Seite 3: „Der fehlende Wettbewerb langweilt mich“

Anders gefragt: Inves­tiert Real Madrid zu viel Geld in Top­stars?
Ich denke: ja. Wenn die Ver­ant­wort­li­chen weniger Stars kaufen würden, hätten sie mehr Spieler aus dem eigenen Nach­wuchs im Kader. Diese Nach­wuchs­spieler sind wichtig für die Iden­ti­fi­ka­tion der Fans – oder waren es zumin­dest früher. Ich denke zwar, dass die meisten Zuschauer heute nicht so sen­ti­mental sind. Ich selbst aber fand es besser, als zwi­schen den rei­chen Ver­einen und den anderen nicht ein der­maßen großer Abstand herrschte. Dieser feh­lende Wett­be­werb lang­weilt mich. Wie schon gesagt: Nie­mand will eine Liga, in der jedes Jahr der FC Bayern Meister wird. Immerhin haben wir in Spa­nien eine Liga, in der mitt­ler­weile drei Mann­schaften das Zeug zum Titel haben.

Wenn ein Verein in der Lage ist, jeden Spieler der Welt zu ver­pflichten – ver­zieht er damit nicht auch seine Fans zu bla­sierten Kin­dern?
Ich denke, dass ich ein roman­ti­scher Fan bin. Des­wegen will ich es so aus­drü­cken: Ich habe mehr Sym­pa­thie für Iker Cas­illas, der seit seinen Kin­der­tagen im Klub ist, als für Gareth Bale. Ich hatte mehr Sym­pa­thie für Emilio Butra­gueno als für Hugo San­chez; mehr für Raul als für Zidane. Für mich ist wichtig, dass ich gesehen habe, wie die Spieler gewachsen, wie sie besser geworden sind. Wenn jemand bereits voll aus­ge­bildet dazu­stößt, dann ist das gut, aber nur, wenn die Basis der Mann­schaft eine andere ist. Falls nicht, dann besteht die Gefahr, dass sich der Verein in eine Art Harlem Glo­be­trot­ters ver­wan­delt. Und die Glo­be­trot­ters messen sich nicht mit anderen, sie sind nicht ernst­haft, sie sind eine Show­mann­schaft, ein Team der Jon­gleure, eine Zir­kus­truppe. Doch wer will schon Zirkus ohne Emo­tion?

Was emp­finden Sie, wenn Sie Cris­tiano Ronaldo weinen sehen?
Nichts. Aber nie­mand kann ihm wirk­lich böse sein. Er ist ein Kind, und nie­mand kann Kin­dern böse sein.

Alfredo Di Ste­fano, Zine­dine Zidane, Cris­tiano Ronaldo: Könnten diese drei zusam­men­spielen?
Das ist Sci­ence-Fic­tion!

 Wer wäre in dieser Sci­ence-Fic­tion-Mann­schaft der Chef?
In diesem Genre defi­nitiv Di Ste­fano. Zidane ist ein sehr zurück­hal­tender Cha­rakter, und Ronaldo würde schon am ersten Tag von Di Ste­fano in die Schranken ver­wiesen werden. Cris­tiano ist sehr gehorsam, in Wirk­lich­keit ist er sehr jun­gen­haft. Di Ste­fano hin­gegen hatte nichts Kin­di­sches an sich, er war ein Mar­schall, wenn auch mit Sinn für Humor. Don Alfredo eben.

Wenn das Weiße Bal­lett“ auf die Mann­schaft der Gegen­wart träfe, wem würden Sie die Daumen drü­cken?
Ich bleibe bei meiner Treue für die Idole meiner Kind­heit. Außerdem ist die aktu­elle Mann­schaft noch keine für die Ewig­keit. Das wird nach der Ära Mour­inho noch eine ganze Zeit dauern.

Wel­chen Schaden hat Mour­inho ange­richtet?
Real Madrid war eine noble Mann­schaft, Mour­inho machte aus ihr eine uneh­ren­hafte. Real Madrid hat sich nie mit Schieds­rich­tern ange­legt, Mour­inhos Mann­schaft tat das andau­ernd. Real Madrid stand für Fair Play, Mour­inhos Mann­schaft für Foul Play. Real Madrids Trainer waren wohl­erzo­gene Lehrer, die das Lob an ihre Mann­schaft wei­ter­gaben, Mour­inho war schlecht erzogen und bezog alles Lob auf sich. In dieser Zeit fiel es mir schwer, so mit­zu­fie­bern wie zuvor. Ich war im Finale der Copa del Rey sogar für Atle­tico, damit Mour­inho sich nicht mit einer wei­teren Tro­phäe schmü­cken konnte. Stellen Sie sich das mal vor!

Das Real Madrid der Gegen­wart hat noch keinen Namen wie Weißes Bal­lett“ oder Die Galak­ti­schen“. Wel­chen schlagen Sie vor?
Ich habe noch keinen Namen für diese Mann­schaft. Ein­fach, weil sie noch keinen ver­dient.

Javier Marias, geboren 1951 in Madrid, gelang Anfang der Neun­ziger mit Mein Herz so weiß“ der Durch­bruch. 2000 erschien Alle unsere frühen Schlachten“, ein Sam­mel­band mit Erin­ne­rungen an den Fuß­ball seiner Kind­heit. Sein Gesamt­werk hat eine Auf­lage von über sechs Mil­lionen Exem­plaren erreicht. Javier Marias lebt in Madrid.