Seite 3: "Faire Partnerschaft"

Ein Jahr später musste der Verein sein Sta­dion im Norden ver­lassen, weil die Nazis auf dem Gelände einen Park zur Nah­erho­lung der Indus­trie­ar­beiter planten. Gegen seinen Willen zog der BVB in den feinen Süden, in die Rote Erde. Zwar war Borussia inzwi­schen dabei, Dort­munds Vor­zei­ge­klub zu werden, doch mit Schalke konnte man es in Sachen Popu­la­rität selbst in der eigenen Stadt nicht auf­nehmen. Im Mai 1939 kamen 3000 Zuschauer, um die Borussia im Pokal gegen Aachen zu sehen. Als S04 im selben Monat und im selben Sta­dion auf Wormatia Worms traf, schauten zehnmal so viele Dort­munder zu. Schalke war regio­nales Gemeingut“, schreibt Diet­rich Schulze-Mar­me­ling in einer BVB-Chronik. Viele der dama­ligen Borussen-Fans führten die Schalker ver­mut­lich als Zweit­verein‘.“

Jahr­zehnte später fragten sich drei Sport­his­to­riker, wann und warum diese Liebe erst erkal­tete – und dann sogar in Hass umschlug. Sandra Heck, Paul Nier­haus und Andreas Luh unter­suchten 2011 die Bericht­erstat­tung über Spiele zwi­schen Dort­mund und Schalke und kamen zu dem Schluss: Die Behaup­tung, dass es ein his­to­ri­sches großes Revier­derby gibt, dessen Spuren bis in die Früh­zeit des Ruhr­ge­biets­fuß­balls zurück­ver­folgt werden können, ist ein künst­lich geschaf­fener Mythos.“ Zwi­schen den Klubs, schrieben sie, herrschte von den Drei­ßi­gern bis in die Sieb­ziger eine lange Phase freund­li­cher Part­ner­schaft“. Die drei machten meh­rere Gründe für den Zer­fall der guten Bezie­hungen aus, etwa die sozio­öko­no­mi­sche Krise des Berg­baus“ und die gene­rell wach­sende Gewalt­tä­tig­keit in den Sta­dien.

Ein letztes Mal in Freund­schaft

Auch die schwin­denden Erfolgs­aus­sichten auf dem Rasen werden eine Rolle gespielt haben. In den Fünf­zi­gern kämpften noch beide Ver­eine um Titel, in den Sech­zi­gern nur die Dort­munder, zu Beginn der Sieb­ziger nur die Schalker. Dann kam die große Leere. Auf Kohle- und Stahl­krise folgte eine Fuß­ball­krise. Im April 1974 schien noch alles in Ord­nung zu sein. Der Erst­li­gist Schalke war Star­gast, als der Zweit­li­gist Dort­mund sein West­fa­len­sta­dion eröff­nete. S04 ver­zich­tete sogar auf eine Antritts­gage, um der klammen Borussia zu helfen. Vor dem Anpfiff wurden beide (!) Ver­eins­lieder gespielt, danach herrschte auf den Rängen beste Stim­mung, so skan­dierten beide Fan­lager Li-bu-da“, um den Mann zu ehren, der sowohl in Königs­blau als auch in Schwarz-Gelb gespielt hatte.

Doch kaum andert­halb Jahre nach diesem fried­li­chen Abend – im Oktober 1975, als Dort­mund auf dem Weg zurück in die Bun­des­liga war – kam es bei einem Pokal­spiel zu schweren Aus­schrei­tungen, die der Autor Gregor Schnittker in seinem Buch über das Revier­derby als Schlachten fern jeder Ver­nunft“ bezeichnet. Es war, als hätten beide Ver­eine mit einem Mal erkannt, dass sie wirt­schaft­lich ebenso abge­hängt worden waren wie der ganze Ruhr­pott. Nun hatten sie nur noch sich selbst, und ihre Duelle wurden immer hit­ziger.

Schon Anfang 1990 wollte Dort­munds Trainer Horst Köppel die damals noch übli­chen Test­spiele zwi­schen den Teams ein­stellen. Da gehen ständig die Emo­tionen zu hoch“, klagte er, als die Klubs eine Partie im neu­tralen Hagen arran­gierten. Es dau­erte nicht lange, da bekam der Coach seinen Willen. Im Juli 1990 trafen sich BVB und S04 ein letztes Mal in der Sai­son­vor­be­rei­tung, danach gab es nie wieder ein soge­nanntes Freund­schafts­spiel zwi­schen Schwarz-Gelb und Königs­blau. Heute, fast 30 Jahre später, kommt einem dieser Zustand ganz normal vor, schließ­lich sind die Gräben sehr tief. Dabei wusste schon Kurt Tucholsky: Wer inbrünstig hasst, muss einmal sehr geliebt haben.“