Es ist Frei­tag­abend, kurz vor 19 Uhr, als Antek sein Heim­sta­dion betritt. So wie er reagiert, könnte man meinen, er wäre zum ersten Mal hier, das Sta­dion hieße nicht ?an der Ham­burger Straße? und unten auf dem Platz stünden nicht Ein­tracht Braun­schweig und der FC St.Pauli. Die beiden Klubs sind zu diesem Zeit­punkt Letzter und Vor­letzter der 2. Bun­des­liga. Der Schlag­zeuger von Such A Surge aber ist ergriffen wie ein kleiner Junge, der die erhoffte Spiel­zeug­ei­sen­bahn geschenkt bekommen hat, als er sagt: Dieser Moment, bei Flut­licht ein Sta­dion zu betreten, ist für mich immer wieder der Hammer.“ Und 20000 Zuschauer denken an diesem fros­tigen Freitag ähn­lich, trotz Live-Über­tra­gung bei Pre­miere.

Zum Auf­wärmen ins VIP-Zelt

Michel Begeame, Axel Horn und Carsten Antek“ Rudo sind die Fuß­ball-Frak­tion“ der Braun­schweiger Cross­over-Band. Sie haben in dieser Saison erst zwei Ein­tracht-Meis­ter­schafts­spiele ver­passt, die in den süd­li­chen Enklaven Burg­hausen und Fürth. Und alle sind sie ent­spre­chend nervös vor dem wich­tigen Match. Bas­sist Axel setzt seinen schwarzen BMW beim Ein­parken erstmal rück­wärts gegen eine Stein­mauer. Die Park­bucht gehört zu einer Video­thek, in der seine Freundin arbeitet, mit Blick auf das Sta­dion“. Und von dort aus sind es nur noch wenige Meter Fußweg ins weiße, zwei­stö­ckige VIP-Zelt. Unten hat sich bereits eine unüber­sicht­liche Party-Gesell­schaft ver­sam­melt, oben tum­melt sich neben Such A Surge die nord­deut­sche Fuß­ball-Pro­mi­nenz: DFL-Geschäfts­führer Bruch­hagen, der ehe­ma­lige nie­der­säch­si­sche Minis­ter­prä­si­dent und aktu­elle Ein­tracht-Prä­si­dent Glo­gowski ? und Dieter Schatz­schneider. So wie der frü­here Tor­jäger (Han­nover 96, Ham­burger SV) aus­sieht, könnte man meinen, dass er das reich­hal­tige Pasta-Büffet bereits alleine abge­räumt hat. In ihrer Band­ge­schichte haben Such A Surge man­ches Sta­dion von innen gesehen: Mit Her­bert Grö­ne­meyer spielten sie im Bochumer Ruhr­sta­dion, mit den Ärzten am Ham­burger Mil­l­erntor und ?wegen Andre Rieu? neben dem Ros­to­cker Ost­see­sta­dion. Woher kommt aber ihre Liebe zum Fuß­ball? Sänger Michel, der in Braun­schweig geboren wurde und ein biss­chen wie Paul Breitner im Jäger­meister-Trikot aus­sieht, ist in Zaire auf­ge­wachsen. Er erin­nert sich: Das war eine unglaub­liche Umstel­lung, als ich mit 16 Jahren wieder nach Braun­schweig gezogen bin und nicht mehr barfuß spielen konnte.“ Axel hat bei einem Tur­nier von Plat­ten­firmen sogar einmal hei­ligen Lon­doner Rasen betreten dürfen. Er sagt von sich: Im Wem­bley-Sta­dion Fuß­ball gespielt zu haben, bedeutet mir mehr als bei ?Rock am Ring? auf der Bühne gestanden zu haben.“ Und Antek inter­es­siert sich sogar für Archi­tektur. Schon als Kind hat er Sta­dien aus LEGO detail­ge­treu nach­ge­baut und darin mit Tipp-Kick-Figuren gespielt. Heute ist die Play­sta­tion sein bevor­zugter Gegner. Und auch das liegt an den Sta­dien: Ein echter Wahn­sinn, wie die das West­fa­len­sta­dion und die BayArena ori­ginal hin­ge­kriegt haben!“

Mit Slayer-Mütze auf die Haupt­tri­büne

Michel, Axel und Antek haben seit fünf­ein­halb Jahren Dau­er­karten für die Heim­spiele ihrer Ein­tracht. Sie sitzen auf der Haupt­tri­büne, weil die uns auf der Höhe der Mit­tel­linie eine exzel­lente Sicht garan­tiert“ (Antek). Und wäh­rend sich dort die anderen Edel­fans bald mit weniger qua­li­fi­zierten Lösungs­vor­schlägen her­vortun („Alle raus­schmeißen!“), wie­der­holt Michel gebets­müh­len­artig den Wunsch, dass sich Ein­tracht-Spieler Görges zum Kopf­ball­trai­ning“ begeben möge. Drummer Antek sitzt der­weil mit seiner Slayer-Mütze neben einer Frau im Pelz­mantel und wun­dert sich dar­über, dass die Pässe auf dem harten Boden ankommen, aller­dings nur beim FC St.Pauli: Das ist ja wie wenn du mit der Play­sta­tion gegen den Com­puter spielst!“ Dass er heute ein Sitz­kissen dabei hat, dafür hat er sich vorab ent­schul­digt, schließ­lich gelten Sitz­kissen gemeinhin als der Gar­ten­zwerg des Sta­di­on­be­su­chers.

Nach dem Spiel ist vor der Tour

Im St.Pauli-Block wehen in diesen Kri­sen­zeiten zwi­schen den Toten­köpfen ver­ein­zelte ira­ki­sche Flaggen, wäh­rend die Ban­den­wer­bung für Wurst-Betonbau“ man­cher­orts Dis­kus­sionen über die Kon­sis­tenz der Sta­di­onbrat­wurst aus­lösen würde. Wir haben viel Zeit für solche Gedan­ken­spiele, weil die Braun­schweiger und Ham­burger Kicker ihrer Tabel­len­si­tua­tion absolut gerecht werden. Unglücks­rabe des Tages ist Ein­tracht-Tor­hüter Jan Spoelder, der mit der Faust klären will, den Ball aber so unglück­lich trifft, dass er zum ent­schei­denden Treffer ins eigene Tor abge­lenkt wird. Hin­terher stürmt Axel ins VIP-Zelt und brüllt: Der Ball war nicht drin!“ Das sollen zumin­dest die Kameras von Pre­miere bewiesen haben. Doch nun ist es zu spät, das Flut­licht längst aus­ge­schaltet. Die TV-Moni­tore ver­raten, dass der Rück­stand auf den ret­tenden 14. Tabel­len­platz immer noch acht Punkte beträgt. Seit sechs Spielen ist das Team von Coach Uwe Rein­ders ohne Sieg! Und Antek ver­sucht, das Beste aus dieser Situa­tion zu machen. Wenigs­tens ist der Abstieg jetzt end­gültig besie­gelt“, beru­higt er sich und seine Band­kol­legen, dann können wir auf Tour gehen und ver­passen nichts.“ Den Auf­stieg in die 2. Bun­des­liga hatten sie im letzten Sommer kurz vor ihrem Auf­tritt beim Rock im Park“ im Nürn­berger Fran­ken­sta­dion mit­er­lebt. Es stand bis kurz vor Schluss 1:1, und wir dachten schon, es wäre alles aus. Doch dann hat das Handy geklin­gelt, und da war nur noch Krach zu hören“, erin­nert sich Michel an bes­sere Ein­tracht-Zeiten.

Aktu­elles Album: Rot­licht“ (Columbia/​Sony)
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