Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Tages­spiegel.

Das hono­rige Fuß­ball­fach­blatt Kicker“ steht nicht im Ver­dacht, ein Hort des Sar­kasmus zu sein. Aber manchmal sind die Umstände ein­fach so, dass es nicht anders geht. Das EM-Ach­tel­fi­nale zwi­schen Eng­land und Deutsch­land im Sommer 2021 war so ein Fall. Bezie­hungs­weise, die Ent­schei­dungen, die Joa­chim Löw in seinem letzten Spiel als Bun­des­trainer nach dem Füh­rungstor der Eng­länder zum 1:0 getroffen hatte.

In seiner Ein­zel­kritik schrieb der Kicker“ nach dem Spiel über den in der 87. Minute ein­ge­wech­selten Emre Can: Kam, als alles zu spät war.“ Über den eben­falls in der 87. Minute ein­ge­wech­selten Leroy Sané: Kam, als alles zu spät war.“ Und über den in der zweiten Minute der Nach­spiel­zeit ein­ge­wech­selten Jamal Musiala: Kam, als alles viel zu spät war.“

Erst Odonkor und Neu­ville, dann Schürrle und Götze

Ein biss­chen muss man Löw aller­dings in Schutz nehmen. Natür­lich wäre die Schluss­phase des Spiels im Wem­bley­sta­dion prä­de­sti­niert dafür gewesen, einen bul­ligen Mit­tel­stürmer ins Getümmel zu schmeißen. Nur: Woher nehmen? Joa­chim Löw war es, der den Fuß­ball­sprach­ge­brauch vor der WM 2014 um den Begriff der Spe­zi­al­kraft berei­chert hat. Und tat­säch­lich haben die Spe­zi­al­kräfte in der jün­geren Geschichte des deut­schen Fuß­balls eine nicht ganz unwich­tige Rolle gespielt – selbst als man sie noch nicht als solche bezeichnet hat.

Bei der WM im eigenen Land waren es die Spe­zi­al­kräfte David Odonkor und Oliver Neu­ville, die mit dem Tor zum späten 1:0‑Sieg gegen Polen das Som­mer­mär­chen in Gang brachten.

Und acht Jahre später bescherten zwei Spe­zi­al­kräfte – die Ein­wech­sel­spieler André Schürrle und Mario Götze – den Deut­schen den WM-Titel. Umso bedau­er­li­cher für Löw, dass er bei seinem letzten großen Tur­nier nie­manden in seinem Kader hatte, der diese Rolle hätte bedienen können.

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Immer da, wenn sie gebraucht wurden: Mario Götze und André Schürrle hatten großen Anteil am Gewinn der Welt­meis­ter­schaft 2014.

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Er wird wichtig sein für uns, auf jeden Fall“

Sein Nach­folger Hansi Flick steht in dieser Hin­sicht kurz vor dem Beginn der Welt­meis­ter­schaft in Katar defi­nitiv besser da. Dass seine Mann­schaft am Don­nerstag mit einem Erfolgs­er­lebnis aus dem Oman nach Katar wei­ter­ge­reist ist, das hatte Flick einer aus­ge­wie­senen Spe­zi­al­kraft zu ver­danken. Beim Spiel am Abend zuvor hatte er Niclas Füll­krug zur Pause ein­ge­wech­selt; zehn Minuten vor dem Ende traf der Bremer in seinem Län­der­spiel­debüt zum 1:0‑Endstand für die Natio­nal­mann­schaft. Er ist ein wich­tiger Spieler für uns, gerade in der Box“, sagte Deutsch­lands Tor­hüter und Kapitän Manuel Neuer nach dem schweiß­trei­benden Auf­tritt in Maskat. Er hat das Gefühl im Zen­trum. Er wird wichtig sein für uns, auf jeden Fall.“

Niclas Füll­krug hat nicht nur das Zeug zur Spe­zi­al­kraft; er hat auch das Zeug, eine noch viel grö­ßere Lücke zu schließen, die im deut­schen Fuß­ball seit einer kleinen Ewig­keit beklagt wird. Ihm man­gelt es an dem guten, alten Mit­tel­stürmer, der sich im Straf­raum tum­melt und die fein zise­lierten Spiel­züge zum Abschluss bringt, die von den per­fekt aus­ge­bil­deten Mit­tel­feld­spie­lern initi­iert werden.

Er ist kom­plett, schnell und hat den Instinkt, den man braucht“, hat Miroslav Klose, der bisher letzte deut­sche Mit­tel­stürmer von Welt­format, schon vor vier Jahren über Füll­krug gesagt.