Seite 3: „Kirsten, du Arschloch!“

Wo Liebe ist, ist natür­lich auch Hass und davon reich­lich. Kaum ein Publikum, das nicht diverse Intim­feind­schaften zu aus­wär­tigen Akteuren pflegt. Viele zer­rüt­tete Bezie­hungen sind über Jahre gewachsen. Wenn etwa Mann­heim früher in Kai­sers­lau­tern spielte, musste Waldhof-Spieler Karl-Heinz Bührer nur die Nasen­spitze aus der Kabine ste­cken, schon erlitten Lau­terer Rentner rei­hen­weise Herz­in­farkte. Einer wie Stefan Effen­berg pola­ri­sierte schon des­halb, weil er ja gern aus­wär­tige Sta­dien mit einer derart hoch­mü­tigen Miene betrat, als besich­tige ein Herzog seine her­un­ter­ge­kom­menen Lati­fun­dien.

Kirsten brauchte den Hass

Team­ka­merad Oliver Kahn badete gar genüss­lich in der Abnei­gung, die ihm von der Tri­büne ent­ge­gen­schwappte, wie andere in Esels­milch. Stürmer Fatmir Vata wie­derum schaffte es binnen Minuten von ganzen Sta­dien gehasst zu werden, in dem er sich selbst bei ganz offen­sicht­lich aus­ge­blie­benem Feind­kon­takt stets so schmerz­ver­zerrt im Straf­raum zu Boden warf, als habe ihm gerade ein MG ein Sieb in den Hin­tern geschossen. Und Ulf Kirsten fühlte sich regel­recht demo­ti­viert, wenn dem Fan­block bei seinem Anblick nicht das Hals­kabel schwoll. Sein Bonmot Wenn bei einem Aus­wärts­spiel keiner ruft Kirsten, du Arsch­loch‘, dann weiß ich genau, dass ich schlecht bin“, hätten auch Kahn und Effen­berg unbe­sehen signiert.

Andere fühlten sich gänz­lich unschuldig in Not gebracht, bloß weil sie kurz­fristig den Arbeits­platz gewech­selt hatten. Andi Möller etwa konnte über­haupt nicht ver­stehen, warum ihm sowohl auf Schalke als auch in Dort­mund sein Wechsel nach Gel­sen­kir­chen übel­ge­nommen wurde. Damit hatte es sich Möller, auch das eine Kunst, wirk­lich mit allen Anhän­gern bun­des­weit ver­dorben, in den anderen Sta­dien war er schon zuvor gel­lend aus­ge­pfiffen worden. Über­haupt scheint heute nichts mehr so die Massen zu erregen wie unbot­mä­ßige Ver­eins­wechsel, vor­wie­gend zum FC Bayern.

Viel­leicht hilft Gomez eine neue Frisur?

Manuel Neuer, von dem sie auf Schalke gedacht hatten, dass sie ihn mit 65 Jahren mit Zinn­teller in den Ruhe­stand ver­ab­schieden würden, kann ebenso ein Lied davon singen wie Mario Götze, der wenig über­ra­schend dem Kol­legen Gomez bei­sprang. Schließ­lich wird Götze selbst, der ver­lo­rene Sohn der Borussia, bei Gast­spielen des FC Bayern in Dort­mund so ent­schlossen aus­ge­buht, dass Borussia-Boss Watzke beschwich­ti­gend ein­greifen musste.

Eine innige Lie­bes­be­zie­hung wird also nicht mehr ent­stehen zwi­schen Mario Gomez und dem Publikum der Natio­nalelf. Es sei denn, Gomez kor­ri­giert sich, schießt gegen Gibraltar das ent­schei­dende 4:0, lässt sich anschlie­ßend beim ele­gi­schen Angeln foto­gra­fieren und bittet beim nächsten Fri­seur­be­such um einen schlichten Fas­son­schnitt. Dann könnte es ganz even­tuell doch noch was werden.