Es gibt auch nach mehr als 100 Jahren intensiv emp­fun­dener Sport­ge­schichte keine deut­sche Hall of Fame des Fuß­balls. Und man muss nicht unbe­dingt in Nord­ame­rika leben, um sich zu fragen, warum das eigent­lich so ist. Warum ehren wir die größten Helden unseres Sports nicht an einem eigenen Ort, stellen ihre his­to­ri­schen Leis­tungen würdig aus, feiern ihren blei­benden Bei­trag zur Schön­heit des Spiels? Im Moment gibt es in unserem Land nicht einmal ein anstän­diges Fuß­ball­mu­seum. Der DFB ist mit einem geplanten Bau in Dort­mund mög­li­cher­weise im Begriff, dies zu ändern. Aber Hall of Fames – zu wört­lich über­setzt also Ruh­mes­hallen – sind keine Museen. 

Sie sind Orte kol­lektiv erin­nerter Exzel­lenz. Sie ehren damit Indi­vi­duen, denen all die­je­nigen, die das Spiel lieben, Stunden zu ver­danken haben, die sie ohne Zögern zu den schönsten ihres Lebens zählen wollen. Dagegen spricht wenig und schon gar nicht, dass Hall of Fames bis­lang vor allem eine nord­ame­ri­ka­ni­sche Spe­zia­lität zu sein scheinen. 

Eine kul­tu­relle adäquate Form, Tra­di­tion zu stiften

Gewiss hat der Willen zu einem eigenen Ort sport­li­cher Hel­den­ver­eh­rung eine sakrale und damit reli­gi­ons­nahe Kom­po­nente, wes­halb diese Ein­rich­tungen kon­kret Gefahr laufen, als kit­schige Schreine zu enden. Doch im posi­tiven Fall han­delt es sich schlicht um eine kul­tu­rell adäquate Form, sport­liche Tra­di­tion zu stiften, auf­zu­schauen und auch kom­mende Genera­tionen mit den legen­dären Leis­tungen der Ver­gan­gen­heit zu inspi­rieren und zu leiten. Wie es etwa die Grie­chen mit den Helden ihrer Epen und übri­gens auch ihrer olym­pi­schen Ath­leten taten. Und wenn es schon reli­giös gewendet werden muss: Was wäre an dieser sport­li­chen und damit radikal dies­sei­tigen Form der Viel­göt­terei – gerade im Ange­sicht vor­herr­schender Alter­na­tiven – eigent­lich so ver­werf­lich? Vor allem wenn man bedenkt, wer der­zeit Regie führt, wenn es um den Aufbau und die Pflege von sport­li­chen Idolen und damit auch Vor­bil­dern geht. Das ist die Wer­be­in­dus­trie, letzt­lich also die großen Sport­kon­zerne. So weit es bisher zu beur­teilen ist, droht auch das geplante Fuß­ball­mu­seum des DFB eine sehr, sagen wir einmal, adi­daslas­tige Geschichte der Natio­nal­mann­schaft in den Vor­der­grund zu stellen. Geschicht­liche Erin­ne­rung droht hier in den Dienst eines Kon­zerns und seiner Mar­ke­ting­ab­tei­lung genommen zu werden. Kri­te­rien wahr­hafter sport­li­cher Exzel­lenz spielen in sol­chen Pro­zessen oft eine unter­ge­ord­nete Rolle, ja werden gera­dezu mit Füßen getreten. 

Beckham ein Hall of Famer? Gewiss nicht!

David Beckham, ein aus­rei­chend talen­tierter Spieler ohne blei­bende Dis­tink­tion, ist seit mehr als einem Jahr­zehnt der berühm­teste Fuß­baller des Pla­neten. Ein künf­tiger Hall of Famer wäre der gute Mann gewiss in keiner der Ligen oder Länder, in denen er spielt oder spielte. Auch soll es in Deutsch­land nicht wenige acht- bis acht­zig­jäh­rige Nutel­la­esser geben, die Lukas Podolski für den besten deut­schen Fuß­baller halten. Unter der­zei­tigen medialen Erin­ne­rungs­be­din­gungen wird regel­mäßig ein Schein von Größe und Wert erweckt, dem ein öffent­li­ches, von Sach­ver­stand geprägtes his­to­ri­sches Regu­lativ nicht schaden würde. 

Nehmen wir zum Bei­spiel einen inter­es­santen Grenz­fall wie Andreas Brehme, den Sie­ges­schützen des WM-Finales von Rom im Jahre 1990. Sein Elf­meter ist zwei­fellos his­to­risch. Aber reicht ein legen­däres Tor aus, um Auf­nahme zu finden? Kaum. Brehme war über ein Jahr­zehnt Teil der Welt­klasse, errang mit ver­schie­denen Ver­einen zahl­reiche inter­na­tio­nale Titel, war einer der wenigen wahr­haft beid­fü­ßigen Außen­ver­tei­diger – siehe sein Rechts­schuss im dama­ligen Ach­tel­fi­nale gegen Hol­land. Den­noch, man zwei­felt. Dem guten Mann fehlt etwas. Aber was? Einmal so weit, reift die Idee, ein­fach das Welt­meis­ter­team von 1990 als Mann­schaft in die Ruh­mes­halle zu wählen, womit sich nicht zuletzt der abseh­bare Pro­blem­fall Lothar Mat­thäus erle­digt hätte. 
Man könnte sich das Aus­wahl­ver­fahren, analog zu nord­ame­ri­ka­ni­schen Vor­ge­hens­weisen, in etwa so vor­stellen: Eine Jury aus kom­pe­tenten Ken­nern (ehe­ma­ligen Aktiven, Aka­de­mi­kern, Jour­na­listen, Aus­bil­dern), die das Spiel seit Jahr­zehnten intensiv ver­folgen, wählt jeden Früh­ling maximal eine Hand­voll seit meh­reren Jahren nicht mehr aktive Sportler, Trainer, Mann­schaften, Manager oder Funk­tio­näre in den bewah­rens­werten Kreis der Erin­ne­rung. Im Prinzip kann jeder berufen werden, der sein Leben in den Dienst des Spiels gestellt hat. Selbst­ver­ständ­lich würden die Ent­schei­dungen dieser Jury von den Fans genau unter die Lupe genommen und in allerlei Foren heftig dis­ku­tiert. Es ent­stünde, positiv gewendet, ein öffent­lich anhal­tendes Gespräch dar­über, wer und was unser Spiel schön und groß gemacht hat. Feder­füh­rend als Insti­tu­tion wäre nicht der DFB, son­dern im Ide­al­fall eine von kon­kreten Spon­sor­nöten wie lukra­tiven Pos­ten­scha­che­reien mög­lichst unab­hän­gige Insti­tu­tion – wie etwa die Deut­sche Aka­demie für Fuß­ball­kultur. 

Der Aus­wahl­pro­zess will mehr als nackte Leis­tung wür­digen

Wie in Nord­ame­rika der Fall, spielten im Aus­wahl­pro­zess neben nackten Zahlen und Leis­tungen auch Fragen nach fairem Betragen und cha­rak­ter­li­cher Gesamt­eig­nung eine wesent­liche Rolle. Der Satz das war eines kom­menden Hall of Famers nicht würdig“ gehört in den USA zum festen Bestand­teil der Fan- und Kom­men­tar­kultur und übt des­halb, wenn der Ein­druck nicht täuscht, gerade auf die größten und des­halb nahezu all­mäch­tigen Stars der Branche eine heilsam bil­dende Kraft aus. Nie­mand will oder soll dabei ver­gessen, dass Ruh­mes­hallen in Deutsch­land einst zu einer Zeit auf­kamen, da der Drang nach völ­ki­scher Selbst­ver­ge­wis­se­rung mit der Mode roman­ti­scher Genie­ver­eh­rung bald einen unheil­vollen Pakt ein­ging. Skepsis und Vor­sicht sind also geboten und begründet. Ande­rer­seits ist das Feld des Fuß­balls im Ver­lauf des ver­gan­genen Jahr­zehnts gera­dezu zum Hort eines posi­tiven, viel­stim­migen und kul­tu­rell offenen Patrio­tismus geworden. Das soll gern so bleiben. Und man muss es ja nicht gleich Ruh­mes­halle“ nennen. 

Ich habe an den mög­li­chen guten Sinn eines deut­schen Sta­dions der Besten“ zum ersten Mal wäh­rend eines Abend­essens mit Dettmar Cramer denken müssen. Ein Trainer, ein Mensch, der gewiss ganz oben auf einer ersten Liste stünde und dessen Ver­dienste um den deut­schen Fuß­ball nicht nur groß, son­dern tief sind. Wel­cher fuß­ball­be­geis­terte Jugend­liche kennt ihn heute, weiß von ihm? Oder sollen wir die Bewah­rung seiner öffent­li­chen Prä­senz dem Wer­be­spot einer Ban­ken­gruppe oder eines Joghurt­her­stel­lers über­lassen? Dettmar Cramer hielt übri­gens nicht viel von der lose vor­ge­schla­genen Idee eines Platzes in einer deut­schen Hall of Fame des Fuß­balls. Das ehrt ihn. Aber wie steht es mit uns? Lieben wir den Fuß­ball nur für den Moment oder wollen wir ihm, vor allem im Inter­esse kom­mender Fan-Genera­tionen, auch die Ehre des bil­denden Erin­nerns erweisen?

Der Autor ist Jour­na­list und Schrift­steller. Er spielt im linken Mit­tel­feld der Autoren­na­tio­nal­mann­schaft und lebt der­zeit in Toronto, Kanada.