15. Juni 1974

Es ist 18 Uhr, als Schieds­richter Vicente Llob­regat aus Vene­zuela im Mün­chener Olym­pia­sta­dion die Partie zwi­schen Ita­lien und Haiti anpfeift. Im Tor der Ita­liener steht Dino Zoff. Eine Erschei­nung zwi­schen den Pfosten, ein Welt­klas­se­mann. Seit 1100 Minuten ohne Gegentor. Im Tor der Hai­tianer steht Henri Fran­cillon. Ihn kennt außer­halb von Haiti kein Mensch. In Port-au-Prince, Haitis Haupt­stadt, sitzen die Men­schen vor dem Fern­seher oder haben die Ohren am Radio. Die Arbeiter von Fran­cil­lons Import-Export­firma drü­cken ihrem Chef die Daumen. Für die ebenso über­ra­schende wie sen­sa­tio­nelle Qua­li­fi­ka­tion zur ersten WM-Teil­nahme Haitis über­haupt, hat Dik­tator Jean Claude Duva­lier, genannt Baby Doc“, den Natio­nal­spie­lern eigene Firmen und Fabriken geschenkt.

Das Spiel beginnt. 51.000 Zuschauer wollen sich das Spek­takel WM-Favorit gegen unbe­kannten Außen­seiter ansehen. Die Ita­liener lassen den Ball durch die eigenen Reihen laufen. Spi­nosi, Burg­nich, Fac­chetti, Maz­zola, Capello, Rivera, Riva – eine Welt-Aus­wahl ist das, wenn auch etwas in die Jahre gekommen. 1970 besiegte ein Groß­teil dieser Mann­schaft Deutsch­land im Jahr­hun­dert­spiel bei der WM in Mexiko und schei­terte erst im Finale gegen Pelés Bra­si­lien. Spieler, Fans und Medien erwarten einen hohen Sieg gegen die No-names aus Haiti.

Die erste halbe Stunde ist vorbei. Noch immer steht es 0:0. Warum? Weil im Tor der Hai­tianer ein Wahn­sin­niger steht, ein Hexen­meister aus der Karibik. Henri Fran­cillon macht das Spiel seines Lebens. Luigi Riva und Gianni Rivera haben es ver­sucht, sogar mehr­mals. Ohne Erfolg. Giorgio Chi­naglia, der bul­lige ita­lie­ni­sche Mit­tel­stürmer hat geköpft, geschossen, geschlenzt und ist doch immer wieder an Henri Fran­cillon geschei­tert. Die Zuschauer in Mün­chen sind völlig aus dem Häuss­chen, jede Parade und jede Ball­be­rüh­rung von Fran­cillon wird fre­ne­tisch gefeiert. Die Welt­meis­ter­schaft 1974 hat ihren ersten Super­star.

19.45 Uhr, Llob­regat beendet das Spiel mit einem lauten Pfiff, den Zei­ge­finger der rechten Hand Rich­tung Himmel gestreckt. Doch für ein echtes Wunder von oben hat es für Haiti nicht gereicht. Ita­lien hat mit 3:1 gewonnen, irgend­wann wusste auch Fran­cillon kein Mittel mehr gegen die wütenden Angriffe des amtie­renden Vize-Welt­meis­ters. Die Sen­sa­tion ist den­noch per­fekt: Gleich zu Beginn der zweiten Halb­zeit hatte Emma­nuel Sannon Ita­liens Tor­wart Dino Zoff umkurvt und zur 1:0‑Führung getroffen. Der ein­ma­lige Rekord des Schluss­manns ist nach exakt 1147 Minuten gebro­chen. Von Haitis neuem Natio­nal­held Emma­nuel Sannon.

Juni 1974

Der große Star für die deut­sche Öffent­lich­keit ist aller­dings Henri Fran­cillon. In Mün­chen bricht in den Tagen nach dem Spiel ein regel­rechter Henri-Hype aus. Fran­cil­lons spek­ta­ku­läre Flug­ein­lagen, sein Exo­ten­status als Hai­tianer und das sym­pa­thi­sche Image des Under­dogs, der sich gegen die auf Sieg gedrillten Maschinen aus Ita­lien gestemmt hat, machen aus dem bis dato unbe­kannten Tor­wart einen Mün­chener Fuß­ball-Lieb­ling. Da stört es auch nicht, dass Haiti vier Tage nach der Nie­der­lage gegen Ita­lien mit 0:7 gegen Polen ver­liert und auch im letzten Grup­pen­spiel gegen Argen­ti­nien (1:4) ohne Chance ist. Fran­cil­lons Auf­tritt gegen die Squadra Azzurra“ bleibt in den Köpfen hängen.

Auch bei 1860 Mün­chen macht man sich so seine Gedanken über den Tor­wart aus der Karibik. Seit dem Bun­des­li­ga­ab­stieg 1970 sind die Löwen“ nur noch zweit­klassig, für die neue Saison, der ersten Spiel­zeit in der neu gegrün­deten zwei­glei­sigen 2. Bun­des­liga, sucht der Klub noch eine pro­mi­nente Ver­stär­kung auf der Tor­hü­ter­po­si­tion. Seit dem Weg­gang von Ver­ein­si­kone Petar Raden­kovic hat nie­mand die vakante Stelle zwi­schen den Pfosten adäquat aus­füllen können. Mit Henri Fran­cillon, der WM-Über­ra­schung, glauben die 1860-Ent­scheider, ist end­lich ein wür­diger Nach­folger für den auch als Publi­kums­ma­gneten so wich­tigen Raden­kovic gefunden. Abtei­lungs­leiter Walter Kraus bekommt den Auf­trag, Kon­takt auf­zu­nehmen. Der Mün­chener Steu­er­be­voll­mäch­tigte Kurt Renner, wäh­rend der WM Mann­schafts­be­treuer Haitis, ist der ideale Ver­bin­dungs­mann.

25. Juni 1974

Die erste Final­runde der WM ist beendet. Haiti ist als Letzter der Gruppe 4 gemeinsam mit Ita­lien aus­ge­schieden. Zwei Tage nach dem letzten Spiel der Hai­tianer gegen Argen­ti­nien trifft sich im Mün­chener Café Bett­hup­ferl“ (Besitzer ist 1860-Trainer Max Merkel) eine illustre Runde: Tor­wart Henri Fran­cillon in Beglei­tung seines Natio­nal­trai­ners (und Über­set­zers) Antoine Tassy auf der einen Seite und Löwen“-Trainer Max Merkel mit Abtei­lungs­leiter Walter Kraus. Die Mün­chener Abend­zei­tung“ fasst die Ergeb­nisse des Tref­fens zusammen: Mit fol­genden Kon­di­tionen erklärte sich Fran­cillon schließ­lich ein­ver­standen: Er erhält ein monat­li­ches Brut­to­ge­halt in Höhe von 2000 Mark. Zusätz­lich ist eine Sieg­prämie ver­ein­bart. Außerdem gibt es eine Leis­tungs­prämie von 750 Mark pro Ein­satz. Sie wird am 30. Juni 1975 aus­be­zahlt.“ Später am Tag, gegen 18 Uhr, setzt Fran­cillon schließ­lich in der Sport­schule Grün­wald seine Unter­schrift unter den Ver­trag und wird der erste Hai­tianer in der Geschichte des deut­schen Fuß­balls. Ein his­to­ri­scher Transfer, der dem Mün­chener Zweit­li­gist mitten in der heißen Phase der Welt­meis­ter­schaft lan­des­weit Schlag­zeilen beschert. Walter Kraus reibt sich die Hände: Mit dieser Ver­pflich­tung sind wir kei­nerlei Risiko ein­ge­gangen!“ Und Max Merkel sagt: Fran­cillon ist sicher ein Talent – nur deutsch lernen muss er halt.“ Zusätz­lich ver­pflichten die Mün­chener einen gewissen Bern­hard Hart­mann von West­falia Herne.

8. Juli 1974

Deutsch­land ist Welt­meister! Der 2:1‑Sieg im Finale gegen Hol­land hat das Land in einen Aus­nah­me­zu­stand ver­setzt. Am Tag nach dem End­spiel wartet am Flug­hafen Mün­chen-Riem eine kleine Dele­ga­tion auf die Ankunft des von den Medien bereits zum Pan­ther von Haiti“ erklärten Neu­zu­gangs. Walter Kraus und 1860-Ehren­prä­si­dent Adal­bert Wetzel nehmen Henri Fran­cillon in Emp­fang und bringen ihn in die Woh­nung von Haitis WM-Betreuer Kurt Renner.

29. Juli 1974

Die Lieben aus Haiti sind da!“ titelt die Mün­chener Abend­zei­tung“. In Riem sind Fran­cil­lons Frau Chantal und sein ein­ein­halb­jäh­riger Sohn Henri junior gelandet. Mit dabei: das pech­schwarze Mäd­chen“ Jeanne, von Fran­cil­lons hoch­schwan­gerer Gattin vor­sorg­lich als Kin­der­mäd­chen enga­giert. Die Rei­se­gruppe soll zunächst im Hause Renner unter­kommen, dann aller­dings ein eigenes Haus beziehen. Frau Renner, von müt­ter­li­chen Gefühlen über­mannt, hat bereits eine Sam­mel­ak­tion bei den Nach­barn gestartet: Kin­der­wagen, Baby­wä­sche, Spiel­zeug – den Neu­lingen aus Haiti soll es an nichts fehlen. Zuerst fange ich mit einem Deutsch­kurs an, den ich nach der Geburt des zweiten Kindes gemeinsam mit meiner Frau mache“, lässt sich der Tor­wart zitieren und bestä­tigt außerdem das Gerücht, er wolle dem­nächst einen Nebenjob antreten, um zusätz­lich Geld in die Fami­li­en­kasse zu erwirt­schaften: Als Ver­käufer in einem Plat­ten­laden.

7. August 1974

Die Woche nach dem 1. Spieltag. 1860 hat gegen Abstiegs­kan­didat Wormatia Worms mit 0:1 ver­loren. Im Tor stand Bern­hard Hart­mann, Henri Fran­cillon, als Stamm­kraft geholt, saß nur auf der Bank. Jetzt erfährt die Bild“-Zeitung: Ich laufe seit zwei Monaten mit einer ange­bro­chenen rechten Hand herum. Schon vor der WM hatte ich kein Gefühl mehr drin!“ Die Fran­cil­lons wohnen inzwi­schen in einer Sieben-Zimmer-Woh­nung in Mün­chen-Solln. 120 qm Wohn­fläche, 1000 qm Garten. Die monat­lich 1000 DM Miete über­nimmt ein Gönner des Ver­eins, der unbe­kannt bleiben will. Die anfäng­liche Euphorie um den außer­ge­wöhn­li­chen Neu­zu­gang hat sich gelegt. Plötz­lich erkennen auch die Medien das größte Pro­blem: Fran­cillon spricht kreo­lisch, fran­zö­sisch, eini­ger­maßen spa­nisch und ein paar Bro­cken eng­lisch – deutsch kann er nicht.“ Die Sprach­bar­riere ist ein echtes Hin­dernis, zumal Trainer Max Merkel laut eigener Aus­sage keine Ver­stän­di­gungs­pro­bleme in seiner Hin­ter­mann­schaft duldet. Tor­wart Hart­mann hat er auch des­halb den Vorzug gegeben, weil der die gleiche Sprache spricht, wie seine Abwehr­spieler“. Ein Jahr Ein­ge­wöh­nung gebe er dem Neu­ling aus Haiti, sobald er deutsch spricht, bekommt sofort seine Chance.“

Und auch abseits des Fuß­ball­platzes bekommt Henri Fran­cillon erst­mals hand­feste Pro­bleme. 2000 DM Monats­lohn stehen dem Fuß­baller laut Ver­trag zu – brutto. Dumm nur, dass nie­mand dem Natio­nal­spieler die Bedeu­tung des Wortes brutto erklärt hat. Nach Abzug sämt­li­cher Abgaben bleiben Fran­cillon 1300 DM Fest­ge­halt, dazu kommen 750 DM pro Ein­satz und eine nicht genannte Sieg­prämie. Doch 1860 wird in den ersten fünf Sai­son­spielen nicht einmal gewinnen, erst ein 1:0‑Erfolg am 1. Sep­tember gegen den VfR Heil­bronn bricht den Bann. Sechs Spiele, in den jeweils Bern­hard Hart­mann im Tor steht. Die vom gelernten Buch­halter Fran­cillon zunächst ein­kal­ku­lierten 5600 DM Monats­lohn sind völlig uto­pisch.

17. August 1974

In einem Zei­tungs­in­ter­view wird 1860-Trainer Max Merkel gefragt, was er von seinem Neu­zu­gang Henri Fran­cillon halte. Merkel: Den kann ich nicht gebrau­chen.“ Fran­cillon prä­sen­tiert der­weil erste Deutsch-Kennt­nisse: Bis jetzt kann er nur ´komm, geh, vor­wärts, zurück´ sagen.“

28. Sep­tember 1974

In der Stutt­garter Zei­tung“ erscheint ein Bericht über den Tor­wart aus Haiti, der jetzt in Mün­chen Fuß­ball spielt. Ein Satz lautet: Henri Fran­cillon ist der erste in der Geschichte des Pro­fi­fuß­balls, der sich mit seinem Ver­trag einen sozialen Abstieg ein­ge­han­delt hat.“ In Haiti war der Keeper dank seiner Firma ein wohl­ha­bender Mann, doch die Firma führt längst jemand anderes und in Deutsch­land ver­dient er nur noch einen Bruch­teil des Gehalts, dass er sich nach der Ver­trags­un­ter­schrift aus­ge­rechnet hatte. Weil sein hai­tia­ni­scher Füh­rer­schein in Deutsch­land nicht aner­kannt wird und ohnehin kein Geld für ein neues Auto vor­handen ist, fährt Fran­cillon die neun Kilo­meter von seiner Woh­nung zum Trai­nings­platz mit dem Fahrrad. Öffent­liche Ver­kehrs­mittel, so erfährt es die Presse, würde der Fuß­baller auf­grund von Ver­stän­di­gungs­mög­lich­keiten meiden. Wieder meldet sich Merkel zu Wort: Es ist schon schlimm genug, wenn mein Libero ein Däne ist (Arne Rastad, d. Red.). Bis sich Fran­cillon per Wör­ter­buch mit ihm ver­stän­digt hat, ist das Spiel schon vorbei.“ Eine inter­na­tional gül­tige Fuß­bal­ler­sprache scheint es Mitte der Sieb­ziger zumin­dest bei 1860 Mün­chen noch nicht zu geben.

1. Februar 1975

Sieben Monate sind seit dem Wechsel von Henri Fran­cillon zum TSV 1860 Mün­chen ver­gangen. Die Familie aus Haiti hat den ersten Winter in Deutsch­land über­standen und glaubt man der Mün­chener Abend­zei­tung“ hat der schwarze Löwen-Tor­wart Fran­cillon keine Pro­bleme mehr“. Seit vier Monaten ist Tochter Rachel auf der Welt, zweimal in der Woche büf­felt der 28-jäh­rige Tor­wart mit einem kolum­bia­ni­schen Stu­denten deutsch, gar fünf Stunden pro Tag lernt Ehe­frau Chantal am Goethe-Ins­ti­tiut die Sprache der neuen Heimat. Und stolz erzählt Fran­cillon, daß Petit-Henri auch schon Servus´ sagen kann.“ Nach einem holp­rigen Sai­son­start steht 1860 vor dem 22. Spieltag auf dem siebten Tabel­len­platz in der 2. Bun­des­liga Süd. Jetzt hat sich sogar Trainer Max Merkel erwei­chen lassen, gegen den VfR Mann­heim kommt Fran­cillon end­lich zu seinem aller­ersten Sai­son­ein­satz. Er hält feh­ler­frei, Mün­chen gewinnt mit 3:0. Auf der Pres­se­kon­fe­renz ant­wortet der Tor­wart den Jour­na­listen auf deutsch: Ich habe keine Pro­bleme mehr“ und Ich bin auch nicht böse, wenn ich später wieder nur Ersatz­mann sein werde“. 14 Tage später, beim 3:1‑Auswärtserfolg gegen den FSV Mainz, steht Fran­cillon erneut zwi­schen den Pfosten. Jetzt wird alles gut.

16. April 1975

Die Saison neigt sich dem Ende ent­gegen, da gehen Max Merkel die Stürmer aus. Nach dem Platz­ver­weis für Alfred Kohl­häufl stehen dem Trainer nur noch zwölf gesunde Spieler zur Ver­fü­gung. Die Idee: Fran­cillon soll als Angreifer ein­ge­setzt werden! Der Henri ist ein her­vor­ra­gender Tech­niker mit einem harten und plat­zierten Schuß. Warum also nicht?“, fragt Merkel in die Runde. Schwarzer Henri soll stürmen“, ver­meldet prompt die Mün­chener Abend­zei­tung“. Und auch Fran­cillon macht Wer­bung in eigener Sache: Gegen Kolum­bien habe ich sogar mal zwei Tore geschossen – als Rechts­außen!“ Im Spiel gegen den FC Schwein­furt steht er dann tat­säch­lich auf dem Platz, aller­dings als Tor­wart. Nach seinen Ein­sätzen gegen Mann­heim, Mainz, Fürth und Bay­reuth wird die Partie gegen Schwein­furt seine Letzte sein. Davon ahnt der Tor­wart aller­dings noch nichts. 1860 ver­liert das wich­tige Spiel zu Hause mit 1:3 und ver­ab­schiedet sich bereits am 31. Spieltag aus dem Rennen um die Auf­stiegs­plätze.

16. Juli 1975

Som­mer­pause. In seiner ersten Spiel­zeit für 1860 Mün­chen hat der WM-Teil­nehmer Fran­cillon fünf Spiele in der 2. Bun­des­liga absol­viert, in der 2. Runde des DFB-Pokals (4:2 gegen Ein­tracht Bad Kreuz­nach) wurde er nach 75 Minuten ein­ge­wech­selt. Max Merkel und sein Nach­folger Heinz Lucas setzen auf Bern­hard Hart­mann. Für Ersatz­mann Fran­cillon auch finan­ziell eine fatale Situa­tion: Weil er als Ersatz­mann weder Auf­lauf- noch Sie­ges­prä­mien kas­siert, bleiben der Familie pro Monat ledig­lich 1300 DM netto. Das ist 1976 kein Hun­ger­lohn, aber für einen Fuß­ball­profi eine ver­gleichs­weise lächer­liche Summe. Der Kölner Stadt­an­zeiger“ urteilt: Henri Fran­cillon ist der unglück­lichste Mann im deut­schen Pro­fi­fuß­ball geworden.“ Eigent­lich“, zitiert das Blatt den inzwi­schen abge­tre­tenen 1860-Abtei­lungs­leiter Walter Kraus, hatte ich immer damit gerechnet, dass sich Fran­cillon unter diesen Umständen plötz­lich und ohne Abschied nach Haiti ver­drü­cken würde.“ Der Autor des Arti­kels ana­ly­siert mes­ser­scharf: Da hatte er sich aber getäuscht; denn Fran­cillon zeigte mehr Ehr­geiz, als man von einem Neger aus kari­bi­schen Breiten erwarten konnte.“

Längst hat der Mün­chener Verein Ver­mittler auf Reisen geschickt, um den Tor­wart zu ver­kaufen. Um das Pro­blem Fran­cillon soll sich jemand anderes küm­mern. Damit das auch mög­lichst bald pas­siert, ist der Tor­wart sogar ablö­se­frei zu haben. Behaupten jeden­falls die ört­li­chen Zei­tungen. Doch bis­lang läuft der Som­mer­schluss­ver­kauf eher schlep­pend an: Ledig­lich ein Ama­teur­verein aus Nord­deutsch­land soll Inter­esse bekundet haben. Der Kölner Stadt­an­zeiger“ zieht ein trau­riges Fazit: Henri Fran­cillon hat 72 Län­der­spiele gemacht. Er war auf der Insel ein wohl­ha­bender Kauf­mann. Jetzt ist er 29 Jahre alt. Und wenn er eines Tages nach Haiti zurück­kehrt, ist er arm und auf die Hilfe seiner begü­terten Schwie­ger­el­tern ange­wiesen. Schlimmer noch: Die Scham über sein Schei­tern in Mün­chen hat ihn psy­chisch zer­bro­chen. Auch das ist Pro­fi­fuß­ball.“

17. Juli 1975

Der Bou­le­vard hat neues Futter im Fall Fran­cillon: Eine Woche lang sei der Tor­wart in Spa­nien unter­wegs und für die Mün­chener nicht erreichbar gewesen, um gemeinsam mit dem Mün­chener Arzt Dr. Claude Thé­baud und dem zwie­lich­tigen Spie­ler­ver­mittler Man­fred Wen­gert“ (Zitat: Mün­chener Abend­zei­tung“) einen neuen Arbeit­geber zu finden – ohne Erfolg. Erst nachdem 1860-Prä­si­dent Erich Riedl eine Such­mel­dung beim Deut­schen Gene­ral­kon­sulat in Bar­ce­lona auf­ge­geben habe, sei das Trio wieder nach Deutsch­land zurück­ge­kehrt. Angeb­lich, so ver­melden es die Zei­tungen, for­dere der Mün­chener Zweit­li­gist nun doch eine Ablö­se­summe von 100.000 DM. Henri hat Chancen, bei den Zweit­li­ga­klubs in Tara­gona oder Vigo unter­zu­kommen“, meldet Riedl der Presse. Tat­säch­lich hat auch das Klin­ken­putzen in Spa­nien nichts genützt. Fran­cillon, der in Mün­chen einen Ver­trag bis zum 30. Juni 1976 besitzt, findet keinen neuen Klub. Die Option Heim­kehr hält der Tor­wart aller­dings für aus­ge­schlossen: Nach Haiti gehe ich höchs­tens als Urlauber zurück.“

20. Dezember 1975

Ein halbes Jahr später ist Henri Fran­cillon offi­ziell noch immer ein Löwe“, fak­tisch spielt er längst keine Rolle mehr beim Zweit­li­gisten. Kurz vor Weih­nachten 1975 greift der Kölner Stadt­an­zeiger“ seine Geschichte noch einmal auf und erzählt seinen Lesern die tra­gi­sche Kar­riere des schwarzen Tor­warts der Karibik-Kicker“, der doch noch im Sommer 1974 so die Massen so ver­zau­bert hatte. Und natür­lich wird an die Szene nach dem 1:3 Haitis gegen Ita­lien erin­nert, als ein Reporter den noch völlig von Adre­na­lin­schüben ver­aus­gabten Tor­wart gefragt hatte, wer denn seiner Mei­nung nach der beste Schluss­mann der Welt sei. C´est moi méme! Das bin ich selber!“, soll Fran­cillon damals geant­wortet haben. Die glor­rei­chen Tage der WM müssen dem inzwi­schen tod­un­glück­li­chen Keeper im Winter 1975 wie ein Traum erscheinen. Die deut­sche Profi-Fuß­ball­szene“, schreibt der Kölner Stadt­an­zeiger“, ist für den far­bigen Spieler zur Bühne einer pri­vaten Tra­gödie geraten.“ Jetzt hat er sich einen Anwalt genommen, um sich irgendwie aus dem Ver­trag mit den Löwen“ zu befreien. Die wollen ihn zwar gerne vor­zeitig gehen lassen, aller­dings ohne dafür auch noch zu bezahlen. Fran­cil­lons Anwalt Warnecke nimmt den Mün­chener Tra­di­ti­ons­verein heftig in die Kritik, nennt den Transfer von 1974 mensch­lich gesehen ein Ver­bre­chen“ und drängt den Klub zu einem Ver­gleichs­an­gebot in Höhe von 20.000 DM. Das letzte Wort in dieser Ange­le­gen­heit hat Schorsch Pledl, Fuß­ball-Obmann beim TSV 1860: Wenn ich eine schöne Blume aus meinem Garten in eine andere Gegend ver­setze, geht sie wahr­schein­lich ein.“ So kann man es natür­lich auch sehen.

31. Januar 1976

In einem Mün­chener Restau­rant sitzen der Tor­wart Henri Fran­cillon, 1860-Prä­si­dent Erich Riedl, Ehren­prä­si­dent Adal­bert Wetzel, Fuß­ball-Obmann Schorsch Pledl, der Tor­wart Bern­hard Hart­mann und 1860-Trainer Heinz Lucas. Es gibt Bier, Leber­knö­del­suppe und def­tige Schman­kerln. Prä­si­dent Riedl erhebt sich und sagt: Merci Henri!“. Dann über­gibt er dem gerührten Schluss­mann zwei blau-weiße Stoff­löwen, eine Hin­ter­glas­ma­lerei mit Mün­chener Motiven und zwei Bier­krüge. Es sind die Abschieds­ge­schenke für ein großes Miss­ver­ständnis. In ein­ein­halb Jahren hat der hai­tia­ni­sche WM-Held von 1974 nur fünf Bun­des­li­ga­spiele gemacht, eine echte Chance hat er nie bekommen, viel­leicht hat er sie auch nie genutzt, wer weiß das jetzt schon, zwi­schen Leber­knö­del­suppe und Bier. Fran­cillon spricht ein paar Abschieds­worte: Ich werde Mün­chen trotz aller wid­rigen Umstände nicht ver­gessen. Ich wün­sche meinen Kame­raden, dass sie in die Bun­des­liga auf­steigen.“ Dann fährt ihn die 1860-Dele­ga­tion samt Kinder, Ehe­frau Chantal und Kin­der­mäd­chen zum Flug­hafen Riem. Fran­cillon will es nun doch wieder in Haiti ver­su­chen – als Arbeit­nehmer, nicht als Urlauber. Mit den 20.000 DM Abfin­dung will er ein Sport­ge­schäft eröffnen. Als sich um 11.45 Uhr die Maschine nach Port-au-Prince erhebt, spricht Ehren­prä­si­dent Wetzel einem Jour­na­listen mit brü­chiger Stimme ins Mikro­phon: Henri war wie ein Sohn für mich.“ Dann ist das Kapitel Henri Fran­cillon für den TSV 1860 Mün­chen abge­schlossen.

Nach­trag

13. Januar 2010

Eine Zei­tung ver­meldet: Henri Fran­cillon, der ehe­ma­lige Tor­wart von 1860 Mün­chen, sei bereits 1999 bei Unruhen auf Haiti erschossen worden.

20. Januar 2010

Ein fin­diger Reporter der Mün­chener Abend­zei­tung“ gelangt an die Nummer von Henri Fran­cillon und berichtet den erstaunten Lesern unter der Über­schrift Der Haiti-Löwe: ´Ich lebe noch!´“ von den bewegten Jahren des Tor­hü­ters nach seinem Weg­gang aus Mün­chen. Fünf Jahre lang, so Fran­cillon, sei er Senator in seinem Hei­mat­land Haiti gewesen, als die Schre­ckens­herr­schaft des Dik­ta­tors Jean Claude Baby-Doc“ Duva­lier 1986 endete, ver­ließ auch er mit seiner Frau und den inzwi­schen vier Kin­dern das Land und floh nach Flo­rida in die USA. Er arbei­tete als LKW-Fahrer, baute sich ein Haus, das 1992 von Hur­rican Andrew“ kom­plett zer­stört wurde. In Mas­sa­chu­setts ver­dingte er sich als Putz­mann und Fuß­ball­trainer, seit einigen Jahren lebe er nun als Rentner in Nor­wood, einer Klein­stadt bei Boston. Wie gehe es eigent­lich 1860, habe Fran­cillon am Ende des Tele­fo­nats wissen wollen. Nicht so gut, ant­wor­tete der Jour­na­list aus Deutsch­land. Das habe er sich schon gedacht, sagte Fran­cillon. Und dann: Irgend­wann will ich auch wieder nach Mün­chen. Denn 1860 werde ich immer in meinem Herzen haben.“
Die Zeit heilt eben alle Wunden.