Seite 2: „Khedira? Schützt endlich die Altenheime!“

Apropos! Wun­dert es Sie nicht auch, dass Hertha BSC noch immer Geld in der Schub­lade findet?
Man könnte die alte Floskel anglei­chen und nun sagen: Geld schießt zunächst keine Tore. Aktuell befindet sich Hertha in dieser zunächst“-Situation. Denn was steht auf der Haben­seite? Teure neue Spieler, Platz 15 und der­selbe Trainer wie vor zwei Jahren. Ich sag’s mal so: Das hätten sie von mir auch güns­tiger kriegen können.

Immerhin: Mit Sami Khe­dira haben Sie nun einen Welt­meister, der…
… ja, Wahn­sinn, oder? Khe­dira, den habe ich eher im Was macht eigentlich“-Ressort des STERN ver­mutet als nochmal in der Bun­des­liga. Dass wir uns in diesem Jahr Sorgen um unsere Opas machen müssen, wusste ich. Aber dass sie jetzt zusätz­lich noch von Hertha ver­pflichtet werden könnten, mit dieser Gefahr hätte ich nicht gerechnet. Schützt end­lich die Alten­heime!

Wird er helfen?
Wenn er fit bleibt, ganz bestimmt. Ich war immer Khe­dira-Fan. Wie selbst­ver­ständ­lich er als junger Kerl ab der WM 2010 die Rolle als Bal­lack-Nach­folger an- und mit wel­cher Serio­sität und Ele­ganz er abseits des Platzes auf­ge­treten ist, hat mir immer impo­niert. Guter Spieler, gute Werte, ach komm, ich lege mich fest: Er wird Hertha helfen.

Nach dem kurzen Exkurs in die Bun­des­liga zurück zum absurden Euro­päi­schen Fuß­ball. Auf­grund der ört­li­chen Corona-Ver­ord­nungen emp­fängt die Leipzig-Filiale aus Fuschl am See am Dienstag den Gast“ aus Liver­pool in Buda­pest. Glad­bach und Man­chester City treten eben­falls dort an. Hof­fen­heim spielt gegen Molde FK im spa­ni­schen Vil­lareal. Herr Schmitt, mal ernst­haft, was soll das?
Was der öster­rei­chi­sche Klub aus Leipzig macht, ist mir relativ schnurz. Viel inter­es­santer ist für mich natür­lich, dass meine Borussia aus Mön­chen­glad­bach eben­falls in Buda­pest gegen die Muta­tion aus Groß­bri­tan­nien, Man­chester City, antritt. Was für ein herr­li­cher Blöd­sinn! Der Fuß­ball ent­wi­ckelt sich zu seiner eigenen Kari­katur. Eng­länder dürfen wegen der Corona-Situa­tion nicht in Deutsch­land ein­reisen, dann lasst doch beide Teams nach Ungarn fahren, da gibt’s ja keinen Virus. Es ergibt alles keinen Sinn mehr. Und die Ver­eine sagen, auch irgendwie zurecht, denn von ihnen kommen schließ­lich nicht die Ver­ord­nungen: Ja, was sollen wir denn machen?“ Es ist ein Dilemma. Die euro­päi­schen Wett­be­werbe glei­chen nun totalem Dada­ismus. Als hätten Helge Schneider und Chris­to­pher Nolan gemeinsam das Dreh­buch geschrieben.

Die euro­päi­schen Wett­be­werbe glei­chen nun totalem Dada­ismus“

Und…
…und Hof­fen­heim spielt gegen Molde aus Nor­wegen im spa­ni­schen Vil­lareal. Lesen Sie diesen Satz ein­fach nochmal.

Hof­fen­heim spielt gegen Molde aus Nor­wegen im spa­ni­schen Vil­lareal.
Bei der Mel­dung hat Karl Lau­ter­bach ver­mut­lich sofort aus allen Kör­per­öff­nungen geblutet. Hof­fen­heim gegen Molde in Vil­lareal. Das klingt so, als zockte man die neunte Saison in Fuß­ball­ma­nager“ mit der­selben Mann­schaft und alles ist völlig außer Kon­trolle geraten. Ver­rückt. Das würde sofort abge­bro­chen werden, ginge es nicht um Geld. Wel­chen sport­li­chen Stel­len­wert haben denn derart aus­ein­ander gepflückte Tur­niere?

Das heißt, Sie freuen sich nicht einmal auf das Spiel Ihrer Borussia gegen City?
Ach, ich weiß es nicht. Es ist der­zeit die pure Folter für jeden Fan. Freue ich mich nicht darauf, fühle mich gleich­zeitig schlecht, weil es ein his­to­ri­sches Spiel für uns ist. Freue ich mich darauf, lüge ich mich auch ein biss­chen selbst an, denn Fuß­ball ist in dieser Saison mehr Ritual als Lei­den­schaft. Selbst wenn wir die Cham­pions League gewönnen, hätte dieser unwahr­schein­liche Erfolg ja keine Grie­chen­land-EM-2004-Vibes. Was hätte dieses Wunder“ zur Folge? Dass ich alleine in der Woh­nung statt Bier zur Feier des Tages einen Sekt trinke? Und Spieler sehe, die vor leeren Rängen iro­nisch zur Laola ansetzen? Aber zur Frage: Doch, ich freue mich schon darauf. Und wenn es nur der Ablen­kung dient.

Klingt ja richtig eupho­risch.
Ich könnte ja jetzt auch die Unwahr­heit sagen, Sie anspringen und behaupten, dass ich nicht mehr schlafen kann bis zum Anpfiff.

Bitte nicht anspringen.
Eben. Wirk­lich am ein­fachsten haben es in dieser Spiel­zeit Fans vom FC Augs­burg. Die spielen ein­fach irgend­eine Saison, in der sie am Ende Zwölfter werden und fertig. Keine fal­sche Freude, keine großen Abstiegs­sorgen. Die müssen sich das alles gar nicht angu­cken. Die sind ein­fach irgendwie da. Und wenn es dann wieder richtig los­geht, also mit Fans und so weiter, also der echte Fuß­ball und nicht diese aktu­elle Simu­la­tion, dann sind sie immer noch da. Als wäre nichts gewesen. Benei­dens­wert.