Herr Lang­kamp, kann man auch mit gebro­chenem Mit­tel­finger anständig ver­tei­digen?
Natür­lich, das ist über­haupt kein Han­dicap. Ich muss ein paar Wochen eine Schiene tragen, und am Spieltag wird der ver­letzte Finger mit einem anderen zusam­men­g­e­taped. Das ist Pipifax.

Wir möchten mit Ihnen übers Ver­tei­digen spre­chen. Als gebo­rener Ver­tei­diger …
Moment! Eigent­lich bin ich offen­siver Mit­tel­feld­spieler. Erst in der B‑Jugend bei Preußen Münster hat der Trainer mich zurück­ge­zogen und irgend­wann gesagt: Du spielst jetzt Libero. Ich sehe da sehr viel Poten­zial bei dir.“ Viel­leicht lag es auch daran, dass ich offensiv nicht ganz so von Nutzen war (lacht).

Das Spiel hat sich seitdem stark ver­än­dert. Welche Folgen hat das für Sie als Ver­tei­diger?
Die Top-Mann­schaften sind heute sehr variabel. Gegen Borussia Mön­chen­glad­bach war es wirk­lich schwierig, weil Glad­bach ohne echten Stürmer gespielt hat. Da ist immer die Frage: Wann schieben wir mit dem fal­schen Neuner raus, wann bleiben wir in unserem Raum, damit der Platz hinter uns nicht zu groß wird?

Joa­chim Löw hat schon gemut­maßt, dass man dem­nächst viel­leicht Ver­tei­diger brauche, die nur 1,70 Meter groß sind. Machen Sie sich Sorgen? Sie sind 1,91.
Das kann irgend­wann wirk­lich so sein. Das beste Bei­spiel ist doch Fabian Lus­ten­berger. Der ist auch kein typi­scher Abwehr­spieler, der hinten alle Bälle weg­köpft. Seine Stärke ist das vor­aus­schau­ende Spiel. Aber es gibt eben auch Situa­tionen, wo du den Zwei­kampf nicht nur vor­her­sehen kannst, son­dern deinen Körper robust ein­setzen musst. Ganz aus­sterben wird das nie. Mario Mandzukic hat am Wochen­ende leider gezeigt, dass auch ein klas­si­scher Neuner noch brauchbar ist.

Gibt es so etwas wie Lust am Ver­tei­digen?
Absolut. Ich glaube, man sieht bei uns auch, dass wir alle Lust am Ver­tei­digen ver­spüren. Das ist bemer­kens­wert, mit wel­cher Laune alle gegen den Ball arbeiten. Für mich als Abwehr­spieler ist es sowieso ein schö­neres Gefühl, einen Zwei­kampf zu gewinnen, als ein Tor zu schießen.

Lässt diese Lust nie nach?
Ver­tei­digen ist vor allem eine men­tale Frage. Das habe ich vorige Woche gegen die Bayern wieder gemerkt. Die ver­su­chen ganz bewusst, dich müde zu spielen. Du musst dau­ernd hinter dem Ball her­laufen, und irgend­wann sagt dein Kopf: Och nee, nicht schon wieder auf die andere Seite rüber­schieben!“ Wenn du einen Schritt weniger machst, ist das nur mensch­lich. Aber das ist die Kunst: mental immer auf der Höhe zu bleiben.

Sie ver­tei­digen eher vor­aus­schauend, um Zwei­kämpfe zu ver­meiden. Nehmen Sie sich damit nicht selbst ein biss­chen den Spaß am Ver­tei­digen?
Für mich ist es auch eine Art Zwei­kampf­füh­rung – wenn du einen Schritt eher am Ball bist als dein Gegner.

Das heißt, Sie gewinnen Zwei­kämpfe, auch wenn kein Gegen­spieler in der Nähe ist?
Genau. Gene­rell hat es die offen­sive Mann­schaft leichter. Sie hat Spiel­züge und Lauf­wege ein­stu­diert. Wenn ich das unter­bre­chen kann, zeugt das davon, dass man sich ein biss­chen in den Gegner hin­ein­ver­setzen kann und ihn ent­schlüs­selt hat.

Wissen Sie, wie viele echte Zwei­kämpfe Sie pro Spiel bestreiten?
Nein, aber vom Gefühl her sind es weniger geworden, vor allem im Ver­gleich zu meiner Zeit in Augs­burg. Da hatten wir viel mehr Eins-gegen-eins-Situa­tionen zu bewäl­tigen, weil wir mann­schaft­s­tak­tisch nicht so weit waren wie jetzt mit Hertha.

Dieses vor­aus­schau­ende Spiel – kann man das lernen?
Ich glaube schon. Kurt Nie­der­mayer, mein Trainer in der U 19 bei den Bayern, hat jeden­falls sehr viel Wert auf Anti­zi­pa­tion gelegt. Er hat damals schon gesagt: Die Grät­sche ist die aller­letzte Option, die du als Ver­tei­diger wählen soll­test.“
Sie hatten bei den Bayern auch Her­mann Ger­land als Trainer.
Stimmt. Sein Trai­ning war schon sehr von der Zwei­kampf­füh­rung geprägt. Er hat im Trai­ning über das ganze Feld spielen lassen, und du hat­test einen fixen Gegen­spieler. Wenn du den aus den Augen ver­loren hast, hat er dich erst mal rund gemacht.

Haben Sie vorige Woche, beim Spiel in Mün­chen, mit Ger­land gespro­chen?
Es gab einen kurzen Blick­kon­takt.

Sind Sie noch böse auf ihn, weil er Ihnen die Bun­des­liga nicht zuge­traut hat?
Nein, obwohl das damals schon hart war. Ich war 19 Jahre alt, und dann sagt dir der große Her­mann Ger­land, der Talent­för­derer schlechthin: Mal sehen, viel­leicht wird es was mit der Dritten Liga.“ Aber das war wenigs­tens ehr­lich. Das schätze ich, weil es im Fuß­ball nicht üblich ist, dass du immer ehr­lich behan­delt wirst.

Als Sie im Sommer zu Hertha gekommen sind, haben auch viele gedacht: Was wollen die denn mit dem?
Ich fand das gar nicht schlimm, weil ich das sogar nach­voll­ziehen konnte. Ich hatte sieben Monate nicht gespielt, nie­mand wusste, auf wel­chem Stand ich war und wie mein Körper reagiert.

Hatten Sie selbst Angst, dass Sie es nicht mehr schaffen?
So hart sich das anhört: Mein Vor­teil war, dass mein Bruder Mat­thias Sport­in­va­lide geworden ist. Dadurch ist mir vieles bewusst geworden. Du kannst nicht alles erzwingen. Du bist auf deinen Körper ange­wiesen, und wenn dein Körper nicht mit­spielt, ist es nicht von Vor­teil, trotzdem zu trai­nieren. Ich bewun­dere jeden­falls Spieler, die in ihrer ganzen Kar­riere keinen Kraft­raum von innen gesehen haben.

Die gibt es noch?
Na klar, Hajime Hosogai zum Bei­spiel. Er legt unglaub­lich viel Wert auf Rege­ne­ra­tion, aber ich weiß nicht, ob er schon mal im Kraft­raum gewesen ist. Trotzdem mar­schiert der Junge in jedem Spiel. Keine Ahnung, wie das geht.

Ihre Kör­per­hal­tung…
… stock­steif, oder wie?

Hören Sie das häu­figer?
(Lacht) Unser Trainer sagt immer, ich sollte mal einen Tanz­kurs machen, damit ich ein biss­chen gelen­kiger werde. Aber ich fürchte, dass eine Kar­riere als Sam­ba­tänzer eher nicht mehr infrage kommt.

Sie spielen mit durch­ge­drücktem Rücken und dem Kopf oben – erkennt man da noch den frü­heren Bayern-Spieler?
Mit dem Bayern-Gen hat das nichts zu tun, eher mit den Genen meiner Eltern. Im All­ge­meinen bin ich damit sehr zufrieden, auch wenn früher viele Leute gesagt haben: Guck dir diesen arro­ganten Fritzen an!“ Andere sagen: Hey, der hat ein gesundes Selbst­ver­trauen, eine gewisse Aus­strah­lung.“ Aber ich kann ja nichts für meine Kör­per­hal­tung.

Wird einem das bei den Bayern nicht ein­ge­impft: Kopf hoch, Brust raus?
Im Gegen­teil: Bei den Bayern habe ich Demut gelernt, Respekt vor jedem Gegner. Obwohl das schon eine andere Welt war. Bei Preußen Münster hatte ich auf Asche trai­niert, und zu den Spielen sind wir von unseren Eltern mit Privat-Pkws gebracht worden. Bei den Bayern hatten wir schon in der A‑Jugend einen Mann­schaftsbus. Da denkst du: Wow, was ist das?“ Uns wurde gesagt: Ihr könnt stolz darauf sein, für die Bayern zu spielen, aber lasst es nie raus­hängen! Wenn wir in der A‑Ju­gend- Bun­des­liga beim KSV Bau­natal gespielt haben, war das Sta­dion mit 2500 Zuschauern aus­ver­kauft. Trotzdem habe ich nie gedacht: Was soll ich hier in der Pro­vinz?“