Ich hatte mich eigent­lich schon damit abge­funden. Ich war Anhänger des BVB und somit womög­lich Anhänger eines Ver­eins, der seine gol­denen Jahre schon hinter sich hatte. Zum Zeit­punkt des Cham­pions-League-Gewinns 1997 war ich ein kleiner Junge in Frottee-Pyjama und musste nach dem Spiel zackig ins Bett. Kurz: Ich war ein­fach zu spät dran.

Den SSV Ulm im Nacken

Denn nach dem größten sport­li­chen Erfolg des Ver­eins war nicht mehr viel mit Lametta. Alt­jä­ger­meister Udo Lattek musste 2000 gar den Gang in die Zweite Liga ver­hin­dern. Aus Juventus Turin und Cham­pions League wurde ziem­lich schnell der SSV Ulm 1846 und Abstiegs­angst. Aus Ziné­dine Zidane wurde Dragan Trkulja. Aus Chris­tian Vieri wurde Hans van der Haar. Es hätte besser laufen können. Zu allem Über­fluss gewann auch noch jener Verein, dem ich jede noch so unbe­deu­tende Test­spiel-Nie­der­lage von Herzen gönnte, zu dieser Zeit alles. Bayern Mün­chen wurde drei Mal hin­ter­ein­ander Deut­scher Meister und gewann zudem die Cham­pions League. Plötz­lich hatte jeder Zweite ein Jersey von Gio­vane Elber. Ich musste für mein Bachirou Salou-Trikot viel Hohn und Spott ertragen. Eine lehr­reiche Zeit für einen puber­tie­renden Teen­ager.

Ein sanftes Ende

Umso über­ra­schender stand der BVB zwei Jahre nach dem sport­li­chen Nie­der­gang im Halb­fi­nale des UEFA-Cups. Und da war­tete end­lich wieder ein echtes Schwer­ge­wicht: der AC Mai­land. Und damit die durchaus gege­bene Mög­lich­keit der bru­talst­mög­li­chen Vor­füh­rung. Und so hoffte ich zumin­dest auf ein halb­wegs glimpf­li­ches Ende. Meine Bayern-Freunde sollten es nicht zu ein­fach haben. So schön die, zuge­ge­be­ner­maßen äußerst kurz­wei­lige, Rück­kehr auf die große euro­päi­sche Bühne auch gewesen war, hier sollte sie nun ihr fried­li­ches Ende finden. So viel zur Erwar­tungs­hal­tung an dieses Spiel.

Die Mann­schaft war zu dieser Zeit gespickt mit hoch­be­zahlten Stars, die dem Verein kurze Zeit später fast die Exis­tenz gekostet hätten. Doch sei­ner­zeit war diese Form der Miss­wirt­schaft noch nicht bis zu mir durch­ge­drungen. Dank dieser Unwis­sen­heit konnte ich die Sam­ba­tänz­chen an der Eck­fahne noch treu­doof genießen.

Ja, es gab sie. Sam­ba­tänz­chen! Denn wir hatten Bra­si­lianer. Viele Bra­si­lianer. Und die waren sei­ner­zeit der letzte Schrei in der Bun­des­liga. Aus­ge­stattet mit Zau­ber­füßen und Zahn­spangen sollten Amo­roso, Dédé & Co. mir mein Miss­trauen an diesem Abend um die Ohren hauen. Nach acht Minuten schoss eben jener Amo­roso das 1:0 für Borussia Dort­mund per Foul­elf­meter. Die Dort­munder über­rannten die völlig über­for­derten Welt­stars aus Mai­land um Paolo Mal­dini, Fil­lipo Inz­aghi und Andrea Pirlo. Von einer befürch­teten Demü­ti­gung war nichts zu spüren. Ulm war ver­gessen.

Oh Dédé, oh Dédé!

Dann kam die Szene des Abends. Der Moment, der mir bis heute in den Kopf schießt, wenn ich an dieses UEFA-Cup-Spiel denke. Im Mit­tel­punkt: der kahl­köp­fige Bra­si­lianer Dédé. Seit vier Jahren spielte er bereits beim BVB. Seine Mar­ken­zei­chen waren die Schien­bein­schoner in Kin­der­größe, die Zahn­spange und ein zau­ber­hafter linker Fuß. Wir hatten so viel gemeinsam. Abge­sehen vom Zau­berfuß. Per Sei­ten­wechsel bekam er den Ball but­ter­weich von Stefan Reuter auf seine linke Seite ser­viert. Zuerst über­lupfte er den anstür­menden José Mari, dann Gen­naro Gat­tuso und um die Demü­ti­gung zu voll­enden, krönte er seinen Solo­lauf über nie­mand Gerin­geren als Andrea Pirlo. Eine drei­fache Majes­täts­be­lei­di­gung. Ich wurde rot vor Stolz – und vor Scham.

Direkt danach wurde Dédé völlig zurecht gelegt. Doch der Moment blieb. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Dinge im Fuß­ball, die auf den ersten Blick sinnlos erscheinen. Ver­mut­lich hätte ich wohl einige Jahre zuvor voller Stolz ein Olaf-Mar­schall-Gedächtnis-Heft­pflaster auf der Nase getragen, in der festen Über­zeu­gung besser Luft zu kriegen. Wie auch immer: Leo­nardo de Deus Santos spielte sich an diesem Euro­pa­pokal-Abend end­gültig in mein Links­ver­tei­di­ger­herz.

Die alte Leier vom Plei­te­geier

Zur Halb­zeit stand es 3:0 für den BVB. Marcio Amo­roso, das spä­tere Sinn­bild des Dort­munder Grö­ßen­wahns, hatte soeben einen lupen­reinen Hat­trick erzielt. Am Ende dieses denk­wür­digen Abends hieß es gar 4:0. Selbst Jörg Hein­rich durfte noch ein Tor erzielen. Der Jörg Hein­rich, den der BVB vier Jahre zuvor für fast 13 Mil­lionen Euro nach Flo­renz ver­kaufte. Nicht nur in Dort­mund regierte sei­ner­zeit der Wahn­sinn. Dass Borussia Dort­mund den 4:0‑Vorsprung im Rück­spiel um ein Haar noch ver­spielt hätte, bis der ewige Lars Ricken in der Nach­spiel­zeit das 1:3 erzielte, möchte ich an dieser Stelle ver­nach­läs­sigen. Den UEFA Cup gewann letzt­lich ohnehin Feye­noord Rot­terdam. Am Ende waren wir pleite, ein Jahr später wurde der FC Bayern wieder Deut­scher Meister und selbst Jörg Hein­rich wech­selte zum 1. FC Köln. Nur einer blieb dem BVB noch lange treu. Mein Mann mit der Nummer 17: Dédé.