Als ich elf Jahre alt war, wurde ich von meinem Ten­nis­verein zwangs­ver­pflichtet. Als Ball­junge für ein Chal­lenger-Tur­nier. Chal­lenger-Tur­niere sind so etwas wie die Regio­nal­liga der Ten­nis­szene. Ich bekam einen rie­sigen Trai­nings­anzug und eine kurze Ein­wei­sung in die Arbeit eines Ball­jungen. Ich kannte keinen der Spieler, also musste ich sie erst ken­nen­lernen. Wie diesen Zwei-Meter-Mann, von dem ich nur noch weiß, dass er aus Berlin kam. Der hatte einen Auf­schlag, mit dem man Rinder erlegen konnte. In einem Spiel stand ich in meinem viel zu großen Trai­nings­anzug in der Ecke des Platzes und hatte mich gerade gedank­lich aus diesem Tennis-Tur­nier aus­ge­klinkt, als mich ein 210 km/​h‑Aufschlag in die Magen­ge­gend zurück in die Rea­lität holte. Herz­er­wei­chend, wie ich mit einem laut­losen Stöhnen zusam­men­klappte wie ein Taschen­messer und in Embryo­nal­hal­tung auf dem Boden liegen blieb. Dann geschah Fol­gendes: Die paar hun­dert Zuschauer jaulten erschro­cken auf, aus der zweiten Reihe sprang mir ein Arzt zur Erst­ver­sor­gung zur Seite und der Zwei-Meter-Mann aus Berlin sprin­tete über den Platz, um sich zu ver­ge­wis­sern, dass er mich mit seinem Bol­zen­schuss-Auf­schlag nicht umge­bracht hatte. Hel­den­haft rich­tete ich mich schließ­lich auf und trat tapfer wieder meinen Dienst an. Die Zuschauer klatschten, der Zwei-Meter-Mann zwin­kerte mir kum­pel­haft zu und schenkte mir nach dem Spiel ein Hand­tuch. Auf meinem Bauch prangte ein Ten­nis­ball-Abruck.
Es war die coolste Ver­let­zung meines Lebens.

Kein Mäd­chen, keine Frau wäre so blöd, sich bei 30 Grad vor die Kon­sole zu setzen

Es gibt nicht mehr viele Dinge im Leben, die Jungs nur ganz für sich alleine bean­spru­chen können. Mäd­chen spielen Fuß­ball, Mäd­chen mögen Rocky-Filme, Mäd­chen hauen sich sogar auf die Schnauze. Später bedienen sie sich aus unseren Kla­mot­ten­schränken und sehen trotzdem noch gut aus. Viel­leicht gibt es nur zwei Bereiche, die den Jungs ganz alleine gehören. Wahr­schein­lich weil sich Mäd­chen dafür ein­fach nicht inter­es­sieren. Nummer eins: Video­spiele. Gerade im Sommer lässt sich das wun­derbar beob­achten. Kein Mäd­chen, keine Frau wäre so blöd, sich bei 30 Grad vor die Kon­sole zu setzen und die eigene Mann­schaft im Abstiegs­kampf vir­tuell zu unter­stützen. Typen tun das. Mit Hin­gabe.

Nummer zwei: coole Ver­let­zungen. Wie gerne wollte ich früher eine Narbe auf der Wange haben, am besten so genäht wie aus der Vor­kriegs­zeit, wie die Naht eines Foot­balls. Ich hätte so unglaub­lich gefähr­lich aus­ge­sehen, allen Typen Angst gemacht und alle Mäd­chen knut­schen können! Oder noch besser: Eine Ver­let­zung, die mir von einem Fuß­baller zuge­fügt worden wäre. Mäd­chen werden das hof­fent­lich nie ver­stehen.

Charlie, wie ist denn das pas­siert?“ Cris­tiano Ronaldo hat mir den Arm gebro­chen!“

Ent­spre­chend nei­disch war ich, als ich die Mel­dung las, dass sich der elf­jäh­rige Charlie Sher­wood aus dem süd­eng­li­schen Bour­ne­mouth den Arm gebro­chen hat. Weil ihn bei einem Test­spiel seines Klubs gegen Real Madrid ein Frei­stoß von Cris­tiano Ronaldo erwischt hatte. Der Glücks­pilz. Jetzt trägt Charlie Sher­wood einen Gipsarm, hat ein von den Real-Spie­lern unter­schrie­benes Trikot geschenkt bekommen und ist auf dem Schulhof bestimmt die coolste Sau der Welt. Stolz wie ein Spa­nier wird er jetzt mit seinem zer­schos­senen Arm hau­sieren gehen. Charlie, wie ist denn das pas­siert?“ Cris­tiano Ronaldo hat mir den Arm gebro­chen. Mit einem Frei­stoß!“ Sagte ich schon, dass ich nei­disch bin?

Jamie Thomas aus Wol­ver­hampton ist 2012 ähn­li­ches Glück wider­fahren. Beim Auf­wärmen traf den damals Neun­jäh­rigen ein Schuss von Wayne Rooney. Sein Arm brach. Jamie Thomas trug einen Gipsarm, erhielt via Twitter eine Ent­schul­di­gung von Wayne Rooney und war auf dem Schulhof bestimmt die coolste Sau der Welt. Es hat sich ange­fühlt, als wäre eine Rakete gegen meinen Arm geschossen“, sagte der Steppke damals. Aber ich war begeis­tert, weil der Schuss von Wayne Rooney kam!“ Guter Junge.