Am Samstag-Nach­mittag betrat Marcio Rafael Fer­reira de Souza, genannt Raf­inha, wieder die ganz große Bühne – und bot die ganz große Show. Der Rechts­ver­tei­diger von Schalke 04 war zu Gast im Dort­munder West­fa­len­sta­dion und bewies: Er hat einen ver­dammt starken rechten Fuß. Er bewies aber auch: Seine mora­li­sche Ein­stel­lung ist dis­ku­tabel.



Ein­drucks­voll ist sein geschicktes Defen­siv­spiel, sein Zwei­kampf­ver­halten ist gewitzt, seine Offen­siv­ak­tionen dank aus­ge­prägter Kon­di­tion und Lauf­be­reit­schaft ziel­strebig und wirksam. Auf seiner ange­stammten rechten Seite gehört Raf­inha zu den drei besten Fuß­bal­lern der Bun­des­liga. Doch in den ent­schei­denden Situa­tionen, die rou­ti­nierte Fuß­ball-Profis von Tes­to­steron-geschwän­gerten Ama­teur­spie­lern unter­scheiden, scheint sich ein kleiner Hebel im gelockten Schädel des Schalker Ver­trags­spie­lers umzu­legen und das ganze Reper­toire der ver­ab­scheu­ungs­wür­digen Aktionen abzu­spulen, die den ethisch kor­rekten Zuschauer zur Weiß­glut bringen: Ver­steckte Fouls, ange­win­kelte Ellen­bogen in Höhen, wo kein ange­win­kelter Ellen­bogen zu sein hat, tra­gi­sche Zusam­men­brüche bei gän­giger Bun­des­li­ga­rup­pig­keit und gif­tige Kon­tro­versen mit Gegen­spie­lern und Unpar­tei­ischen. Für geg­ne­ri­sche Zuschauer bietet Raf­inha ein opti­males Feind­bild, das muss man ihm lassen, doch bleibt die Frage offen: Hat ein solch begabter Fuß­baller derlei puber­täre Auf­fäl­lig­keiten nötig?

Die 3:0‑Führung nach 54 Minuten war auch den stra­te­gi­schen Diensten Raf­inhas geschuldet, das zweite Tor besorgte er sogar selber, nachdem ihm der wüst her­an­sprin­tende Heiko Wes­ter­mann knapp vor dem geg­ne­ri­schen Tor bedient hatte und der wuse­lige Defen­siv­mann mit einem tro­ckenen Rechts­schuss abschließen konnte. Seine eigent­liche Leis­tung hatte er Sekunden zuvor voll­bracht, als er – fast uner­kennbar für Zuschauer und Gegen­spieler – mit einem irren Sprint Wes­ter­manns Lauf gefolgt war und so an der rich­tigen Stelle stehen konnte.

Doch schon in diesen für die Schalker glück­se­ligen 54 Minuten war Raf­inha auch negativ auf­ge­fallen: Die Ent­schei­dung von Neu­zu­gang Farfan Raf­inhas Rang zu igno­rieren und den Elf­meter selber zu treten, hatte der zwar intensiv aus­dis­ku­tieren müssen, dann jedoch akzep­tiert und anschlie­ßend beju­belt. In der 28. Minute – Raf­inha war zuvor heftig von den Borussen ange­gangen worden – wir­belte er seinen Arm nach hinten und traf Nelson Valdez im Gesicht. Eine klare Tät­lich­keit, die Schiri Wagner mit einer milden gelben Karte bedachte. Es folgten thea­tra­li­sche Zwei­kampf­akte (u.a. gegen Kringe) und später, als ganz Schalke bereits die Selbst­be­herr­schung ver­loren hatte, ein dummer Ring­kampf mit seinem Gegen­spieler (die ihn, weiß der Teufel warum, vor eine zweiten gelben Karte bewahrte) und als krö­nender Abschluss die absto­ßenden Ver­suche, Alex­ander Frei vor dessen Straf­stoß in der 89. Minute mit ver­balen Unver­schämt­heiten aus dem Kon­zept zu bringen. Ein fal­scher Ansatz beim erfah­renen Schweizer, der den Ball mit kalter Wut und Prä­zi­sion ins Schalker Netz zim­merte.

Warten auf ein Wunder


Dabei scheint dieser auf dem Platz so exzen­tri­sche Bra­si­lianer abseits der großen Bühne ein ganz netter Bur­sche zu sein. Sein größtes Ziel, lässt er auf seiner Home­page ver­lauten, habe er bereits erreicht: Der geliebten Mutter ein Haus zu bauen. Glei­ches soll für die rest­liche Ver­wandt­schaft nach­ge­holt werden. Der 1,72 Meter kleine Abwehr­spieler bezeichnet sich als bibel­treu, ein frommer Christ, dessen Lieb­lings­film pas­sen­der­weise »Á espera de um milagre« (»Warten auf ein Wunder«) heißt.

Raf­inha hat die Bun­des­liga bereits beein­druckt – er ver­kör­pert die extra-moderne Ver­sion des stür­menden, spiel­steu­ernden Abwehr­spie­lers auf der Außen­bahn auf einem sport­lich sehr hohen Niveau. An seiner sport­li­chen Moral gibt es bun­des­weit begrün­dete Zweifel. Bochums Kapitän Marcel Malt­ritz fand deut­liche Worte nach dem Schalker Spiel gegen den VfL Bochum: »Der regt mich tie­risch auf! Der for­dert das ganze Spiel über Gelbe Karten. Und dann klatscht er Bei­fall, als Fuchs vom Platz fliegt. Das ist grob unsport­lich.«

Wenn der Schalker, der vor dem Sai­son­start mit seinem erzwun­genen Olym­pia­auf­ent­halt auch seinen Arbeit­geber ver­är­gerte, in Zukunft seine unnö­tigen Aus­fälle und Unsport­lich­keiten in den Griff bekommt, wäre das wohl das größte »milagre«.