? Wir müssen jetzt mög­lichst viel Druck auf die Straße bringen.

Was läuft schief?
Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Der Här­te­fall­an­trag zur Ent­schä­di­gung der Dau­er­kar­ten­in­haber. Die Fahrer-Geschichte. Ein PR-Desaster jagt das nächste. Nach dem Här­te­fall­an­trag sagt Jochen Schneider, der Verein müsse ver­su­chen, empha­ti­scher zu wirken. Wie wäre es denn mal mit: empha­ti­scher sein? Bei sol­chen Äuße­rungen frage ich mich: Ist das Unfä­hig­keit? Oder Absicht? Ein Freud­scher Ver­spre­cher?

Was lösen diese Ereig­nisse in Ihnen als Fan aus?
(Über­legt lange). Fas­sungs­lo­sig­keit. Ent­setzen. Seit dem Ras­sismus-Skandal im ver­gan­genen Sommer kommen wir aus den Negativ-Schlag­zeilen nicht mehr heraus. Manche machen sich über den Verein lustig, andere bemit­leiden uns sogar. Ich kann mich per­sön­lich nicht daran erin­nern, dass es schon einmal so schlimm war.

Wir sind am Boden“

Kornelia Torpozysek

Und dabei sind die 15 sieg­losen Spiele in Serie ver­mut­lich noch das kleinste Pro­blem, oder?
Genau. Der Verein ver­langt einem nicht nur fuß­bal­le­risch, son­dern auch ver­eins­po­li­tisch und in der Außen­dar­stel­lung alles ab. Das ist kaum noch zu ertragen. Tiefer geht’s nicht. Wir sind am Boden. Ein hun­dert­pro­zen­tiges Desaster. Das ist nie­der­schmet­ternd.

Inwie­fern?
Es gibt ein großes Gefühl der Ent­frem­dung. Ganz viele Leute fragen sich, ob das eigent­lich noch ihr Verein ist. Auch ich bin langsam an diesem Punkt. Wie konnte sich dieser Verein nur so weit von dem ent­fernen, wofür er eigent­lich steht? Wir haben ein Leit­bild, das sich die Mit­glieder selbst gegeben haben. Das ist kein bloßes Lip­pen­be­kenntnis. Ich frage mich, ob sich unsere Ver­ant­wort­li­chen diesem Leit­bild noch ver­pflichtet fühlen.

Weil Füh­rungs­kräfte wie Jochen Schneider oder Alex­ander Jobst den Verein Schalke 04 mit seinen Werten und seiner Geschichte nicht ver­stehen?
Ich denke, das sollte man dif­fe­ren­ziert betrachten. Natür­lich ist es toll, wenn jemand Stall­ge­ruch hat, den Verein kennt und seine Werte ver­in­ner­licht. Maß­geb­lich für die Über­nahme eines Pos­tens sollte jedoch vor allem Kom­pe­tenz sein. Auch mit qua­li­fi­zierter Arbeit kann man für Ruhe im Verein sorgen. Letzt­end­lich geht es darum, die Werte des Ver­eins glaub­würdig zu ver­treten. Das kann man auch, wenn man nicht seit drei Genera­tionen Schalke-Fan ist.

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Andrea Hüt­ter­mann

Kor­nelia Topor­zysek

ist Rich­terin am Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf. Am 30. Juni 2019 wurde sie von der Schalker Mit­glie­der­ver­samm­lung in den Ehrenrat des Ver­eins gewählt. Am 17. Sep­tember 2019 trat sie aus dem Gre­mium zurück.

Wie war es um diese Werte im Schalker Ehrenrat bestellt?
Ich bin damals ange­treten, um meine juris­ti­sche Kom­pe­tenz zum Wohle des Ver­eins ein­zu­bringen. Ich hatte aber den Ein­druck, dass man von mir als Mit­glied des Ehren­rats nicht in erster Linie kom­pe­tente und qua­li­fi­zierte juris­ti­sche Arbeit im Gre­mium erwartet, son­dern Loya­lität und Dank­bar­keit gegen­über bestimmten Per­sonen. Das ist nicht mein Anspruch.

Meinen Sie Cle­mens Tön­nies, wenn Sie von bestimmten Per­sonen“ spre­chen?
Es ist das System Tön­nies. Der FC Schalke 04 beugt sich den Inter­essen seines Auf­sichts­rats­vor­sit­zenden. Ich glaube Cle­mens Tön­nies, dass er Schalker durch und durch ist und dass ihm dieser Verein am Herzen liegt. Es gibt jedoch Punkte, an denen seine Inter­essen nicht mehr deckungs­gleich mit denen des Ver­eins sind.

Wo gehen diese Inter­essen kon­kret aus­ein­ander?
Zum Bei­spiel im Umgang mit seiner ras­sis­ti­schen Äuße­rung. Nach allen Defi­ni­tionen, die ich kenne, war diese Äuße­rung ras­sis­tisch. Auch weite Teile der Öffent­lich­keit scheinen ja dieser Auf­fas­sung zu sein. Ich war über­rascht, dass wir im Gre­mium über­haupt dar­über gestritten haben.