Zwei Minuten sind gespielt. Ange­feuert von den fre­ne­ti­schen Fans samt Choreo wirken auch die Spieler eupho­ri­siert. Kein Zweifel: Die Mag­pies sind heiß auf das Spiel gegen Tot­tenham. Nach einer kurzen Pass­sta­fette flankt Javi Man­quillo scharf von der rechten Seite in den Straf­raum. Callum Wilson geht dem Ball ener­gisch ent­gegen und köpft ihn wuchtig ins Netz. New­castle führt! Die Fans schwenken saudi-ara­bi­sche Flaggen, die Kamera fängt die zufrieden drein­bli­ckenden neuen Besitzer Amanda Stav­eley, Mehrdad Gho­doussi und Jamie Reuben ein. War das viel­leicht der Start­schuss für etwas ganz Großes? Vor­erst nicht. Tot­tenham zeigt dem neu­rei­chen Klub schnell seine Grenzen auf und gewinnt am Ende ver­dient mit 3:2.

Was wurde in den ver­gan­genen Wochen nicht schon alles über den mitt­ler­weile reichsten Klub des Pla­neten berichtet. In den sozialen Medien leckten sich Fuß­ball­fans aus aller Welt die Finger auf­grund poten­ti­eller zukünf­tiger Mann­schafts­auf­stel­lungen. Doch Tot­tenham ließ die illu­so­ri­sche Blase zer­platzen und offen­barte den Ist-Zustand New­castles. Und der sieht düster aus: kein Sieg in der Pre­mier League, vier Punkte, Platz 19. In großer Hoff­nung schielen die Fans bereits auf den Januar. Dann öffnet sich das Trans­fer­fenster.

Bizarr­heit 1: Die Trai­ner­ent­las­sung

Nicht mehr an der Sei­ten­linie stehen wird dann Steve Bruce. Im gegen­sei­tigen Ein­ver­nehmen“ einigten sich der Trainer und die Ver­eins­füh­rung auf eine Auf­lö­sung des Ver­trags. Ist er das erste Kron­prin­zen­opfer“ des neuen Kurses? Bereits nach der Über­nahme des Kon­sor­tiums schien es nur noch eine Frage der Zeit, bis Bruce seinen Platz räumen müsste. Fast ver­wun­der­lich, das er noch sein 1.000 Spiel als Trainer machen durfte.

Sport­lich scheint die Tren­nung nach­voll­ziehbar. Unter Bruce wurde New­castle zwölfter und 13. in der Liga. Momentan ist die Mann­schaft Vor­letzter. Ein mög­li­cher Abstieg ist mitt­ler­weile ein rea­lis­ti­sches Sze­nario. Doch der neu­reiche Klub hat nun ganz andere Ambi­tionen. Wäh­rend Bruces Amts­zeit ließ sich keine sport­liche Iden­tität erkennen. Unter ihm hatten die Anhänger das Gefühl zu sta­gnieren. Auch des­halb war Steve Bruce in seiner knapp drei­jäh­rigen Amts­zeit in New­castle nie son­der­lich beliebt.

Co-Trainer Graeme Jones über­nimmt vor­erst. Aber auch unter seiner Füh­rung reichte es gegen Crystal Palace noch nicht für den ersten Sai­son­sieg. Wäh­rend­dessen geis­tern schon seit zwei Wochen unzäh­lige Trai­ner­namen durch die Gazetten. Für New­castle hängt nun alles davon ab, den rich­tigen Mann für die Zukunft zu finden. Doch das wird nicht ein­fach. Bruces Nach­folger muss gleich meh­rere Kri­te­rien erfüllen.

Der Verein befindet sich aktuell in einer schwie­rigen Situa­tion. Die Ver­eins­füh­rung muss den Klub neu aus­richten und formen. Ein Blick auf die Tabelle macht aber auch deut­lich: der neue Trainer muss Feu­er­wehr­mann-Qua­li­täten haben. Sich mit dem Geld der Saudis von der Rea­lität blenden zu lassen, wäre fatal. Wei­terhin müsste der neue Mann auf der Bank dem medialen Trubel stand­halten. Es wird des­wegen auch darum gehen, einen Trainer zu finden, der dem Verein ein Gesicht geben kann.

Paulo Fon­seca scheint sich als Favorit auf den Posten her­aus­zu­kris­tal­li­sieren. Der Por­tu­giese hat zwar keine Pre­mier-League-Erfah­rungen, führte AS Rom aber in der letzten Saison bis ins Halb­fi­nale der Europa League. Der Guar­dian berichtet, dass es bereits Gespräche zwi­schen dem ehe­ma­ligen Trainer der Roma und den Ver­ant­wort­li­chen von New­castle United gegeben habe. Die end­gül­tige Wahl des Trai­ners wird am Ende Yasir Al-Rumayyan treffen müssen, der Vor­stand des PIF (Public Invest­ment Fund – staat­li­cher Fonds Saudi-Ara­biens).

Bizarr­heit 2: Das Geheim­treffen

Außen­ste­hende Beob­achter fragten sich in den ver­gan­genen Wochen nicht ohne Grund: Warum unter­nimmt denn nie­mand etwas gegen den her­an­wach­senden Kon­kur­renten? Und in der Tat, im Unter­grund“ tat sich etwas. Bei einem geheimen Treffen aller Pre­mier-League-Klubs am Montag ver­gan­gener Woche dis­ku­tierten die Ver­treter über eine Regel­än­de­rung. In dieser ging es darum, dass Ver­eine keine Spon­so­ring­ver­träge mehr mit Unter­nehmen abschließen dürfen, die in direkter Ver­bin­dung zu ihren eigenen Besit­zern stehen.

Für diese Ände­rung stimmten 18 Ver­eine. Man­chester City war neben New­castle der ein­zige Klub, der sich gegen die Ände­rung aus­sprach. Vor­erst soll die neue Rege­lung für einen Monat in Kraft treten. In diesem Zeit­raum prüft ein Gre­mium, ob sie dau­er­haft gelten kann. Die neuen Regu­la­rien sollen ver­hin­dern, dass New­castle das Geld aus Saudi-Ara­bien als Spon­so­ring-Ein­nahmen tarnen könnte. New­castle reagierte relativ ent­spannt auf den Beschluss. Der Verein ist über­zeugt, dass sich die Regel auf lange Sicht nicht halten wird.

Bizarr­heit 3: Kar­neval in New­castle

Bereits bei der Ver­kün­dung des Deals mit dem saudi-ara­bi­schen Kon­sor­tium hatten sich Fans von United vor dem Sta­dion ver­sam­melt und aus­ge­lassen geju­belt. Zu sehen waren dort schon Anhänger, die sich wie Scheichs ver­klei­deten – mit Robe und Geschirr­tü­chern auf dem Kopf.

Im ersten Spiel nach der Über­nahme sahen die Zuschauer vor dem Fern­seher sie wieder: als reiche Araber“ ver­klei­dete Fans. Mitt­ler­weile hat New­castle United seine Anhänger gebeten, sich nicht länger derart zu kos­tü­mieren. Der Verein betonte zwar, dass sich nie­mand aus der Eigen­tü­mer­gruppe durch die Ver­klei­dungen ange­griffen fühle und es viel­mehr eine Geste sei, die als positiv und ein­la­dend wahr­ge­nommen wurde“. Trotzdem bestünde die Mög­lich­keit, dass es für Außen­ste­hende als belei­di­gend und unan­ge­messen wahr­ge­nommen werden könnte.

Bizarr­heit 4: Das Inter­view

Am 21. Oktober sorgte dann Saudi-Ara­biens Finanz­mi­nister Mohammed Al-Jadaan für die nächsten Fra­ge­zei­chen. In einem Inter­view auf CNBC stellte er sich den Fragen von Repor­terin Hadley Gamble. Er ist gleich­zeitig auch der Vor­sit­zende des sau­di­schen Staats­fonds. Aus wel­cher Sicht er die Fragen beant­wor­tete, kam wäh­rend des Inter­views aber nicht klar heraus.

Zunächst sprach er viel von Inves­ti­tionen des Finanz­fonds in andere Bereiche: Es ist ein PIF-Invest­ment. Sie inves­tieren in den Klub, aber auch in die Gemein­schaft, in die Aka­demie und das Sta­dion. Aber es berührt auch die Men­schen. Aber da gibt es noch mehr Inves­ti­tionen.“ Er sprach wäh­rend des Inter­views von ihnen – der PIF“ wech­selte aber zügig ins wir“: Wenn die Leute besorgt über den Wett­kampf unter­ein­ander sind, vor allem jetzt, da wir in einen Verein inves­tiert haben, dann ist das ein gutes Zei­chen. Es bedeutet, dass da ein ernst­zu­neh­mender Gegner her­an­wächst.“

Das Inter­view wirft dabei meh­rere Fragen auf. Alleine die Tat­sache, dass sich ein Finanz­mi­nister Saudi-Ara­biens zu einem Fuß­ball­klub in Eng­land äußert, wirkt merk­würdig. Die Grenzen zwi­schen Fonds und Staat scheinen in der Person Al-Jadaan zu ver­schwimmen. Nicht zuletzt, da er eine Dop­pel­funk­tion aus­füllt. Als Vor­sit­zender des staat­li­chen Fonds hat er das gute Recht, sich zu ihren Inves­ti­tionen zu äußern. Als sau­di­scher Finanz­mi­nister bestä­tigen seine Aus­sagen aber auch die Zweifel der Kri­tiker, inwie­fern der staat­liche Fonds und der Staat wirk­lich von­ein­ander getrennt und unab­hängig sind. Eben diesen Umstand machte die Pre­mier League zur Bedin­gung ihrer Geneh­mi­gung der Über­nahme. Doch Kri­tiker zwei­feln nach wie vor daran.

Bizarr­heit 5: Das kri­ti­sche Banner

Von Seiten der eigenen Fans gab es an der Über­nahme kaum oder nur sehr leise Kritik. Der Groß­teil der Anhänger ist froh, den vor­he­rigen Besitzer Mike Ashley los­ge­worden zu sein. Bei den anderen Fans der Liga stößt der Ver­kauf New­castles an das sau­di­sche Kon­sor­tium hin­gegen auf wenig Gegen­liebe. Im Spiel gegen Crystal Palace ent­hüllten die Anhänger von Palace ein Banner auf der Tri­büne. Auf diesem kri­ti­sierten sie die Men­schen­rechts­ver­let­zungen Saudi-Ara­biens. So ist dort ein Mann in ara­bi­scher Klei­dung zu sehen, der ein blu­tiges Schwert in seinen Händen hält. Alle Häk­chen des Pre­mier-League Eig­nungs­test“ sind ange­kreuzt. Unter anderem bei Ter­ro­rismus, Mord und Zensur. Nun ermit­telt die Polizei wegen des belei­di­genden Ban­ners“. Es sei ras­sis­tisch, so der Vor­wurf.

Bizarr­heit 6: Das nächste Trans­fer­fenster

Wir alle haben von den großen Namen gelesen. Den Haa­lands, den Messis, den Mbappes. Doch zu Trans­fers dieser Grö­ßen­ord­nung wird es allen Anscheins nach in der nächsten Trans­fer­phase nicht kommen. Wie der Tele­graph berichtet, hat United im Januar zunächst ein relativ schmales Budget von etwa 60 Mil­lionen Euro zur Ver­fü­gung. Das ist nur ein Viertel von dem Betrag, den der Klub eigent­lich inves­tieren könnte. Warum?

Laut Tele­graph wolle sich das sau­di­sche Kon­sor­tium erst einmal Stück für Stück an den Fuß­ball her­an­tasten. Sie müssten sich erst in dieser neuen Welt zurecht­finden, den Klub von der Basis neu auf­stellen, begin­nend beim Trainer. Hinzu kommt: einem rei­chen Klub ver­kauft man keinen Spieler unter Wert.

Wie geht’s weiter?

Zwi­schen­zeit­lich gab es Über­le­gungen, den Namen von New­castles Sta­dion, dem St. James’ Park, eben­falls an Spon­soren zu über­geben. Somit könnten wei­tere Gewinne erzielt und das Finan­cial Fair­play legal umge­gangen werden. Die Geschichte der Mag­pies lässt aber darauf schließen, dass es wahr­schein­lich nicht dazu kommen wird. 2011 wurde das Sta­dion in Sports Direct Arena“ umbe­nannt, dem Unter­nehmen des ehe­ma­ligen Inha­bers Mike Ashley. Die Fans liefen Sturm.

Die Men­schen­rechts­ver­let­zungen im Land ihrer neuer Eigen­tümer hin­gegen scheinen sie ganz gut aus­blenden zu können.