Seite 2: Wie Kadyrow systematisch den Fußball ausnutzt

Warum Ägypten aus­ge­rechnet Grosny als Team­basis wählte, wo doch in der Ver­gan­gen­heit immer wieder Men­schen auf offener Straße erschossen oder ent­führt worden waren? Viel­leicht weil Kadyrow, der sich so gern als guter Muslim prä­sen­tiert, darauf gedrängt hatte, ein Team aus der isla­mi­schen Welt in Tsche­tsche­nien zu beher­bergen. Und weil Wla­dimir Putin diesen Wunsch nach Kairo getragen hatte. Oder doch eher, weil die ägyp­ti­sche Dele­ga­ti­ons­lei­tung auf stau­bige Straßen mit Schlag­lö­chern und klot­zige Plat­ten­bauten steht? Man weiß es nicht genau.

Besuche von Mat­thäus und Ronald­inho

Fest steht jedoch eines: Salah und die übrigen Ägypter, die bei Kady­rows Pro­pa­ganda-Parade allen­falls Sta­tis­ten­rollen ein­nahmen, sind nicht die ersten Fuß­baller von Rang, die sich mit dem mäch­tigen Mann aus Grosny ablichten ließen. Im März 2011 trat dort eine ver­stärkte tsche­tsche­ni­sche Promi-Mann­schaft zu einem Benefiz-Match gegen eine Aus­wahl aus ehe­ma­ligen bra­si­lia­ni­schen Welt­meis­tern an. Im Gast­geber-Team spielte neben Ramzan Kadyrow (trug die Kapi­täns­binde) auch ein gewisser Lothar Mat­thäus mit. Auf der Gegen­seite waren u.a. Gio­vane Elber, Cafú, Romário und Carlos Dunga am Ball. Die Bra­si­lianer gewannen mit 6:4. Kadyrow, der sich wäh­rend der Partie immer wieder mit Allah-ist-groß“-Rufen ans Publikum wandte, gelangen immerhin zwei Tore. 2017 erschien plötz­lich Ronald­inho als Ehren­gast bei einem Spiel von Achmat Grosny. Drei Mal darf man raten, mit wem sich der frü­here Barca-Star dort foto­gra­fieren ließ. Richtig.

Wer nach Grosny reist und berühmt ist, der kommt um Ramzan Kadyrow irgendwie nicht herum. Und wenn man nicht gerade ein Regime-Gegner ist, sind solche Treffen auch nicht wirk­lich gefähr­lich. Ande­rer­seits ist der Ruf des Prä­si­denten mit dem kurzen Haupt­haar und dem langen Rau­sche­bart so der­maßen schlecht, dass er schnell abfärben könnte. Kadyrow, der in Tsche­tsche­nien den Extrems­pagat zwi­schen Putin-treuer Linie und isla­misch-kon­ser­va­tiver Wer­te­hal­tung der Mehr­heits­be­völ­ke­rung bewäl­tigen muss, kann sich rechts­staat­liche Gefühls­du­se­leien über­haupt nicht leisten.

Wei­tere Besuche nicht aus­ge­schlossen

So man­cher, der es gewagt hatte, den poli­ti­schen Kurs Tsche­tsche­niens oder gar Russ­lands zu kri­ti­sieren, wurde später tot oder gar nicht mehr auf­ge­funden. Bis ins Aus­land soll Kady­rows starker Arm rei­chen. 2009 wurde einer seiner Kri­tiker im Wiener Exil ermordet. Doch Tsche­tsche­nien demen­tierte jeg­liche Betei­li­gung. 2017 sollen Kady­rows Mili­zio­näre laut Human Rights Watch Dut­zende angeb­lich schwuler Männer zusam­men­ge­trieben, gefol­tert und ernied­rigt haben. Auch das ließ er bestreiten.

Es ist nicht bekannt, ob Mo Salah den Namen Ramzan Kadyrow nach dem Treffen mal gegoo­gelt hat – was übri­gens gar nicht so leicht ist wegen der vielen ver­schie­denen Schreib­weisen, die im Netz zu finden sind. Doch Ägyp­tens Super­star, Afrikas Fuß­baller des Jahres und Liver­pools Lieb­ling der Massen sollte sich darauf ein­stellen, dass er diesem Mann noch häu­figer begegnen wird. Im Falle eines erfolg­rei­chen Tur­nier­ver­laufs, so hat der Polit­führer mit dem Body eines UFC-Figh­ters durch­bli­cken lassen, wolle er Salah & Co. wei­tere Besuche abstatten. Ägyp­tens WM-Basis droht damit zu einer pein­li­chen Pro­pa­ganda-Show­bühne zu ver­kommen.