Javier Marias, in Alle unsere frühen Schlachten“, Ihren Erin­ne­rungen an Ihre Jugend als Anhänger von Real Madrid, schreiben Sie, man könne seine Freunde wech­seln – aber nie­mals seinen Verein. Ist Ihre Liebe zu Real Madrid tiefer als die zu den Men­schen in Ihrer Umge­bung?
Zum Glück haben diese Lieben nichts mit­ein­ander zu tun. Die Liebe zu einem Verein ist rein sym­bo­li­scher Natur, im Unter­schied zur Liebe zwi­schen Men­schen. Ers­tere ist für gewöhn­lich dau­er­haft und unver­rückbar, allein schon weil sie von weit gerin­gerer Inten­sität ist und uner­wi­dert bleiben muss. Um ehr­lich zu sein: Nie­mand erwartet, dass Real Madrid mich liebt, nicht wahr? Ich glaube sogar, dass dieser Verein nicht einmal weiß, dass ich exis­tiere.

Sind Sie je mit einem anderen Verein fremd­ge­gangen?
Nein, ich glaube nicht. Gut, als Alfredo Di Ste­fano 1964 von Real Madrid ver­trieben wurde, da war ich noch ein Kind, also in der Lage, die Seiten zu wech­seln und ihm zu Espanyol zu folgen. Aber diese Begeis­te­rung hielt nicht lange an. Genau genommen ist Espanyol ein Verein von eher geringer Attrak­ti­vität.

Haben Sie dar­über hinaus je Zunei­gung für andere Ver­eine emp­funden, etwa den FC Bayern Mün­chen?
Der FC Bayern war mir immer unsym­pa­thisch. Viel­leicht weil er das deut­sche Real Madrid sein will und es viele Kon­flikte zwi­schen diesen beiden Ver­einen gegeben hat. Der FC Bayern der Gegen­wart hat sich alle Talente des Landes gesi­chert, aus diesem Grund lang­weilt er die Bun­des­liga. Er ist anma­ßend, arro­gant, eitel. Das Gleiche kann man auch über das heu­tige Real Madrid sagen, aber das war nicht immer so.

Sie wuchsen mit dem Weißen Bal­lett“, der Mann­schaft der späten Fünf­ziger und frühen Sech­ziger auf. Es muss ein Leichtes gewesen zu sein, sich in dieses Real Madrid zu ver­lieben.
Ja, das war gera­dezu zwangs­läufig so. Sonst wäre ich kein Madri­lene gewesen. Die Mann­schaft um Ray­mond Kopa, Hector Rial, Alfredo Di Ste­fano, Ferenc Puskas und Fran­cisco Gento: Das war die beste, die ich je gesehen habe. Eine der beein­dru­ckendsten Erfah­rungen meiner Kind­heit.

Sie haben La Decima“ samt und son­ders mit­er­lebt, alle zehn Tri­umphe Real Madrids im Euro­pa­pokal der Lan­des­meister und in der Cham­pions League. Wel­cher hat sie am meisten beein­druckt?
La Quinta“, der fünfte. Das 7:3 gegen Ein­tracht Frank­furt.

Das Finale von 1960 wird noch immer als eines der größten aller Zeiten ange­sehen. Erzählen Sie uns bitte davon.
Ich sah es im Fern­sehen, in Schwarz­weiß natür­lich – und hatte mit neun Jahren gerade das rich­tige Alter erreicht, um das Spiel mit extremer Lei­den­schaft zu ver­folgen. Die Ein­tracht ging in Füh­rung, das ist in einem Finale ja eigent­lich immer vor­ent­schei­dend. Doch Madrid spielte ein­fach wun­der­voll! Vor einigen Jahren habe ich die Auf­zeich­nung des Spiels bei meinem Freund, dem deut­schen Schrift­steller Paul Ingen­daay, noch einmal gesehen: Die Geschwin­dig­keit erstaunt mich immer wieder, ohne jeg­li­chen Tem­po­ver­lust mar­schierten die Spieler über die gesamten 90 Minuten. Puskas erzielte vier Treffer, Di Ste­fano drei. Noch dazu diese Kulisse von über 120 000 Zuschauern im Glas­gower Hampden Park. Meine Güte!

Was ist für Sie die inten­sivste Erfah­rung: ein Fuß­ball­spiel im Radio zu ver­folgen, im Fern­sehen oder im Sta­dion?
Am schlimmsten ist es sicher­lich am Radio, weil man dort dem Spiel seiner Mann­schaft über­haupt nicht helfen kann. Natür­lich kann man das auch nicht im Sta­dion oder vor dem Fern­seher, aber da hat man wenigs­tens die Illu­sion, helfen zu können.

Bei wel­cher Partie war Ihr Wunsch zu helfen am dring­lichsten?
Ohne Frage beim Finale von 1962, in dem Madrid 3:5 gegen Ben­fica Lis­sabon verlor. Dabei lag die Mann­schaft ja schon 2:0 in Füh­rung – und trotzdem … Ach! Eine herbe Ent­täu­schung, ich konnte die jugend­liche Rat­lo­sig­keit tage­lang nicht abstreifen.

Haben Sie mal wegen einer Nie­der­lage geweint?
Nein, so weit kam es nie. Natür­lich konnte mich ein Spiel her­un­ter­reißen, für einige Tage wirk­lich depri­mieren. Zum Bei­spiel das 0:5 gegen Johan Crui­jffs Bar­ce­lona 1974 oder jenes gegen den AC Mai­land mit Ruud Gullit, Frank Rij­kaard und Marco van Basten 1989. Doch wie bereits gesagt: Zum Glück betrifft der Fuß­ball ja nicht unser per­sön­li­ches, son­dern nur das ima­gi­näre Leben.