Seite 2: „Ich konnte mir selbst immer gut zuhören“

1973 mussten Sie Ihre aktive Lauf­bahn ver­let­zungs­be­dingt beenden. War immer klar, dass Sie danach Trainer werden?
Als meine Kar­riere zu Ende ging, wusste ich erst nicht, wie es wei­ter­gehen sollte. Dann las ich in der Zei­tung, dass der TuS Ergen­zingen auf der Schwä­bi­schen Alb einen Trainer sucht.

Und Sie heu­erten in der Pro­vinz an.
Es war für mich ein unbe­schreib­li­ches Gefühl, vor jungen Spie­lern über Fuß­ball zu spre­chen, und zu sehen, wie sie mir andächtig zuhörten.

Woher hatten Sie die Gabe, Spieler richtig anzu­spre­chen?
Auch wenn es eitel klingt, aber ich konnte mir selbst immer gut zuhören. Wissen Sie, wie es ist, wenn man davon begeis­tert ist, was man sagt? Ein tolles Erlebnis. Ich glaube, das ist der Schlüssel dazu, dass einem auch andere zuhören.

Nach der Trai­ner­aus­bil­dung gingen Sie als Co-Trainer zum MSV Duis­burg. Sie gewannen mit der A‑Jugend eine Deut­sche Meis­ter­schaft und über­nahmen 1976, nach der Ent­las­sung von Wil­li­bert Kremer, die erste Mann­schaft.
Mein erster Job in der Bun­des­liga war gleich Abstiegs­kampf. Ich lernte die Arbeit im Tabel­len­keller gewis­ser­maßen von der Pike auf.

Du musst die Ärmel hoch­krem­peln und ganz tief in den Geld­sack packen“

Ihre frü­heste Erin­ne­rung an die Bun­des­liga?
Wir spielten mit dem MSV in Frank­furt. Ich stand auf der Aschen­bahn, als Ein­tracht-Coach Gyula Lorant auf mich zukam. Ein Rie­sen­kerl. Habe gehört, hast Ver­trag unter­schrieben“, radebrechte er, wie macht man das?“ Ich: Tja, wie wohl? Man liest das Papier durch und schreibt seinen Namen drunter.“ Da brüllte mich Lorant an: Falsch“, und fängt an, sich den rechten Ärmel hoch­zu­krem­peln. Du musst Ärmel hoch­krem­peln, ganz tief in den Geld­sack packen und alles raus­holen. So unter­schreibt man Ver­trag.“

In der Saison 1978/79 führten Sie den MSV Duis­burg bis ins Halb­fi­nale des UEFA-Cups. Unver­gess­lich. In der zweiten Runde mussten wir bei Carl Zeiss Jena mit dem Trainer Hans Meyer antreten. Als wir dort ankamen, erwar­tete uns eine Wand aus Schwei­genden am Trai­nings­platz. Kein Auto­gramm­wunsch, keine Frage, nichts. Ich bin dann mit einer Dele­ga­tion ins Hotel gefahren. Vier Leute und ich in einem Trabi. Keiner sprach ein Wort. Im Hotel stand hinter jeder Säule ein Typ in Kunst­le­der­jacke. Mann, ging mir das auf den Sack.

Der MSV hatte damals eine illustre Truppe: Ber­nard Dietz, Rudi See­liger, Kurt Jara, Ronnie Worm und Kees Bregman.
Was wohl aus Bregman geworden ist?

Fri­seur in Utrecht.
Das passt zu Kees, ein wit­ziger Typ. Vor seinem letzten Spiel für den MSV kam er und sagte: Trainer, ich muss heute was Beson­deres machen.“ Ich sagte: Mach ein ordent­li­ches Spiel, das werden die Zuschauer hono­rieren.“ Aber dem armen Kerl gelang gar nichts. Als er zehn Minuten vor Schluss den Ball bekam, nahm er ihn mit der Hand auf, bedankte sich per Hand­schlag beim Schieds­richter, drückte die Pille einem Roll­stuhl­fahrer auf der Aschen­bahn in die Hand und ging win­kend in die Kata­komben.

Ente, wir sind hier im Ruhr­ge­biet, wir brau­chen keine Pelz­mäntel“

Wie kamen Sie mit sol­chen Witz­bolden zurecht? Bei Rot-Weiss Essen hatten Sie auch mit Willi Lip­pens zu tun.
Gut. Ente kam gerade aus den USA zurück, der hatte nichts ver­lernt. Er war ein Schlitzohr geblieben.

Inwie­fern?
Ich sah schon an seinem Blick, wenn er etwas im Schilde führte. Laufen mochte er nicht. Diens­tags stand bei uns Kon­di­ti­ons­trai­ning an. Da kam er zu mir und sagte: Trainer, wir müssen mal wieder den Euro­pacup der Pokal­sieger aus­spielen.“ Gut, dachte ich, machen wir einen Kom­pro­miss. Statt Kon­di­ti­ons­trai­ning, ein Tur­nier auf Klein­feld. Am nächsten Dienstag aber kommt der Frech­dachs wieder: Trainer, da gibt‘s auch den Euro­pacup der Lan­des­meister …“

Ihre Ant­wort?Ente, den spielen wir dieses Jahr dann aber erst an Weih­nachten aus.“

Und? Hat er sich dran erin­nert?
Indi­rekt. Kurz vor Weih­nachten klopft es an meiner Tür. Ente mit einem kleinen Koffer, aus dem er einen Pelz­mantel holt. Trainer, es geht auf Weih­nachten. Sie haben doch ne blonde Frau, der Pelz würde ihr gut stehen.“ Irgend­einer hatte ihm einen Berg Pelz­mäntel ange­dreht, damit er die im Verein an den Mann bringt. Ich schmiss ihn mit den Worten raus: Ente, wir sind hier im Ruhr­ge­biet, wir brau­chen keine Pelz­mäntel.“