Seite 3: „Oliver Bierhoff konnte mit Marcel Witeczek oder Stefan Kuntz nicht mithalten“

Mit wel­chem Spie­ler­typus kamen Sie am besten aus?
Als Trainer müssen Sie mit allen aus­kommen, als Spieler nur mit einem.

Schön gesagt, aber mit allen hat es ja nicht geklappt.
Doch. Oder auf wen spielen Sie an?

Oliver Bier­hoff, Ihr Spieler bei Bayer Uer­dingen, nannte Sie mal den schlech­testen Trainer, den ich je hatte“.
Logisch, weil er bei mir nicht gespielt hat. Bier­hoff war ein junger Profi, der recht kopf­ball­stark war. Ansonsten konnte er fuß­bal­le­risch nicht auf dem Niveau meiner Angreifer Marcel Witeczek oder Stefan Kuntz mit­halten.

Sie haben sechs Ver­eine als Feu­er­wehr­mann im Tabel­len­keller über­nommen und vor dem Abstieg bewahrt. Ver­raten Sie uns Ihr Rezept?
Das geht nur, indem man durch Gespräche ständig die Hoff­nung schürt, dass jedes Spiel eine neue Chance eröffnet, sich aus der Situa­tion zu befreien. Jeder Spieler muss schnallen, dass es nur klappt, wenn jeder mit­zieht.

Und wie kriegt man das in die Köpfe?
Mit einer unmiss­ver­ständ­li­chen Ansprache. Und wenn einer nicht mit­zieht, muss ein Trainer auch Härte zeigen.

Jetzt geh auf die Geschäfts­stelle und lös deinen Ver­trag auf“

Wo war das der Fall?
Als ich im Winter 1987 nach Uer­dingen kam, schloss ich meine erste Ansprache mit den Worten: Wer meint, den Anfor­de­rungen in puncto Dis­zi­plin, Trai­nings­fleiß und Ein­satz nicht folgen zu können, soll es bitte jetzt sagen.“ Das erste Spiel in Ham­burg ver­loren wir. Franz Raschid und Oliver Bier­hoff saßen auf der Bank. Als ich am nächsten Morgen in die Kabine kam, hatte ich alle Antennen aus­ge­fahren. In sol­chen Momenten muss ein Trainer sehr wachsam sein, um jede Regung mit­zu­kriegen. Raschid und Bier­hoff unter­hielten sich ange­regt dar­über, dass sie nicht gespielt hatten. Ein Rou­ti­nier – und ein sehr junger Spieler. Der Junge konnte nichts dafür, aber Raschid habe ich nach dem Trai­ning in mein Zimmer bestellt.

Zum Rap­port?
In sol­chen Situa­tionen konnte ich knall­hart sein. Ich fragte, ob er mir denn nicht zuge­hört habe und schloss mit den Worten: Jetzt geh auf die Geschäfts­stelle und lös deinen Ver­trag auf.“

Sie ließen nicht mehr mit sich reden?
Nein. Die Mann­schaft hatte meine Ansprache gehört – und auch mit­be­kommen, dass Raschid und Bier­hoff sich nicht an die Anord­nungen gehalten hatten. Wenn ich das durch­gehen lasse, mache ich mich unglaub­würdig. Spieler müssen das Gefühl haben, dass sie sich auf Ansagen ver­lassen können. Ab da war Ruhe in der Mann­schaft – und am Ende der Saison lan­deten wir auf Platz sechs.

Ist es einem Spieler je gelungen, Sie mit Worten zu ver­letzen?
Nö. Dazu kamen die gar nicht, wenn sie bei mir trai­nierten.

Was macht ein Mann, wenn er allein ist? Er geht in die Kneipe“

Ein düs­teres Kapitel Ihrer Kar­riere war das Enga­ge­ment bei Dynamo Dresden im Jahr 1999. In einem Inter­view im Spiegel“ sagten Sie über die Atmo­sphäre bei dem Dritt­li­ga­team: In der Kabine steht keiner auf, keiner hört zu. Die sind nicht zur Arbeit erzogen, kein Anstand.“ Dar­aufhin wurden Sie nach nur 57 Tagen ent­lassen. Später haben Sie sich für Ihre Aus­sagen ent­schul­digt. Was war pas­siert?
Ich habe mich vom Vor­stand dort sehr allein gelassen gefühlt. Es war die depri­mie­rendste Zeit als Trainer. Ich war auf­grund frü­herer Erfah­rungen im Osten – ich hatte vorher schon bei Stahl Bran­den­burg gear­beitet – zuge­ge­be­ner­maßen über­kri­tisch. Aber die Spieler machten es mir durch ihr Ver­halten auch nicht gerade ein­fa­cher.

Vor Ihrer Zeit in Dresden hatten Sie als Coach eine fünf­jäh­rige Pause ein­ge­legt.
Die Acht­ziger und frühen Neun­ziger waren sehr auf­rei­bend, ich hatte vor­über­ge­hend die Lust ver­loren. Wenn ich die Pause nicht ein­ge­legt hätte, wäre ich heute viel­leicht nicht mehr da. Ich hatte Ange­bote aus der Türkei, aber ich merkte, dass ich durch­atmen muss. Manche Ange­bote habe ich zu schnell ange­nommen, ohne aus­rei­chend drüber nach­zu­denken.

Woran lag das?
Ich tat mich stets schwer damit, zu Hause rum­zu­sitzen. Ich brauchte das Gefühl, auf dem Trai­nings­platz zu stehen.

Wie extrem war der jah­re­lange Stress im Tabel­len­keller? Udo Lattek
hat gesagt, er brauchte ab und an sein Kölsch als Ventil.

Der Stress war immens, aber ein Bier habe ich mir auch unab­hängig davon geneh­migt. Ich konnte mit der Hektik recht gut umgehen, mir gefiel die Schwere der Auf­gabe regel­recht. Zu einem Verein zu wech­seln, der unten drin stand, diesen Moment habe ich fast genossen. Jeden­falls hat sich bei mir nie ein Burn-out breit­macht.

Nie Angst vor einem Herz­in­farkt gehabt?
Gyula Lorant ist auf der Trai­ner­bank gestorben. Es kommt immer darauf an, wie man mit Stress umgeht. Bei mir war meine Frau der Blitz­ab­leiter. Wenn ich abends im Essen rum­sto­cherte und mich über die Mann­schaft beschwerte, hat sie sich das immer ruhig ange­hört.

Sie wurden mehr­fach in Ihrer Lauf­bahn mit Alkohol am Steuer erwischt. Beim VfL Osna­brück führte 1991 dieses Delikt sogar zur Ent­las­sung.
Viel­leicht hing es damit zusammen, dass ich wegen des Jobs immer wieder allein unter­wegs war – ohne meine Frau. Und was macht ein Mann, wenn er allein ist? Er geht auch mal in die Kneipe und trinkt ein Bier. Und wenn ich dort ins Gespräch kam, bin ich auch mal kle­ben­ge­blieben und habe ein zweites getrunken. Am Ende habe ich mich über­schätzt und bin, anstatt ein Taxi zu nehmen, in mein Auto gestiegen. Keine gute Zeit. Diese Dinge möchte ich am liebsten ver­gessen.

Ihre Frau hat mal gesagt: Wenn Rolf den Fuß­ball nicht mehr hat, dreht er durch“. Sie wirken ganz fried­lich.
Ich war ein Ver­rückter, ein Beses­sener. Aber die Zeit ist vorbei. Als Kind hatte ich nichts zu beißen, aber der Fuß­ball hat mir ein wun­der­bares Leben ermög­licht.

Und wir halten fest: Der größte Erfolg im Leben von Rolf Schaf­stall ist die Bezie­hung zu seiner Frau?
Auf jeden Fall. Das ist das Größte. Die hat so viele Ent­beh­rungen für mich auf sich genommen. Auch wenn es kit­schig klingt: Die sechzig Jahre mit ihr sind mehr wert als jede Meis­ter­schaft.