Seite 3: „So, getz gips auffe Fresse, ihr Paselacken!“

Ist denn aktuell alles aus­nahmslos schlecht?
Es gibt auch High­lights, wie bei­spiels­weise Kiels Wei­ter­kommen gegen Bayern im Pokal, Dort­munds Partie gegen den SC Pader­born oder Glad­bachs 3:2‑Sieg gegen die Münchner. Da bin ich durchs Wohn­zimmer gehüpft wie früher. Aber im Großen und Ganzen ist es alles sehr, sehr grau.

Klingt irgendwie traurig.
Es gibt einen Gedanken in mir, der mir dau­ernd sagt, wie furchtbar es doch wäre, wenn wir Glad­ba­cher, die ja seit nun­mehr 1995 darauf warten, in dieser Saison, aus­ge­rechnet in dieser Saison, einen Titel holen würden. Das wäre schön und gleich­zeitig völlig egal. Die totale Ambi­va­lenz. Und im Pokal sehe ich rea­lis­ti­sche Chancen aufs Wei­ter­kommen. Aber in der Cham­pions League? Puh, Man­chester ist so gut der­zeit. Auf dem Papier fliegen wir da schneller raus als Rum­me­nigges Nase aus der Maske.

Ein Thema, das wir unbe­dingt erneut bespre­chen müssen: Marco Rose.
Ecki Heuser steht ver­mut­lich jetzt noch im Borussia Park und hakt nach. Naja, es fühlte sich lange so an, als würde der Partner oder die Part­nerin fremd­flirten – man ahnt es, will es aber am liebsten gar nicht wissen. So in etwa sagte ich es auch in der ver­gan­genen Kolumne. Jetzt haben sich die Dinge ver­än­dert und wir Fans würden nun schon gerne wissen, wie es wei­ter­geht. Es war klar, dass man diese Hal­tung, es gäbe aktuell nichts zu sagen, genau so lange durch­ziehen kann, bis das erste Spiel ver­loren geht. So funk­tio­nieren die medialen Mecha­nismen nun mal. Aber wenn es sport­lich etwas ruckelt, wird sei­tens großer Bou­le­vard­blätter die berühmte Unruhe im Kader unter­stellt. Die Mann­schaft würde unter der Situa­tion leiden oder sowas. (Lacht.) Dass dann aus­ge­rechnet das ver­ma­le­deite Derby gegen den 1. FC Köln sehr ver­meidbar ver­loren ging, macht die Sache für alle Betei­ligten in der Kom­mu­ni­ka­tion nun nicht ein­fa­cher.

Ach ja, Sie sind ja Derby-Ver­lierer, Herr Schmitt!
Ich hatte gehofft, Sie hätten es ver­gessen. Ja, das tat weh. Im Vor­feld der Partie war ich sehr opti­mis­tisch, nachdem in Köln nach dem Keller nun auch der VAR im Mann­schaftsbus erfunden wurde. Aber im Spiel haben wir uns dann so clever ange­stellt wie der FC bei der Suche nach einem Pres­se­spre­cher. Aber nun gut. Zur bereits oft erwähnten Rota­tion inner­halb unseres Teams sage ich jetzt mal nichts, sonst stehe ich noch als schlechter Ver­lierer da, was ich selbst­ver­ständ­lich nicht bin. Glück­wunsch nach Köln. Oh, das tat jetzt nochmal weh.

Zurück zu Rose.
Da war was, stimmt. Ja, spä­tes­tens beim Pokal­vier­tel­fi­nale zwi­schen Glad­bach und Dort­mund wird der Druck enorm sein, langsam mal etwas zu ver­künden. Und auch ich als Fan muss ganz ehr­lich sagen, dass ich mir eine Aus­sage wün­sche. Wenn wirk­lich noch keine Ent­schei­dung gefallen ist, schön und gut, das ist sein gutes Recht und ich würde mir vor einem Job­wechsel auch länger Gedanken machen, er ist auch nur ein Mensch. Aber wenn die Ent­schei­dung bereits steht, wün­sche ich mir die totale Offen­heit. So hat es Marco Reus damals vor seinem Wechsel nach Dort­mund auch gemacht, ganz trans­pa­rent und früh­zeitig. Auch wenn ich mir natür­lich wün­sche, dass Rose und sein Team um René Maric und Alex­ander Zickler blieben. Ich liebe diese drei Männer und es würde mir das Herz bre­chen, sie in Dort­mund zu sehen.

Was hat Dort­mund, was Glad­bach nicht hat?
Jeder, der mal an der deut­schen Côte d’Azur stand, also dem Phoe­nixsee in Dort­mund-Hörde, weiß, dass da kaum eine Stadt in Deutsch­land mit­halten kann. Die haben da sogar Enten. In der Innen­stadt über­zeugen ein Saturn und ein Peek & Clop­pen­burg durch zeit­lose Ele­ganz. Nun ja, Bas­tian Schwein­s­teiger sagte neu­lich sinn­gemäß in der ARD, dass man nicht mehr unbe­dingt von Glad­bach nach Dort­mund wech­seln müsste. Das sehe ich ähn­lich. Glad­bach und Dort­mund sind punkt­gleich. Aktuell würde Rose also einen Peu­geot durch einen Renault tau­schen. Natür­lich ver­fügt der BVB über andere Mög­lich­keiten, keine Frage. Und die Mann­schaft ist gespickt mit Top­ta­lenten. Das Sta­dion ist fan­tas­tisch. Mit Erd­nüssen würde er dort auch nicht bezahlt werden.

Aber?
Ich frage mich, worin der sport­liche Reiz der­zeit liegen sollte. Durch die sehr junge Dort­munder Mann­schaft, den Erfolg der Leip­ziger und die über­mäch­tigen Bayern wird es für den BVB in den nächsten zwei bis drei Jahren ver­mut­lich um Platz Zwei und den Pokal gehen. Natür­lich keine schlechten Per­spek­tiven, ich möchte nicht arro­gant klingen. Den­noch frage ich mich, warum Rose und seine Leute nicht eher ihren nächsten Schritt auch in Mön­chen­glad­bach, mitt­ler­weile einer guten Adresse im euro­päi­schen Fuß­ball, machen sollten. Hier ent­steht doch was. Ein vierter Platz und ein Pokal­sieg mit Glad­bach sind doch sport­lich reiz­voller als ein zweiter Platz und der Gewinn des Potts mit dem BVB. Nach Eng­land kann man danach ja immer noch. Aber viel­leicht bin ich da nicht objektiv genug und zu miss­günstig den Dort­mun­dern gegen­über. Das kann gut sein.

Es kann ja auch gut sein, dass der BVB noch weiter abstürzt. Borussia Dort­mund im Mit­tel­feld der Liga. Vor­stellbar?
Es wäre zumin­dest unge­wöhn­lich und ein biss­chen amü­sant. Da erin­nert man sich ja zwangs­läufig an gol­dene Spiel­zeiten wie 1999/2000 mit Legenden à la Sead Kape­t­a­novic, Alfred Nijhuis, Vla­dimir But und Sergej Bar­barez zurück. Da wurden sie Elfter. Und der BVB nur noch national unter­wegs? Da würden sich zumin­dest einige in Dort­mund-Dorst­feld freuen.

Themen-Wechsel zum Abschluss. Sind Sie seit ver­gan­gener Woche auch bis über beide Ohren in Pader­born-Trainer Steffen Baum­gart ver­liebt? Weil er sich nach dem DFB-Pokal-Aus in Dort­mund so fürch­ter­lich und herr­lich offen über den VAR beschwerte?
Das war toll, oder? Ich glaube, wir waren in dem Moment alle so beseelt, weil wir unseren eigenen Kreis­li­ga­trainer von damals vor uns sahen. Ob der Baum­gart beim Aus­wärts­spiel in der Bezirks­liga den Asche­platz abkreidet oder um 20.45 Uhr im West­fa­len­sta­dion unter Flut­licht auf der Trai­ner­bank sitzt: Er lässt uns glauben, dass ihm das ganz egal sei. Solche Trainer werden heute gar nicht mehr gebaut. Ihm geht es um die Sache. Um das Spiel, um Ein­stel­lung und Fair­ness. Wenn der am Ball­netz vor­bei­geht, pumpen sich die Pillen aus Respekt von alleine auf. Ein Alt­hauer, der sein Team sehr modern spielen lässt. Mir impo­niert diese Mann­schaft, die immer ver­sucht, zu gewinnen. Egal, wie aus­sichtslos die Lage ist, die darfst du nicht abschreiben. Wie ein Jack Rus­sell, der sich mit einem Kangal anlegt, scheiß egal, ich beiß dir in die Wade, du Penner! Und das lebt der Coach, bei 0 Grad im T‑Shirt, draußen an der Linie vor. Der quatscht nicht nur magath- oder lorant-esk vor sich hin, wie hart er denn wäre, son­dern lässt im Rahmen der Mög­lich­keiten zusätz­lich ful­mi­nanten Fuß­ball spielen.

Sie sind ja wirk­lich ver­liebt!
Ich bin großer Fan. Diese Bade­meis­ter­men­ta­lität, herr­lich. Der könnte auch im Dorf­verein im Ver­eins­bulli die Kids der B‑Jugend durch die Gegend fahren oder auf dem Mann­schafts­foto Eis­spray und Taxofit-Koffer halten. Und das meine ich absolut als Kom­pli­ment. Eine wirk­lich selten gewor­dene Figur im Pro­fi­fuß­ball. Wie jemand aus Bang Boom Bang“ oder einem anderen Peter-Thor­warth-Film, der nach dem ARD-Inter­view im Opel Kadett nach Köln-Deutz bret­tert, die Tür des Video­kel­lers auf­tritt und den Schiris ent­ge­gen­brüllt: So, getz gips auffe Fresse, ihr Pasel­acken!“ Ich bin dankbar für den Kerl, der lässt mich noch an den Fuß­ball glauben. Und wenn ich jetzt so drüber nach­denke, ist der Gedanke doch absurd und lustig zugleich, dass er in der­selben Branche tätig ist, in der auch Klub-WM, die diversen Super­cups und die Nations League aus­ge­spielt werden. Der gleiche Beruf, und doch ganz anders.