Ein Redak­teur von 11 FREUNDE genießt das Pri­vileg, sein Inter­esse am Fuß­ball und dessen schrägen Schnurren ab und an in aus­führ­li­chen Gesprä­chen mit den han­delnden Per­sonen abzu­glei­chen. Auf diese Weise gelingt es manchmal, den Unter­schied zwi­schen Wirk­lich­keit und dem medialen Zerr­bild eines Prot­ago­nisten oder dessen Aus­sagen zu ermessen. Und so begab es sich, dass der Autor den Manager von Hertha BSC, Michael Preetz, in der Auf­stiegs­saison 2010/11 im Rahmen einer Lang­zeit­re­por­tage durch eine Spiel­zeit begleiten durfte.

Preetz ist ein sehr kon­trol­lierter Mensch, er wägt seine genau Aus­sagen ab und beherrscht im Gegen­satz zu vielen seiner Amts­kol­legen das große Manager-Latein, das ihm ermög­licht, unkon­krete Kon­kret­heiten aus­zu­spre­chen ohne sich dabei selbst zu über­höhen oder anderen – selbst ärgsten Feinden wie Markus Babbel nicht – jemals öffent­lich gegen das Schien­bein zu treten. Jour­na­listen haben mit Funk­tio­nären wie ihm gemeinhin ein Pro­blem. Denn je weniger ein Manager pola­ri­siert, desto weniger Nach­rich­ten­wert besitzt er im über­hitzen Bun­des­li­ga­mi­lieu.

Michael Preetz und seine wunde Stelle

Doch wie jeder andere hat auch Michael Preetz eine wunde Stelle. Er kul­ti­viert näm­lich eine grund­le­gende Abnei­gung gegen­über Unpar­tei­ischen und lässt sich im kleinen Kreise sogar zu Ver­schwö­rungs­theo­rien gegen­über Ver­band und Schieds­ge­richts­bar­keit hin­reißen. Doch er tut es mit einer gehö­rigen Por­tion Sar­kasmus und einem furz­tro­ckenen Humor, der Michael Preetz ebenso zueigen ist wie seine bekannte ratio­nale Seite. Doch dar­über wird nur sehr selten geschrieben. Auch der Düs­sel­dorfer Coach Nor­bert Meier steht nicht unbe­dingt in Ver­dacht, eine enge Freund­schaft zu Refe­rees und ihren Statt­hal­tern an der Außen­linie zu unter­halten. Sein vor­ge­täuschter Kopf­stoß gegen Albert Streit ist eine Ikone der Liga­ge­schichte und in jeder Grund­schul­fibel als Para­de­bei­spiel für unfaires Spiel ver­zeichnet.

Auch er ist ein cle­verer Stra­tege, ein Fuß­ball­fach­mann und viel mehr als der öffent­lich­keits­wirk­same Der­wisch, der nach Toren quer über den Platz sprintet, um sich auf ein Spie­l­er­knäuel fallen zu lassen. Abseits des Rasens hat er einen guten Instinkt dafür, mit wel­chem Jour­na­listen er wie redet. Und er tut gut daran, denn er lebt im Rhein­land, wo die Bou­le­vard­zei­tungen sich gegen­seitig mit Sen­sa­ti­ons­nach­richten über­bieten. Meier weiß, dass die Düs­sel­dorfer Arena in seiner Amts­zeit zu einem Boll­werk geworden ist. Denn die For­tunen sind leicht zu begeis­tern und sie sehnen sich schon so lange nach mehr Bedeu­tung. Durchaus mög­lich, dass Meier die Emo­tionen der Zuschauer daheim durch sein ges­ten­rei­ches Enga­ge­ment bei Heim­spielen befeuert. Jeden­falls erzählte er im 11FREUNDE-Inter­view, dass er und seine Kol­legen sowohl beim Ver­band als auch bei den TV-Sen­dern schon länger unter beson­derer Beob­ach­tung stehen würden, und in der Rück­runde der Saison 2011/12 neunzig Minute eine Kamera auf ihn gerichtet sei.

Mit diesem Hin­ter­grund­wissen machte es sich der Autor beim Rele­ga­ti­on­rücks­spiel zwi­schen Hertha BSC und For­tuna Düs­sel­dorf im Mai 2012 also mit der Freundin vor dem hei­mi­schen Fern­seher in Berlin gemüt­lich. Ein Wohnort wird etwas trister, wenn es keinen Bun­des­li­gisten gibt. Des­wegen waren die Sym­pa­thien klar gela­gert. Die Chance war klein, aber den­noch sollte die Hertha die Klasse halten. Bei allem Respekt für die emsigen For­tunen. Die ersten sechzig Minuten aber gaben wenig Anlaß zur Hoff­nung. Das Ein­zige, was lief, war der Weiß­wein aus der neuen Lie­fe­rung vom spa­ni­schen Wein­handel in Kreuz­berg.

Die Arena wurde zuse­hends inkon­ti­nent

Dann aber explo­dierte die Partie – im wahrsten Sinne des Wortes. Hertha-Fans zün­deten nach dem 2:1 für die Düs­sel­dorfer in ihrem Block ben­ga­li­sche Feuer. Ein erster Spiel­ab­bruch drohte. Immer wieder Don­ner­schläge auf der Tri­büne. In der 85. Minute jedoch erzielten die Ber­liner den Aus­gleich. Nun stand das Spiel auf der Kippe. Ein Tor reichte nun trotz der Hin­spiel­nie­der­lage wieder. Das Feu­er­werk aber ging weiter, dabei waren For­tuna ste­hend K.o., und Schieds­richter Wolf­gang Stark zeigte sieben Minuten Nach­spiel­zeit an. Hertha drückte, der­weil die For­tuna-Fans nach und nach anfingen, über die Umzäu­nung zu springen. Die Arena wurde zuse­hends inkon­ti­nent, Düs­sel­dorf konnte das Wasser ein­fach nicht mehr halten.

Es kam wie es kommen musste: Irgend­wann wurde das Feld von Men­schen geflutet. Der Richter sollte später von einem positiv besetzten Platz­sturm“ spre­chen. In Otto Reh­hagel hin­gegen wurden Erin­ne­rungen an die Bom­ben­an­griffe im Zweiten Welt­krieg wach. In Groß­auf­nahme fing die Kamera einen Fan ein, der das Rasen­stück am Elf­me­ter­punkt aus dem Boden nes­telte. Kar­neval im Mai. Die beklopp­testen Fans der Welt. Irgendwo auf der Tri­büne gröhlte Cam­pino wahr­schein­lich sein unsäg­li­ches An Tagen wie diesen“. Auch das war leider ein inte­graler Bestand­teil des Jahres 2012. Nach den Aus­schrei­tungen am letzten Liga­spieltag erneut ein beson­derer Aus­wuchs bizarrer Event­kultur im Pro­fi­fuß­ball. Für den TV-Zuschauer viel­leicht nicht unbe­dingt ein opti­scher Hoch­genuß, aber durchaus von Blut­druck stei­gerndem Unter­hal­tungs­wert. In Zeiten, in denen sich das Niveau des Tatort“ im rapiden Sink­flug befindet, gibt man sich eben mit wenig zufrieden.

Denk­blase: ZACK!“, RUMMMS!“

Zwei­fellos wis­send, dass die Ereig­nisse für die direkt Betei­ligten – ins­be­son­dere die Ber­liner – ein Hor­ror­sze­nario dar­stellten. An der Außen­linie wie­selte Meier auf und ab, ges­ti­ku­lie­rend wie der Hase aus der Duracell-Wer­bung. Auf der anderen Seite winkte Preetz mit seinen kra­ken­ar­tigen Armen. Das Woll­knäuel und der Toten­kopf in der Denk­blase über seinem Kopf war deut­lich sichtbar. Daneben zwei Wort, in Kapi­täl­chen geschrieben: ZACK!“, RUMMMS!“

In seinem schwarzen Maß­anzug wirkte er neben seinem gedrun­genen Coach nun zuse­hends wie der Wie­der­gänger von Herman Munster. Auch im hei­mi­schen Wohn­zimmer gab es in diesen Minuten Auf­lö­sungs­er­schei­nungen. Die Freundin hatte sich mit ihrem Wei­zen­bier­glas Weiß­wein­schorle auf den Balkon ver­drückt und rauchte wie Ernst Happel zu seinen großen Tagen Kette. Die Nerven. Ab und an ver­nahm man ein ent­rüs­testes bescheuert“, ein dem­pri­miertes Betrug“, Können sie nicht machen“ oder ein­fach nur Wie­der­ho­lungs­spiel“ von draußen.

Die Mann­schaften hatten längst das Feld ver­lassen, die Frau ließ sich des­wegen mit Mühe zur Rück­kehr vor den Fern­seher bewegen. Nachdem Schieds­richter Stark abge­bro­chen hatte, dau­erte die dritte Halb­zeit im Wohn­zimmer ganze sieb­zehn Minuten. Die Freundin sagte: Das war’s dann wohl.“ Weiß­wein, Kippe, Weiß­wein, Kippe. Das alte Spiel. Wir sehen uns also am grünen Tisch?! Irrtum. Der Referee holte die Mann­schaften wieder raus. In den Kata­komben huschte Preetz mit starrem Blick schat­ten­artig an der Kamera vorbei. Die Freundin senkte die Stimme: Der arme Mann.“

Ein monu­men­tales Drama

Dann pfiff Wolf­gang Stark noch einmal an – offi­ziell für 120 Sekunden. Doch dann machte er, dieser sonst so über­kor­rekte Spar­kas­sen­heini aus der baye­ri­schen Pro­vinz, nach 97 Sekunden Schluss. Es gibt Par­tien, in denen reicht eine Situa­tion, damit die ganze Nation am nächsten Tag etwas zu dis­ku­tieren hat. Dieses Rele­ga­ti­ons­spiel hatte von diesen Augen­bli­cken geschätzt eine Last­wa­gen­la­dung voll. Ein monu­men­tales Drama, ein biss­chen Der Pate“, ein biss­chen Gesprengte Ketten“ und sehr, sehr viel Ben Hur“.

Nor­bert Meier durfte sich schon tags drauf ins Gol­dene Buch der Stadt Düs­sel­dorf ein­tragen. Die gol­dene Beru­hi­gungs­pille für das belast­barste Ner­ven­kostüm ging an Michael Preetz. Und den Ehren-Duden für den skur­rilsten Kom­mentar in diesem unver­gess­li­chen Spek­takel erhielt Spiegel.de-Leser kuddel37“, der am 15. Mai 2012 bei den Kol­legen ins Forum pos­tete: Eswird Zeit das den jewei­ligen Ver­an­stal­tern die Rech­nung für die Poi­zei­ein­sätze wärend ihrer Ver­an­stal­tungen auch zahlen müssen.“ Großer Sport.