Seite 3: „Glaubwürdigkeit ist ein hohes Gut"

Damit endete Ihre Amts­zeit im Ehrenrat nach nicht einmal drei Monaten.
Das ent­behrt schon nicht einer gewissen Tragik. Seit Jahren wollte ich in den Ehrenrat. Bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung im Juni 2019 bin ich dann nur als Kan­di­datin nach­ge­rückt, weil einem der ursprüng­li­chen Kan­di­daten nach­hing, dass er sich damals für den viagogo-Deal stark­ge­macht hatte. Da gab es viel Gegen­wind, des­halb hat er seine Kan­di­datur zurück­ge­zogen. Und dann bin ich gerade ein paar Tage im Amt, da haut Cle­mens Tön­nies diese Äuße­rung raus. Und mein erstes Ver­fahren ist gleich das mit der größt­mög­li­chen Trag­weite.

Der Ehrenrat soll ein ver­eins­in­ternes unab­hän­giges Schieds­ge­richt sein. Die Kan­di­daten werden aber vom Auf­sichtsrat vor­ge­schlagen und dann von der Mit­glie­der­ver­samm­lung en bloc gewählt. Schafft das nicht eine zu große Abhän­gig­keit?
Defi­nitiv. Daher habe ich zur dies­jäh­rigen nun ver­scho­benen Mit­glie­der­ver­samm­lung einen Sat­zungs­än­de­rungs­an­trag ein­ge­reicht, der das Vor­schlags­recht des Auf­sichts­rats beschränken sollte. Er wurde aber vom Auf­sichtsrat abge­lehnt.

Bereuen Sie Ihren Rück­tritt manchmal? Etwa jetzt in der aktu­ellen Situa­tion, weil Sie keine Mög­lich­keit der Ein­fluss­nahme mehr haben?
Nein, nicht eine Sekunde. Mir tut es leid, dass ich sicher viele Leute ent­täuscht habe, die die Hoff­nung hatten, dass sich durch mich im Ehrenrat etwas ändert. In der aktu­ellen Situa­tion bin ich aber sogar froh, dass ich in die neu­esten Ent­wick­lungen nicht noch qua Amt invol­viert bin. Aus heu­tiger Sicht glaube ich sogar, dass ich mit dem Rück­tritt mehr bewirkt habe, als ich es mit einem Ver­bleib im Gre­mium je hätte tun können.

Wie das?
Bis heute bekomme ich Zuschriften von Leuten, die sich bei mir bedanken. Es mag pathe­tisch klingen, aber: Ich habe das auch gemacht, damit die Fans und Mit­glieder sagen können: Wenigs­tens eine hat sich kor­rekt und anständig ver­halten. Glaub­wür­dig­keit ist ein hohes Gut.

Nach dem ver­gan­genen Sommer steht Cle­mens Tön­nies nun in der Öffent­lich­keit erneut unter mas­sivem Druck, weil es in seinem Betrieb zahl­reiche Corona-Infek­tionen gegeben hat. Ist er als Auf­sichts­rats­vor­sit­zender von Schalke 04 noch tragbar?
Nein. Aller­dings los­ge­löst von seiner Person. Die Art und Weise, wie er per­sön­lich ange­gangen wird, ist mir manchmal zu heftig. Das ist nicht anständig und nicht in Ord­nung. Ich habe nichts gegen Cle­mens Tön­nies als Person.

Wie haben Sie ihn im per­sön­li­chen Umgang denn erlebt?
Er kann ein sehr char­manter, herz­li­cher, zuge­wandter und inter­es­sierter Mensch sein. Er hat eine sehr gewin­nende und ver­ein­nah­mende Art, ohne dass es onkel­haft wirken würde. Am Abend nach meinem Vor­stel­lungs­ge­spräch beim Auf­sichtsrat hat er mich noch ange­rufen und mir mit­ge­teilt, dass es leider nicht geklappt habe, ich aber eine tolle Kan­di­datin gewesen sei. Er hat mich ermu­tigt, es noch­mals zu ver­su­chen. Ich hatte den Ein­druck, dass er der Auf­fas­sung war, es sei an der Zeit für eine kom­pe­tente Frau in diesem Gre­mium. Dass er mich per­sön­lich anruft, fand ich bemer­kens­wert. Im Grunde ist er ein netter Kerl.

Wir brau­chen eine andere Füh­rungs­kultur, die nicht auf eine Person aus­ge­richtet ist“

Kornelia Torpozysek

Aber?
Man muss diese per­sön­li­chen Ein­drücke davon trennen, dass er ein knall­harter Unter­nehmer ist, der sowohl in seiner Firma, als auch im Verein massiv seine Inter­essen durch­setzt. Er ist für Schalke 04 nur noch eine Belas­tung. Er schadet dem Ansehen massiv. Mensch­lich tut es mir wirk­lich leid, weil ich glaube, ein­schätzen zu können, wie wichtig ihm Schalke 04 ist. Ich kaufe ihm ab, dass er nur das Beste für den Verein will. Das Beste wäre aber eben aktuell, wenn er sich zurück­ziehen würde, um den Verein aus der Schuss­linie zu nehmen. Ob er zu dieser Ein­sicht fähig ist, weiß ich aller­dings nicht.

Es gibt auch Stimmen, die sagen, man müsse seine Tätig­keit als Unter­nehmer von seinem Amt auf Schalke trennen.
Die öffent­liche Wahr­neh­mung ist zu 99 Pro­zent leider eine andere. Selbst Freun­dinnen von mir, die sich über­haupt nicht für Fuß­ball inter­es­sieren, wissen dass Cle­mens Tön­nies irgendwas mit Schalke zu tun hat. Natür­lich fällt des­halb alles was er tut, auf den Verein zurück. Zudem stellt er die Ver­bin­dungen doch selbst her, wenn er sich in Pader­born beim Tag des Hand­werks hin­stellt und als erstes zum Auf­stieg gra­tu­liert. Ver­mut­lich hätte er als Unter­nehmer aus Rheda-Wie­den­brück nicht so eine große Medi­en­prä­senz, wenn er nicht Auf­sichts­rats­vor­sit­zender von Schalke 04 wäre.

Auch von Seiten der Fans nimmt der Druck auf Cle­mens Tön­nies gerade massiv zu. Es gibt täg­lich Banner am Ver­eins­ge­lände, für Samstag ist eine Demo geplant.
Die Kritik und die Pro­teste der Fans werden ihn tief treffen. Ande­rer­seits hat er sich die eben auch wirk­lich erar­beitet. Ob Här­te­fall­re­ge­lung oder Fahrer-Ent­las­sungen: Im Verein pas­siert nichts, ohne dass Cle­mens Tön­nies davon weiß oder es sich sogar so wünscht. Bis­lang ist noch jeder Sport­vor­stand, jeder Trainer unter Cle­mens Tön­nies irgend­wann zum Sün­den­bock erklärt worden. Wenn jemand unter Beschuss gerät, ducken sich alle feige weg. Das ist nicht soli­da­risch und keine gute Kultur. Wenn man bei Cle­mens Tön­nies in Ungnade gefallen ist, ist klar, was pas­siert. Wer in höheren Posi­tionen die Gunst von Herrn Tön­nies hat, ist sicher. Wer sie nicht hat, wird abser­viert. Unab­hängig von seinen Kom­pe­tenzen. Daumen hoch oder Daumen runter.

Die Pro­teste kon­zen­trieren sich aber nicht nur auf Cle­mens Tön­nies.
Es ist nicht damit getan, den Schalke-Boss“ vom Hof zu jagen. Es haben sich Struk­turen gebildet, ein kom­plett aus der Zeit gefal­lenes patri­ar­chales System. Wir brau­chen eine andere Füh­rungs­kultur, die nicht auf eine Person aus­ge­richtet ist und darauf, es ihr recht zu machen.

Haben Sie die Hoff­nung, dass sich nun auf Schalke tat­säch­lich etwas ver­än­dern könnte?
Mich erin­nert die aktu­elle Situa­tion ein biss­chen an die viaNogo“-Bewegung, die ent­standen ist, als Mar­ke­ting-Vor­stand Alex Jobst den Ver­trag mit diesem unsäg­li­chen Unter­nehmen unter­zeichnet hat – übri­gens angeb­lich ein­stimmig abge­segnet vom Auf­sichtsrat. Auch damals gab es einen großen Zusam­men­schluss vieler Fan­grup­pie­rungen. Auch jetzt habe ich das Gefühl, dass sich eine unheim­liche Wucht ent­wi­ckeln könnte. Jeder muss das bei­tragen, was er kann. Die einen machen einen Demo-Aufruf, die anderen hängen Banner auf, wieder andere ver­su­chen, ihre juris­ti­sche Kom­pe­tenz ein­zu­bringen. Aber wir alle haben das gleiche Ziel: Wir wollen unseren Verein retten.

Frau Topor­zysek, könnten Sie sich vor­stellen noch einmal ein Amt beim FC Schalke 04 zu über­nehmen?
Zunächst dachte ich, ich wäre auf alle Zeiten ver­brannt, weil ich mich auf gut Deutsch ver­pisst habe, was man ja eigent­lich nicht macht. Manche haben es mir als Illoya­lität aus­ge­legt. Doch auch auf­grund der Bestär­kung, die ich von vielen Seiten erfahren habe, würde ich für einen kom­pletten, glaub­wür­digen Neu­an­fang im Schalker Ehrenrat natür­lich zur Ver­fü­gung stehen. Dieser Neu­an­fang beinhaltet dann aber auch eine kom­plette Neu­be­set­zung.