Die Idee war gut, die Welt nur eben noch nicht bereit. Bun­des­trainer Jürgen Klins­mann hatte im Herbst letzten Jahres ver­fügt, als Aus­weich­trikot der Natio­nalelf künftig rote Jer­seys über­zu­ziehen. Die Begrün­dung: Rot stehe für Aggres­sion, für unbe­dingte Lei­den­schaft.
Klins­mann for­derte damit den zu erwar­tenden Auf­schrei unter den Tra­di­ti­ons­wah­rern hervor. Nur der DFB-Aus­rüster jubelte. Das schicke Rot ver­sprach einen deut­lich bes­seren Umsatz als die seit der Nach­kriegs­zeit gerne über­ge­zo­genen frosch­grünen Jer­seys.
Doch unge­achtet aller Befind­lich­keiten und öko­no­mi­scher Erwä­gungen: Klins­mann hatte so was von Recht. Die Farb­psy­cho­logie spricht dem Rot näm­lich mani­feste Vor­teile zu: Rot ver­mit­telt Aggres­si­vität und schüch­tert den Gegner ein. In der Natur ist Rot neben Orange und Gelb die Farbe der gefähr­li­chen Tiere.
Damit nicht genug. Nicht genug dieser theo­re­ti­schen Ansätze aus dem Reich der Tier­welt: In einer im renom­mierten Wis­sen­schafts­ma­gazin Nature“ ver­öf­fent­lichten Studie haben die Wis­sen­schaftler Robert Barton und Rus­sell Hill her­aus­ge­funden, dass wäh­rend der Olym­pi­schen Spiele 2004 bei den olym­pi­schen Kampf­sport­arten wie Ringen und Boxen eine signi­fi­kant höhere Quote an Sie­gern in roten Anzügen ange­treten ist.
Da in diesen Sport­arten vor dem Kampf aus­ge­lost wird, wer in wel­cher Farbe anzu­treten hat, ist das ver­blüf­fende Ergebnis ernst zu nehmen als Hin­weis auf Vor­teile der roten Sport­klei­dung.
Es könnte, so fol­gern schlaue Wis­sen­schaftler, drei Gründe für die empi­risch nach­ge­wie­sene Über­le­gen­heit der Roten“ geben: Ent­weder hat Rot tat­säch­lich eine nega­tive Wir­kung auf den Gegner. Ein Blick aufs rote Hemd, schon zit­tert der Kon­tra­hent wie Espen­laub. Oder die wirkt sich positiv auf die eigene Leis­tungs­fä­hig­keit aus. Oder, dritte Vari­ante, der Schieds­richter fühlt sich in irgend­einer Weise zum Rot hin­ge­zogen bei seinen Ent­schei­dungen.
Zu kom­pli­ziert?
Bli­cken wir in die Praxis. Die Rot-Theorie würde erklären, warum im Jahre 1966 Eng­land dank üppiger Unter­stüt­zung von Lini­en­richter und Schieds­richter und dem omi­nösen Wem­bley-Lini­en­treffer Welt­meister wurde.England spielte, übri­gens als bis­lang ein­ziger Welt­meister, in roten Jer­seys, weil die Deut­schen in der eben­falls von den Eng­län­dern bevor­zugten Stamm­farbe Weiß antreten durften. Da grämt sich natür­lich noch vierzig Jahre später der deut­sche Fuß­ballfan und denkt bei sich: Hätten Seeler, Becken­bauer und Co. damals doch nur auf ihr Gast­recht ver­zichtet!
Ver­blüf­fender als die Ana­lyse der WM-Ergeb­nisse ist der Blick auf den euro­päi­schen Ver­eins­fuß­ball: In Städten mit zwei tra­di­ti­ons­rei­chen, erst­klas­sigen Klubs, also unter ver­gleich­baren Aus­gangs­be­din­gungen, haben fast immer die roten Mann­schaft die Nase vorne. Bayern Mün­chen hat den Stadt­ri­valen 1860 längst abge­hängt. In Stutt­gart das gleiche Bild: die Roten“ vom VfB sind den blauen“ Kickers um Licht­jahre voraus. Und auch in Ham­burg haben die Rot­hosen gegen­über dem braun-weiß gewan­deten Rivalen FC St. Pauli sozu­sagen tra­di­tio­nell die Nase vorn.
Das Bild im inter­na­tio­nalen Fuß­ball ist ein ähn­li­ches. Die roten Liver­pooler sind den Blues“ vom Goodison Park in Everton immer ein Stück voraus gewesen. Man­chester United hat seinen Rivalen Man­chester City eben­falls in Rot fast immer auf den zweiten Platz in der Stadt­meis­ter­schaft ver­wiesen, wäh­rend das rot-schwarze Milan eine zumin­dest um Nuancen erfolg­rei­chere Ver­gan­gen­heit auf­weist als Inter. Bei Barca und Espanyol gibt es ebenso wenige Zweifel über die Macht­ver­tei­lung in der Stadt wie in Lis­sabon zwi­schen den roten Ben­fica-Kickern und denen von Spor­ting. Und so geht das weiter: In Athen gewinnt, wenn’s darauf ankommt, das rote Olym­piakos Piräus und nicht der Haupt­ri­vale Pan­athi­naikos, in Bel­grad ist der Rote Stern Par­tizan stets einen Schritt voraus.
Die Aus­nahme von der Regel? Nur Real Madrid kommt im direkten Ver­gleich mit den rot-weiß gestreiften Rivalen von Atle­tico besser weg. Aber hier han­delt es sich ja auch um die Galak­ti­schen, um das weiße Bal­lett.
Aber was sagt uns das alles nun für den wei­teren Fort­gang der WM, bei der so viele Rot­hemden mit­wirken wie noch nie? Die Geschichte des größten Fuß­ball­tur­niers der Welt taugt mit Aus­nahme von Eng­lands WM-Titel nicht so gut als Beleg für die Theorie der Über­le­gen­heit roter Hemden. Was ein biss­chen ärger­lich für diesen mit so viel Emphase geschrie­benen Text ist – aber leider nicht zu ändern.
Das rote Ungarn verlor 1954 gegen ein weiß-schwarzes deut­sches Team, die Tsche­chen nutzten ihren Farb­vor­teil 1962 ebenso wenig wie die Hol­länder die – wel­len­län­gen­mäßig betrachtet – ähn­lich wert­volle Hilfe durch ihr Oranje“ in den Finals von 1974 und 1978 hatten. Bei dieser WM hat immerhin Tri­nidad & Tobago beim 0:0 gegen Schweden in Rot für eine große Über­ra­schung gesorgt, Angola spielte gegen Mexiko in Rot deut­lich besser als weiß gekleidet gegen Por­tugal. Por­tugal, Süd­korea und Spa­nien – alle in Rot – wurden ihrer Favo­ri­ten­rolle gerecht, wäh­rend Para­guay gegen Eng­land und Costa Rica sowie Polen gegen Deutsch­land ihren roten Hemden dankbar sein durften für eine nur knappe Nie­der­lage.
Klins­mann hat bis­lang auf die roten Tri­kots ver­zichtet. Auch gegen die Schweden lief die Mann­schaft in den weißen Hemden auf. Ist eben ein schlauer Fuchs, der Klinsi: Die Test­spiel­de­saster der letzten Monate gegen die Slo­wakei, Türkei und Ita­lien wurden alle­samt in roten Hemden ein­ge­fahren.
Viel­leicht hat Klins­mann aber auch im WM-Bil­der­buch gestö­bert und den Mangel an Rot bei den Sie­ger­fotos fest­ge­stellt. Wis­sen­schaft­liche Theo­rien hin oder her.