Roy Präger, Sie arbeiten mit der Unter­bre­chung von drei Jahren seit 1995 beim VfL Wolfs­burg. Sind Sie Fan Ihres Arbeit­ge­bers?
Absolut. Als wir 1999 in den Euro­pa­pokal ein­zogen und ich danach zum Ham­burger SV wech­selte, war das schon eine komi­sche Situa­tion für mich. Die sport­liche Her­aus­for­de­rung beim HSV war ver­lo­ckend, doch als Fan bin ich damals dem VfL treu geblieben. Fragen Sie mich doch mal, wer das erste Euro­pa­pokal-Tor für den VfL geschossen hat.

Sagen Sie es uns.
Charles Akonnor in der ersten Runde beim 2:0 gegen Debrecen! Wenn ich damals Zeit hatte, bin ich ins Sta­dion gefahren.

Wie bitte?
Nur ein Bei­spiel: In der dritten Runde spielte Wolfs­burg gegen Atle­tico Madrid. Das wollte ich mir doch nicht ent­gehen lassen. Also bin ich nach dem Trai­ning beim HSV abends los und stand am nächsten Tag wieder auf dem Trai­nings­platz.

Der VfL Wolfs­burg fei­erte Anfang des Monats seinen 15. Geburtstag als Bun­des­li­gist. Am 2. August 1997 fand das erste Bun­des­liga-Spiel statt, das der VfL mit 1:0 bei Hansa Ros­tock gewann. Was hat sich seit dieser Zeit ver­än­dert?
Die Dimen­sionen sind heute anders. Als wir mit dem VfL in der Bun­des­liga anfingen, waren auf der Geschäfts­stelle gerade einmal drei Stellen besetzt. Heute sind es knapp 120. Früher bin ich ab und zu durch die Geschäfts­stelle geschlen­dert. Wenn ich sah, dass bei unseren drei Mit­ar­bei­te­rinnen die Tele­fone glühten, habe ich spontan ein paar Tickets ver­kauft.

Wie dürfen wir uns diese Gespräche vor­stellen?
Die Reak­tionen darauf waren herr­lich. In etwa so: Roy Präger an der Ticket-Hot­line. Hallo?“ – Herr Präger, sind Sie das? Das gibt’s doch gar nicht!“

Heute ist der VfL ein eta­blierter Bun­des­li­gist, der sich Stars wie Diego leisten kann. Lag vor 15 Jahren ein Plan in der Schub­lade, der genau diese Ent­wick­lung vor­her­sagte?
Nein. Wir waren in der Saison 1997/98 die Nobodys der Liga. Wenn wir wieder abge­stiegen wären, hätte sich nie­mand beschwert. Ein Jahr vor unserem Auf­stieg wären wir ja fast in die Regio­nal­liga abge­stiegen. Dass wir mit dieser Truppe dann den Sprung in die Bun­des­liga schafften, hat uns zusam­men­ge­schweißt. Wir wollten es allen zeigen.

Der Klas­sen­er­halt gelang am vor­letzten Spieltag. Sofern der VfL wieder abge­stiegen wäre: Hätten wir ihn über­haupt noch einmal in der Bun­des­liga gesehen?
Ich glaube, dass die Ver­ant­wort­li­chen und Spon­soren mit Volks­wagen an der Spitze darauf gedrängt hätten, schnell wieder auf­zu­steigen. Die Leute haben an der Bun­des­liga geschnup­pert, und es hat jeden begeis­tert. Wir haben damals den Grund­stein für die wei­teren Jahre gelegt und den ersten großen Schritt gemacht.

Besteht der Kon­takt zu den Helden von damals denn noch?
Das sieht man schon an unserer Tra­di­ti­ons­mann­schaft, in der viele Spieler dabei sind, die damals den Auf­stieg per­fekt gemacht haben. Außerdem arbeiten auf unserer Geschäfts­stelle meh­rere Akteure von damals: Meine Wenig­keit, Mat­thias Stamm­mann in der Nach­wuchs­ab­tei­lung, Holger Ball­wanz als Fan­be­auf­tragter. Wir haben uns durch unsere Erfolge sozu­sagen unsere beruf­liche Zukunft erspielt. (lacht)
Welche wei­teren Schritte fallen Ihnen ein, die den VfL in der Bun­des­liga eta­blierten?
Der Sta­di­on­neubau im Jahr 2002 hat ver­deut­licht, dass wir nicht mehr nur ein Mit­läufer in der Liga sein, son­dern schönen und erfolg­rei­chen Fuß­ball bieten wollten. Ein wei­terer Mei­len­stein war die Ver­pflich­tung von Stefan Effen­berg.

Effen­berg blieb nur eine Saison beim VfL. Warum wirkte sein Transfer nach?
Mit Effe ist das Inter­esse am VfL kata­pult­artig nach oben geschnellt. Vorher waren beim Trai­ning gerade einmal zwei Jour­na­listen. Als Effe 2002 offi­ziell vor­ge­stellt wurde, waren plötz­lich 50 Jour­na­listen und zig Fern­seh­teams da. Als er aus dem Auto stieg, fielen sie ihm schon ent­gegen. Wir haben in der Saison zwar nicht mehr viel gerissen und Effe war bald wieder weg – aber das Inter­esse am VfL blieb.

War Effen­berg auch der beste Spieler, mit dem Sie in Wolfs­burg jemals zusammen gespielt haben?
Meine per­sön­li­chen Favo­riten sind andere: Robson Ponte, Diego Kli­mo­wicz und Martin Petrov. Das waren indi­vi­duell über­ra­gende Spieler, die dich aber auch gut ein­ge­setzt haben. Ich hätte ja auch gerne mal mit Diego zusammen gespielt, aber dafür bin ich zu alt. Das wird leider nichts mehr. (lacht)

Der VfL hatte in 15 Jahren Bun­des­liga einige Gründe zu feiern. Der sen­sa­tio­nelle Klas­sen­er­halt 1998, die über­ra­schende UEFA-Cup-Qua­li­fi­ka­tion 1999, die Meis­ter­schaft 2009. Woran denken Sie beson­ders gerne zurück?
An die Meis­ter­schaft. Ich stand zwar nicht mehr auf dem Platz, war aber wie alle Mit­ar­beiter als Fan am Rat­haus­platz mit dabei, als sich die Mann­schaft feiern ließ. Da stand ganz Wolfs­burg auf den Beinen und wir haben alle gehofft, dass es von nun an so wei­ter­geht.

War das nach Felix Magaths Abgang zum FC Schalke 04 nicht mög­lich?
Felix Magaths Nach­folger waren ja auch keine Ahnungs­losen. Aber der Sport ist eben manchmal eine Sinus­kurve. Es geht auf und ab. Natür­lich fragt man sich, ob wir uns nicht viel­leicht doch dau­er­haft oben fest­ge­bissen hätten, wenn Felix Magath dage­blieben wäre.

In der ver­gan­genen Saison stand Wolfs­burg am letzten Spieltag kurz vor dem Abstieg. War das die schlimmste Krise des VfL?
Jede Saison, in der wir fast abge­stiegen wären, war schlimm. 2006 haben wir uns erst am letzten Spieltag gerettet, 2007 am vor­letzten. Unser Anspruch hat sich seit dem Sta­di­on­neubau geän­dert. Heute muss man fast schon zwangs­läufig von der Qua­li­fi­ka­tion für die Europa League spre­chen. Damit müssen wir leben.

Was war der bewe­gendste Moment seit dem Auf­stieg?
Der Tod meines ehe­ma­ligen Mit­spie­lers Krzy­sztof Nowak im Jahr 2005. Als ich 2002 aus Ham­burg nach Wolfs­burg zurück­ge­kehrt bin, war er bereits unheilbar an ALS erkrankt. (ALS ist eine Ner­ven­er­kran­kung, die zu Mus­kel­läh­mungen führt, Anm. d. Red.) Sein Zustand wurde von Tag zu Tag schlechter. Es war furchtbar.

Roy Präger, kann der VfL Wolfs­burg in den kom­menden 15 Jahren noch einmal die Meis­ter­schaft gewinnen?
(über­legt) Wer will nicht gerne Meister werden? Als ehe­ma­liger Fuß­baller weiß ich aber, wie schwer so etwas ist und dass dafür alles passen muss. Wir können aber auf jeden Fall zuver­sicht­lich in die Zukunft bli­cken. Unsere A‑Jugend ist 2011 deut­scher Meister geworden. Das wäre vor 15 Jahren auch noch undenkbar gewesen.