Seite 2: „Tönnies wurde von einem Mitglied des Ehrenrats verteidigt“

Wie lief die Sit­zung ab?
Es war eine lange, sehr tur­bu­lente und sehr anstren­gende Sit­zung. Wir hatten einen ganzen Leitz-Ordner vor uns voll mit Schreiben von Leuten, die an den Ehrenrat appel­liert haben, etwas gegen Cle­mens Tön­nies zu unter­nehmen. Dabei waren auch Aus­tritts­er­klä­rungen oder Ankün­di­gungen aus­zu­treten. Was mich aber wirk­lich über­rascht hat, war, dass ein Mit­glied des Ehren­rats von Anfang an die Rolle des Ver­tei­di­gers von Herrn Tön­nies über­nommen hat. Dieses Mit­glied hat ihn auch schon in anderen Ver­fahren anwalt­lich ver­tei­digt. Das kon­ter­ka­riert die Arbeit des Ehren­rats, wie ich sie mir vor­stelle, kom­plett. Das hat mit einem nor­malen Ver­fahren nichts zu tun.

Wel­chen Ein­druck hatten Sie in der Sit­zung von Cle­mens Tön­nies?
Er war sehr zer­knirscht. Ich hatte das Gefühl, dass er genau wusste, was er ange­richtet hat. Nichts wäre ihm lieber gewesen als die Mög­lich­keit, das rück­gängig zu machen. Er wollte um jeden Preis ver­hin­dern, als Ras­sist gebrand­markt zu sein. In meiner Wahr­neh­mung ist er das auch nicht. Er hat sich ras­sis­tisch geäu­ßert. Er mag mit seinen Groß­wild­jagden ein kolo­nia­lis­ti­sches Bild von Afrika ver­mit­teln. Aber wenn ich an einen typi­schen Ras­sisten denke, denke ich nicht an Cle­mens Tön­nies.

Nach der Sit­zung teilte der Verein mit, Cle­mens Tön­nies lasse sein Amt für drei Monate ruhen. Hat er sich seine Strafe“ selbst aus­ge­sucht?
Da gehen die Erin­ne­rungen der Ehren­räte etwas aus­ein­ander. In meiner Erin­ne­rung wurde Cle­mens Tön­nies nach mehr­stün­diger Sit­zung signa­li­siert, dass es auf eine Sus­pen­die­rung für einen gewissen Zeit­raum hin­aus­läuft. Da hat er zum Aus­druck gebracht, das zu akzep­tieren. Den kon­kreten Zeit­raum von drei Monaten hat dann, so weit ich mich erin­nere, Tön­nies selbst ins Spiel gebracht. Der dama­lige Pro­to­koll­führer hin­gegen ist sich sicher, dass er diesen Zeit­raum vor­ge­schlagen habe. Was jedoch sicher ist: Es gibt keinen förm­li­chen Beschluss mit Unter­schriften der Ehren­räte.

Was wäre in Ihren Augen eine ange­mes­sene Sank­tion gewesen?
Die beste Lösung wäre gewesen, Cle­mens Tön­nies wäre frei­willig zurück­ge­treten. Wenn er dazu nicht bereit ist, hätte der Ehrenrat die Kraft und die Cou­rage haben müssen, die Sache ent­lang der Inter­essen des Ver­eins sauber auf­zu­ar­beiten und dadurch die Repu­ta­tion und die Glaub­wür­dig­keit des Ver­eins wie­der­her­zu­stellen. Das hat man hinten ange­stellt, weil Cle­mens Tön­nies nicht als Ras­sist bezeichnet werden wollte.

Auch vor dem Auf­sichts­rats­vor­sit­zenden muss das Leit­bild glaub­würdig ver­tei­digt werden“

Kornelia Torpozysek

Das mediale Echo auf die Ent­schei­dung war ver­hee­rend.
Und das mit Ansage. Darauf habe ich in der Sit­zung auch mehr­fach hin­ge­wiesen – ohne Erfolg. Der Umgang des Ver­eins und ins­be­son­dere des Ehren­rats mit der Äuße­rung haben dem FC Schalke 04 sehr viel mehr geschadet als die Äuße­rung selbst. Denn letzt­end­lich war es ein Para­de­bei­spiel dafür, dass die Befind­lich­keiten von Cle­mens Tön­nies Vor­rang vor dem Inter­esse des Ver­eins haben, seine Sat­zung und sein Leit­bild ein­zu­halten – unge­achtet der Person. Auch vor dem Auf­sichts­rats­vor­sit­zenden muss das Leit­bild glaub­würdig ver­tei­digt werden. Das ist ver­säumt worden. Der Ehrenrat hat nicht die Kraft gehabt, mit der Äuße­rung ange­messen umzu­gehen. Das trifft mich heute noch sehr.

Sind sie des­halb zurück­ge­treten?
Ja. Nach meiner Amts­auf­fas­sung dürfen die Inter­essen einer Ein­zel­person, und wenn sie noch so viel für den Verein getan hat, nie­mals Vor­rang vor den Ver­eins­in­ter­essen haben. Ich habe bestimmte Prin­zi­pien und bin sehr kon­se­quent. Da sind mir der Platz in der Gre­mi­en­loge, in der ich die Spiele mit alten weißen Män­nern gucken muss, und der Park­platz auf P1 dann egal. Ich habe eine Dau­er­karte und sitze dort gerne mit meinen Leuten zusammen. Und mein Bier kann ich auch selbst bezahlen.

Sie haben mit Ihrem Rück­tritt aller­dings fast einen Monat gewartet.
Weil ich zunächst eine gre­mien­in­terne Aus­sprache ein­ge­for­dert habe. Da ein Ehren­rats­mit­glied in der Reha war, konnte die aber erst Mitte Sep­tember statt­finden. Diese Aus­sprache hat für mich aller­dings alles noch viel schlimmer gemacht. Als ich danach zurück­ge­fahren bin, habe ich nachts um halb eins noch lange mit einem Freund tele­fo­niert. Da war meine Ent­schei­dung eigent­lich schon gefallen. Ich habe dann nochmal eine Nacht dar­über geschlafen und bin dann zurück­ge­treten.

Inwie­fern hat Sie die Aus­sprache in Ihrem Ent­schluss, zurück­zu­treten, bestärkt?
Ich habe gemerkt: Ich bin im Ehrenrat iso­liert. Ich stehe eins gegen vier und werde hier gar nichts mehr bewirken. Ich habe Sachen ange­pran­gert und Vor­würfe geäu­ßert, die nicht ent­kräftet, son­dern noch ver­schlim­mert wurden. Man hat ver­sucht, mich anzulügen. Mein Ver­trauen war auf Null, um mal den Leiter des Kri­sen­stabs im Kreis Gütersloh zu zitieren.