»Wenn man einem Ame­ri­kaner erzählt, dass man zum ›Public Viewing‹ gehe, kann es sein, dass dieser einem kon­do­liert. Genauso wenig wie ›Handy‹ die eng­li­sche Bezeich­nung für ›Mobil­te­lefon‹ ist, hat ›Public Viewing‹ über­setzt etwas mit öffent­li­chem Fern­seh­gu­cken zu tun. In Groß­bri­tan­nien kennt man den Begriff gar nicht, in Ame­rika bedeutet er ›öffent­liche Lei­chen­schau‹.«



So wie hier bei einem Trierer Nach­richten-Portal klingt es, wenn pünkt­lich zur Welt­meis­ter­schaft in Zei­tungen, Blogs und im Nach­bar­büro der Lehr­satz her­vor­ge­holt wird, eng­li­sche Mut­ter­sprachler würden aus dem genannten Grund ent­weder zusam­men­zu­cken oder sich schlapp­la­chen, wenn irgendwo in der nicht-eng­lisch­spra­chigen Welt Men­schen zum »Public Viewing« beliebter Ereig­nisse sich ver­sam­meln. Das Wort »Pseudo-Angli­zismus« fällt.

Vor ziem­lich genau zwei Jahren (pünkt­lich zur Euro­pa­meis­ter­schaft) hat der Anglist Anatol Ste­fa­no­witsch von der Uni­ver­sität Bremen eigent­lich schon alles dazu gesagt: »Diese Inter­pre­ta­tion des Begriffs ist mir zwar ver­traut, aber es ist nicht unbe­dingt die erste, und mit Sicher­heit nicht die ein­zige Bedeu­tung, die mir in den Sinn kommt«, schrieb er in seinem Sprach­blog. »Viel häu­figer ist im eng­li­schen Sprach­raum die Bedeu­tung ›Akten­ein­sicht durch die Öffent­lich­keit‹, aber auch jede andere Art von Ereignis, bei der es öffent­lich etwas zu sehen gibt, kann im Eng­li­schen mit public viewing bezeichnet werden – etwa öffent­liche Theater- und Film­vor­füh­rungen, Vor­füh­rungen in Stern­warten, Kunst­aus­stel­lungen, und natür­lich auch die Über­tra­gung von Fuß­ball­spielen auf Groß­bild­lein­wänden.«

Welt­ge­wandte Sprach­kenner in Blogs und Nach­bar­büros

Nun ist das Ärger­liche ja nicht, dass jemand Dinge behauptet, obwohl es schon vor zwei Jahren in einem Bremer Sprach­blog ganz anders stand. Nicht jeder liest das Bremer Sprach­blog – viele wissen nicht einmal, was Blogs sind. Manche kennen noch nicht einmal Bremen. Außerdem ist natür­lich das Zitierte zunächst auch nur eine Behaup­tung, und man muss selbst Sprach­wis­sen­schaft­lern, die über Sprache reden, nicht auto­ma­tisch alles glauben.

Nein, ärger­lich daran ist, dass man in Zei­tungen, Blogs und Nach­bar­büros den welt­ge­wandten Sprach­kenner gibt, obwohl es so him­mel­schreiend leicht ist, sich binnen weniger Sekunden selbst und ganz allein vom Gegen­teil zu über­zeugen. Man muss noch nicht einmal richtig goo­geln. Es genügt schon, den Begriff in die Such­maske nur ein­zu­geben, um sich anhand der erschei­nenden Such­vor­schläge zumin­dest einen ersten Über­blick über popu­läre Ver­wen­dungen zu ver­schaffen.

Die Ergän­zungen der bri­ti­schen und ame­ri­ka­ni­schen Google-Vari­anten zum Thema »public viewing« rei­chen von »scree­ning license«, »movies« und »dvds« über »space shuttle« bis zu – hört, hört! – »areas for 2010« und »Teddy Pen­der­grass«. Letz­terer ist dabei der ein­zige der Vor­schläge, der unmit­telbar etwas mit der Bedeu­tung »öffent­liche Auf­bah­rung eines Toten« zu tun hat: Der Musiker Teddy Pen­der­grass starb Anfang dieses Jahres, und da sechs Platin-Alben in der Regel weder zur Anony­mität noch zur Unbe­liebt­heit bei­tragen, gab es gewiss viele Men­schen, die beim public viewing noch einmal einen letzten Blick auf den Mann werfen wollten. Das schlägt sich auch in den Such­an­fragen nieder, sei es, dass man vor Ort dabei­sein möchte, sei es, dass man nach Fotos von dem Ereignis sucht.


Genauso hat das Auf­tau­chen aller anderen Vor­schläge seine Gründe. Viele gute Gründe. Der Grund aller­dings, als nativ Eng­lisch­spra­chiger kenne man public viewing aus­schließ­lich als öffent­liche Toten­schau, dürfte wohl nicht dar­unter sein. Geht man davon aus, dass Google für diese Vor­schläge die Häu­fig­keit bis­he­riger Such­an­fragen und die Anzahl der jeweils zu erwar­tenden Ergeb­nisse zugrun­de­legt, scheint die Ver­wen­dung des Begriffs auch für leich­nam­freie Situa­tionen im eng­li­schen Sprach­raum alles andere als unüb­lich zu sein.

Erste Indi­zien sind natür­lich nur erste Indi­zien, und das muss alles nichts heißen. Des­halb kli­cken wir auf den Such­button und gucken einmal genauer hin. Man erfährt Erstaun­li­ches. Von ziem­lich überall auf der Welt: »Spec­ta­tors cheer during the public viewing of the per­for­mance of German singer Lena Meyer-Landrut at the Euro­vi­sion Song Con­tests in Hanover, nort­hern Ger­many on May 29, 2010«, berichtet etwa die »Gazette« aus Mont­real, Kanada – wo man teil­weise kein schlechtes Eng­lisch spricht –, über den Euro­vi­sion Song Con­test.

Gutes Eng­lisch spricht man bekannt­lich auch in Groß­bri­tan­nien; vom »first public viewing of Halo 3: ODST«, einem Video­spiel, berichtet dort die BBC, und auf news​.scotsman​.com liest man: »That will con­tinue over the next 12 weeks with public viewing of the designs avail­able on Wed­nesday, 30 June at the new Marine Skills Centre at the Nau­tical Col­lege.«

USA? »The public viewing of the house is a part of the exhi­bi­tion, Hen­drix in Bri­tain, which show­cases hand­written lyrics, clot­hing, and other Hen­drix para­pher­nalia.« (CD insight)

»Spent at least R80 mil­lion on public viewing areas«

Aus­tra­lien? »Just to let ever­yone know, public viewing nights are held every first Friday of the month. Clear or cloudy nights the public viewing night goes ahead.« (Mornington Pen­in­sula Astro­no­mical Society)

Und im WM-Aus­tra­gungs­land (eine der Amts­spra­chen: Eng­lisch) passt es sogar mit Fuß­ball zusammen: »To ensure that people from Kwa­Zulu-Natal are able to enjoy the World Cup, the pro­vin­cial government has spent at least R80 mil­lion on public viewing areas (PVAs).« (Inde­pen­dent Online)

Auch das muss man natür­lich alles nicht glauben. Auch wei­terhin kann man lieber den Leuten kon­do­lieren und sich ins­ge­heim über sie lustig machen. Das ent­scheidet jeder selbst.