Seite 2: Die Nationalelf des Ruhrpotts

Die Schalker kamen an jenem Tag nicht bloß auf ein Bier oder einen Sekt zum Nach­barn, son­dern um sich in das Gol­dene Buch der Stadt Dort­mund ein­zu­tragen. Das war eine Ehre – für Dort­mund. Die Autoren des erwähnten Schalke-Buches schrieben, dass Dort­mund so tat, als ob eine ein­hei­mi­sche Mann­schaft Deut­scher Meister geworden wäre“. Wirk­lich über­rascht zeigten sie sich von dieser Begeis­te­rung aller­dings nicht, denn: Die Knappen waren von jeher in der Bier­stadt stets gerne gesehen.“ Das war kei­nes­falls über­trieben. Ja, man könnte sogar sagen, dass Dort­mund damals das zweite Zuhause der Schalker war. Zwi­schen 1927 und 1939 trug S04 neun End­run­den­spiele um die Deut­sche Meis­ter­schaft in der Dort­munder Kampf­bahn Rote Erde“ aus.

Fast immer war das Sta­dion bis auf den letzten Platz gefüllt. Im April 1937 quetschten sich irgendwie sogar 47 000 Dort­munder in die Anlage, um Schalke gegen Hertha zu sehen – bis heute Rekord für ein Fuß­ball­spiel an diesem Ort. So ver­ehrt wurde Königs­blau in Dort­mund, dass Arthur Tre­bing, der Platz­wart der Roten Erde, einen Roten Tep­pich aus­rollte, wenn Schalke zu Gast war. (Als Tre­bing es einmal vergaß, soll Fritz Szepan ihn höf­lich, aber bestimmt daran erin­nert haben.)

Schalkes zweite Heimat: Dort­mund

Warum aber spielte Schalke so viele Par­tien dreißig Kilo­meter ent­fernt von daheim? Zum einen wurde Königs­blau im Westen nicht als Team aus Gel­sen­kir­chen ver­standen, son­dern als Natio­nalelf des Reviers. Wo immer die Schalker im Ruhr­ge­biet auf­traten, war ihnen der Applaus des Publi­kums garan­tiert“, schreibt BVB-His­to­riker Gerd Kolbe. Schalke war der unum­strit­tene Reprä­sen­tant der Region, dem sich alle unter­ord­neten.“ So trugen die Knappen in den End­runden um die Meis­ter­schaft einige der Par­tien, die als Heim­spiele gewertet wurden, in Bochum, Essen oder sogar Münster aus. Doch am herz­lichsten will­kommen waren sie in Dort­mund.

Das hatte auch mit der Qua­lität des dor­tigen Fuß­balls zu tun. Als Schalke in der Saison 1931/32 das Halb­fi­nale um die Meis­ter­schaft erreichte (natür­lich nach einem Spiel in der Roten Erde), tum­melten sich in der obersten west­deut­schen Spiel­klasse gleich fünf Ver­eine aus Gel­sen­kir­chen, aber nicht einer aus Dort­mund. Die Stadt hatte keinen Klub, der so gut oder populär war, dass er in der Roten Erde hätte antreten können. Das Sta­dion war die Heimat der Leicht­ath­letik; oft fanden hier auch Ver­an­stal­tungen wie Box­kämpfe oder Rad­rennen statt. Kein Wunder, dass die Fuß­ball­freunde in Dort­mund sich auf jeden Auf­tritt der Schalker Wun­derelf freuten wie Kinder auf Weih­nachten. Es herrschte eine tiefe Sym­pa­thie“, fasst Gerd Kolbe das Ver­hältnis zusammen.

Dann waren da noch die fami­liären Ver­bin­dungen. Als die Kuzorras von Masuren ins Ruhr­ge­biet zogen, blieb eine Hälfte der Familie in Gel­sen­kir­chen hängen, die andere in Dort­mund. Des­wegen wollte der älteste Dort­munder Verein, der DSC 95, den damals 21-jäh­rigen Ernst Kuzorra schon 1927 aus Schalke weg­lo­cken. Man ver­sprach ihm einen Job bei einer der Braue­reien in Dort­mund – und natür­lich die übli­chen Zah­lungen unter der Hand. Doch es sollte eine Weile dauern, bis Kuzorra wirk­lich einen Posten in Dort­mund über­nahm. Das war 1935. Ein Stadt­teil­verein namens Borussia, der sich lange hinter Lokal­ri­valen wie Ale­mannia 97 oder Arminia Marten ein­ordnen musste, wollte mit allen Mit­teln nach oben und hatte des­wegen zum ersten Mal einen Trainer ver­pflichtet: den ehe­ma­ligen Schalker Spieler Fritz Thelen. Weil Thelen zunächst ver­hin­dert war, über­nahm sein Schwager den Job und gilt des­wegen als erster Coach des BVB. Sein Name war Ernst Kuzorra. Unter der Füh­rung von zwei Schal­kern schaffte Borussia Dort­mund 1936 den Auf­stieg in die Gau­liga West­falen.