Der Mann mit dem akku­raten Kurz­haar­schnitt ist zurück in Istanbul. Er eilt zur Pass­kon­trolle, vorbei an ver­schlei­erten Frauen und Män­nern in weißen Umhängen, mit langen Bärten und nackten Füßen. Bloß keine Zeit ver­lieren, der Fahrer wartet bereits. Letzten Sonntag war der Flug­hafen voller Mekka-Heim­kehrer, diesmal geht es schneller. Der junge Beamte am Schalter nimmt den Pass ent­gegen, und ein Lächeln huscht über sein strenges Gesicht. Er ver­lässt seine Glas­ka­bine und besteht darauf, Markus Merk nach Lan­des­sitte zu begrüßen. Obwohl sich der Grenzer und der ehe­ma­lige Schieds­richter vorher noch nie gesehen haben, küssen sie sich gegen­seitig auf die Wangen.



Von Merks Hotel­zimmer aus sieht man über den Bos­porus, unzäh­lige Mina­rette und das Sta­dion von Bes­iktas. Der Mann aus Deutsch­land trinkt wie jeden Sonntag einen schwarzen Tee mit zwei Stü­cken Zucker und bereitet sich auf die abend­liche Live-Sen­dung vor. Dazu gehört auch ein Haar­schnitt bei Hotel­fri­seur Erkan. Dann geht es los zum Studio, wo sich in den nächsten Stunden alles um das Istan­buler Lokal­derby zwi­schen Gala­ta­saray und Bes­iktas dreht. Es wird also viel zu bespre­chen geben, in der Sen­dung am Sonn­tag­abend und bestimmt auch in der am Montag.

Markus Merk hat 50 A‑Länderspiele gepfiffen, war dreimal Welt­schieds­richter des Jahres. Deutsch­land hatte wohl nie einen bes­seren Unpar­tei­ischen als ihn, aber das alles spielt bei Lig TV“ nur eine Neben­rolle. Merk war anfangs zwar als Experte für Schieds­rich­ter­fragen ein­ge­plant, aber inzwi­schen hat sich seine Zustän­dig­keit dra­ma­tisch erwei­tert. Der 48-jäh­rige Pfälzer soll den Zuschauern, Schieds­rich­tern und Funk­tio­nären erklären, was sie an ihrem Natio­nal­sport ver­bes­sern müssen. Er kann diese Rolle des­halb ein­nehmen, weil er völlig unab­hängig ist. Merk ist keinen Ein­fluss­namen der mäch­tigen Ver­eins­prä­si­denten aus­ge­setzt und kann offen anspre­chen, was in der Süperlig schief läuft. Und so geht es bei seinen Auf­tritten um nicht weniger als um die Ret­tung des tür­ki­schen Fuß­balls.

Ralf Zum­dick über Markus Merk: Er ist hoch ange­sehen“ »

Lig TV“ krem­pelt die Sportart in jeder Hin­sicht um. Erst­mals sind in dieser Saison alle Spiele der ersten tür­ki­schen Liga live zu sehen, und das völlig exklusiv: Kein anderer Sender darf bewegte Bilder zeigen. 2,8 Mil­lionen Türken haben Lig TV“ mitt­ler­weile abon­niert. Im Sommer hat der Medi­en­kon­zern Digi­turk“ für seinen Sport­kanal ein hoch­mo­dernes Sen­de­zen­trum errichten lassen. Das futu­ris­ti­sche Kon­zept des Stu­dios vor den Toren der Stadt stammt von der BBC in London. Alleine die Groß­lein­wand hat 400.000 Dollar gekostet.

Merk läuft durch das rie­sige Groß­raum­büro, in dem die vielen jungen Mit­ar­beiter vor Flats­creens sitzen. Die zweite Halb­zeit des Stadt­derbys steht bevor, aber es ist noch etwas zu erle­digen. Ich brauche die umstrit­tenen Szenen vom Fener­bahce-Spiel von ges­tern“, sagt er zu seinem Dol­met­scher, der auch sein Mäd­chen für alles ist. Ohne Firat Isbir wäre Markus Merk in der Türkei nicht mög­lich. Wenn Maraton“ direkt nach Abpfiff des Live-Spiels beginnt, ver­wan­delt Isbir sich in Markus Merk. Simultan über­setzt er ihn ins Tür­ki­sche, was eine große Kon­zen­tra­ti­ons­leis­tung ist, denn die längste Live-Aus­gabe der Sen­dung dau­erte vier Stunden und 17 Minuten. Kürzer als drei­ein­halb Stunden ist kaum eine.

Der 33-Jäh­rige ist in Frank­furt auf­ge­wachsen, hat in Darm­stadt seinen Über­setzer-Magister erworben und war später als Dol­met­scher für das tür­ki­sche Militär im Kosovo-Krieg. Er durfte auch schon die Bun­des­kanz­lerin im tür­ki­schen Fern­sehen über­setzen. Firat Isbir hat ent­schei­dend dazu bei­getragen, dass die Zweifel von Sen­der­chef und Mode­rator Şansal Büyüka ver­schwunden sind. Der Mann, der den tür­ki­schen Fuß­ball revo­lu­tio­niert, zwei­felte, dass eine Sen­dung mit einem Experten funk­tio­nieren würde, der die Lan­des­sprache nicht spricht. Nach über 30 gemein­samen Sen­dungen sagt er jedoch: Ich kann mir inzwi­schen gar nicht mehr vor­stellen, die Sen­dung noch ohne Markus zu machen.“

Pro Show kommen 1500 E‑Mails

Wenn Merk auf­tritt, können die Zuschauer Fragen stellen, und im Schnitt kommen pro Show 1500 E‑Mails – aus Buenos Aires, Los Angeles oder Berlin. Merk will bei deren Beant­wor­tung nicht beleh­rend klingen, des­halb schweigt er manchmal, wenn sich Mus­tafa Denizli zu Wort meldet und zu einem seiner aus­schwei­fenden Mono­loge aus­holt. Seit vier Wochen hat der erfolg­reichste tür­ki­sche Klub­trainer auch noch einen Bild­schirm, auf dem er Spiel­szenen mar­kieren kann. Der osma­ni­sche Udo Lattek macht davon aus­giebig Gebrauch. Ich kann gar nichts mehr erkennen“, sagt Mode­rator Büyüka. Merks Kom­mentar ist kurz und tro­cken: Picasso!“

Wie groß sein Ein­fluss ist, zeigt die Tat­sache, dass zuletzt bei sechs tür­ki­schen Klubs die Rasen­flä­chen aus­ge­tauscht wurden, nur weil Merk nach­drück­lich dafür plä­diert hatte. Längst sehen die Men­schen in der Türkei in dem Deut­schen eine Art Fuß­ball­hei­ligen. Das bekommt Merk zu spüren, als er am freien Mon­tag­mittag in Istanbul unter­wegs ist. Ständig rufen ihm Fuß­ball­fans zu: Markus, willst du einen Tee mit mir trinken?“ Oder: Markus, ich habe dir ein Geschenk für deine Frau ein­ge­packt.“

Mitt­wochs im Camp Nou, don­ners­tags Sprech­stunde

Merk ist stolz auf diese Wert­schät­zung, Schieds­rich­tern pas­siert so etwas ja eher selten. Mit dem Pfeifen hat er vor zwei Jahren auf­ge­hört, obwohl er die Alters­grenze noch nicht erreicht hatte. Mir fehlt das nicht“, sagt er. Seine Zahn­arzt­praxis hat er sogar schon 2004 ver­kauft, die Belas­tung war ein­fach zu groß geworden. Früher pfiff er Mitt­woch­abends im Camp Nou oder in Old Traf­ford und war andern­tags trotzdem mor­gens zur Sprech­stunde zurück. Das war Hara­kiri“, sagt er. Inzwi­schen ist Merk ein gut­ge­buchter Redner zum Thema Moti­va­tion für Manager und Füh­rungs­kräfte. Im Früh­jahr wird er in Teheran spre­chen, und für den Herbst hat ihn die Uni­ver­sität von Har­vard ein­ge­laden. Neu­lich war er aber auch mal in einem Auto­haus in Münster, zusammen mit Michael Rum­me­nigge und Ansgar Brink­mann.

Als im Sommer die Ver­hand­lungen für Lig TV“ begannen, war Merk beson­ders wichtig, dass beide Par­teien jeder­zeit aus­steigen könnten, wenn es schief­ginge. Die erste Sen­dung absol­vierte er im Juli und erfuhr erst nach einer Stunde zufällig, dass man live auf Sen­dung war. Er und sein Dol­met­scher hatten gedacht, es han­dele sich um einen Test­lauf, aber der Sender wollte keine Zeit ver­lieren. Anschlie­ßend warb er mit dem deut­schen Experten auf über­di­men­sio­nalen Pla­katen in ganz Istanbul. Die meisten Zuschauer glauben auch des­halb längst, Markus Merk lebe inzwi­schen in der tür­ki­schen Metro­pole.

Lig TV“-Chef Büyüka: Markus ver­gisst gar nichts!“

Als Schieds­richter war Merk fas­zi­niert von der Her­aus­for­de­rung, dem Druck der Massen stand­zu­halten. Als TV-Experte sagt er: Ich weiß, wie dünn das Eis werden kann.“ Des­halb wartet er erst einmal ab. Merk füllt seine schwarze Mappe weiter mit A 5‑Zetteln, er schreibt sich wäh­rend jeder Sen­dung zwei, drei Thesen seiner beiden Kol­legen auf. Im rich­tigen Moment, und manchmal kommt dieser erst Wochen später, kann er sie wieder damit kon­fron­tieren. Markus ver­gisst gar nichts“, sagt Lig TV“-Chef Büyüka.

Das kommt gut an bei denen, die heute in der Süperlig spielen und noch Babys waren, als Merk seine ersten Bun­des­li­ga­spiele lei­tete. Baris Özbek ist in Cas­trop-Rauxel geboren, kickte in der Jugend bei Rot-Weiss Essen und lag in der deut­schen U 21 mit Mesut Özil auf einem Zimmer. Er spielt seit drei­ein­halb Jahren für Gala­ta­saray und wurde 2008 tür­ki­scher Meister. Das Niveau der Sport­sen­dungen in der Türkei war unter­ir­disch. Ich habe mir früher nie welche ange­schaut“, sagt er. Die Experten dis­ku­tierten vor allem das Pri­vat­leben der Spieler, urteilten aus­schließ­lich im Sinne ihres Lieb­lings­klubs und zwei­felten aus Prinzip selbst unstrit­tige Elf­meter an. Merk hin­gegen geht auf die ein­zelnen Spieler ein, das kommt bei uns in der Mann­schaft sehr gut an“, sagt Özbek.

Auch die Stimme des deut­schen Schieds­rich­ters steht dieser posi­tiven Wahr­neh­mung nicht mehr im Weg, denn sie hat sich über­ra­schend ver­än­dert. In Deutsch­land hat sie ihm früher viel Spott ein­ge­tragen. Sobald er sams­tags zur Platz­be­sich­ti­gung das Sta­dion betrat, äfften Fans seine Pieps­stimme nach. Merk erklärt sie als Folge eines Unfalls. Er kann in zwei Ton­lagen spre­chen, seitdem er als Kind mit dem Kehl­kopf auf einen Metall­korb gestürzt war. Eine davon, die tie­fere, kippte aber stets nach wenigen Sekunden in die höhere Ton­lage.

Er wusste jah­re­lang nicht, dass er etwas daran ändern konnte, hatte seine Stimme längst als Behin­de­rung akzep­tiert, als bei einer Schieds­rich­ter­ver­samm­lung das Mikro­phon aus­fiel. Merk musste fortan ohne tech­ni­sche Unter­stüt­zung spre­chen. Er mühte sich, und ver­blüf­fen­der­weise ging es besser, als er dachte. Kurz darauf wurde sein Sohn geboren wurde, und da Merk ihm spä­tere Hän­se­leien ersparen wollte, trai­nierte der frisch­ge­ba­ckene Vater vier Wochen lang seine Stimm­bänder. Anschlie­ßend musste er sich mit Markus Merk“ am Telefon melden, damit seine Freunde nicht fragten: Können wir mal bitte den Markus spre­chen?“

Inzwi­schen geht es in der Sen­dung um ein Zitat von Bernd Schuster, das für sehr viel Auf­re­gung gesorgt hat. Der deut­sche Trainer hatte sinn­gemäß behauptet, dass er in der Türkei keinen modernen Fuß­ball spielen lassen könne, weil sich die Süperlig auf dem Niveau der sech­ziger Jahre befände. Eine Steil­vor­lage für eine lange Dis­kus­sion. Mus­tafa Denizli, der Bes­iktas vor Schuster trai­niert hat und deut­lich erfolg­rei­cher war als der blonde Engel, fragt Merk: Was sagst du dazu? Das ist doch dein Lands­mann!“ Merk nimmt den Ball auf und findet eine ver­söhn­liche Formel: Er ist ja eigent­lich gar kein Lands­mann. Er spricht doch nicht einmal Deutsch.“ Das stimmt wirk­lich, denn Schuster gibt in der Türkei alle Inter­views auf Spa­nisch.

Merk soll die Türken Geduld und Tole­ranz lehren

Merk signa­li­siert mit der Bemer­kung auch, dass er die Emp­find­lich­keiten der Türken ver­steht. Doch Büyüka fürchtet trotzdem, dass Merk irgend­wann keine Lust mehr auf den anstren­genden Trip haben könnte. Dabei braucht er den Deut­schen für seine Kul­tur­re­vo­lu­tion noch länger. Es gibt zwei Sachen, die tür­ki­sche Fans nicht ver­stehen: Tole­ranz und Geduld“, sagt er. Und Merk soll ihnen diese Tugenden bei­bringen.

Am Diens­tag­morgen um 4.15 Uhr checkt Markus Merk im Hotel aus. See you next week“, ruft er beschwingt durch die Hotel­halle. Noch vor dem ersten Ruf des Muez­zins, nach gerade mal zwei Stunden Schlaf, ver­lässt der Mis­sionar bereits wieder die Stadt. Einige Men­schen am Flug­hafen grüßen ihn. Als er sich in der langen Zick-Zack-Schlange vor der Pass­kon­trolle ein­reihen will, ruft jemand: Markus!“ Es ist ein Mann in grüner Uni­form, der ihn freund­lich zu seinem Ein­gang her­über­winkt, wo nie­mand wartet. Über dem Beamten hängt ein Schild: Zugang nur für NATO-Mit­ar­beiter und Diplo­maten“.