Mon­sieur Eto’o, dann erzählen Sie doch mal: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie ein Tor geschossen haben? Ihr Jubel ist auffällig bescheiden, Sie wirken oft in sich gekehrt.

Samuel Eto’o: Viel­leicht werden Sie mich aus­la­chen: Wenn es ein wich­tiges Tor war, denke ich an meine Mutter. In großen Momenten habe ich immer dieses Bild vor Augen, wie sie frühmorgens im Dun­keln aus dem Haus geht, um Fisch zu ver­kaufen, weil sie die Familie durch­bringen muss. Meine Mutter hat sich für meine Brüder und mich zer­rissen. Ohne sie wäre ich nicht der Dschungellöwe auf dem Platz, der ich heute bin. Ich renne bis zum Umfallen, wer mir den Ball abjagen will, muss einen ver­dammt langen Atem haben.



Wenn Fuß­ball Kampf für Sie bedeutet, dann ist jedes Tor eine Erlösung?

Samuel Eto’o: Meine Mutter ist früher so lange auf dem Markt geblieben, bis sie das Geld zusam­men­hatte, das sie brauchte. Meine Währung sind Tore. Erst wenn wir den Krieg auf dem Platz gewonnen haben, ist Friede in mir.

Krieg und Frieden, das klingt sehr mar­tia­lisch, eher nach Boxer als nach Fuß­baller.

Samuel Eto’o: Ich bin Afri­kaner, ich komme aus New Bell, einem Armen­viertel von Douala, das ist die größte Stadt Kame­runs. Jedes Kind dort weiß, dass es über sich hin­aus­wachsen muss, wenn es einmal bis nach Europa kommen will. Du musst den anderen zeigen, dass du dich nicht bre­chen lässt, dass du ein Sieger bist. Du musst es in Afrika jeden Tag neu beweisen. Sonst kannst du Europa ver­gessen.

Was wussten Sie als kleiner Junge von Europa?

Samuel Eto’o: Nicht viel. Ich habe ein paar von euren Filmen gesehen, einer hieß Sissi“, glaube ich, der mit der schönen Prin­zessin in den Bergen. Europa war mehr eine Sehn­sucht. Die Sehn­sucht nach einer Welt, die besser ist als unsere in New Bell. Schöner, rei­cher, sicherer.

Sie waren schon mit 16 Jahren am Ziel. Real Madrid, Europas ruhm­reichster Klub, holte Sie in sein Jugend­team …


Samuel Eto’o: … ganz so ein­fach war mein Weg nicht. Es gibt da noch eine Geschichte, die wenige kennen. Als ich 14 Jahre alt war, ver­suchte ich mein Glück bei Le Havre (dama­liger französischer Erst­li­gist, Anm.). Nach dem Pro­be­trai­ning schickten sie mich wieder nach Hause. Es war eine Riesenenttäuschung für mich, denn ich wollte doch für immer in Europa bleiben. Ich bin dann zu meiner Schwester nach Paris gefahren. Mein Visum war längst abge­laufen, ich ver­steckte mich in ihrer Woh­nung. Wochen­lang habe ich gezit­tert, Europa war ein Gefängnis für mich. Ich habe mich dann irgend­wann gestellt und bin zurück nach Kamerun geflogen.

Warum wollten Sie nach diesen beklem­menden Wochen in Paris noch immer nach Europa? Sie hätten doch als Star der kame­ru­ni­schen Liga ein gutes Leben in Ihrem Hei­mat­land haben können.

Samuel Eto’o: Für uns Afri­kaner ist jeder ein Held, der es in Europa schafft, trotz aller Steine, die ihm in den Weg gelegt werden. Heute weiß ich natürlich, dass Europa kein Märchenland ist. Auch hier machen sich die Men­schen Sorgen ums Geld, um ihren Job und ihre Kinder. Das sage ich auch den Leuten, wenn ich zu Besuch in Kamerun bin. Aber viele wollen das nicht hören. Sie brau­chen etwas, von dem sie träumen können.

Wer hat Sie denn zum Träumen gebracht?

Samuel Eto’o: Roger Milla. Der schwarze Mann, der bei der WM 1990 um die Eck­fahne tanzte, diese Szenen kennt heute noch die halbe Welt. Gut, ihr Deut­schen seid damals Welt­meister geworden, aber die schönsten Bilder, die hat ein Kame­runer gelie­fert. Milla hat einen ganzen Kon­ti­nent ent­flammt mit seinen Toren und seinen Tänzen. Dieses Feuer brennt bis heute.

Ent­flammt? Wie meinen Sie das?

Samuel Eto’o: Milla hat Geschichte geschrieben, die Geschichte eines Mannes, den nie­mand auf der Rech­nung hatte, und der plötzlich zum Star der Welt­meis­ter­schaft wurde. Mit 38 Jahren! Wir Afri­kaner lieben Geschichten, in denen das Unmögliche wahr wird. Und wir erzählen sie gern ein biss­chen hel­den­hafter, als sie in Wirk­lich­keit waren.

Die WM endete auch nicht ganz so gran­dios für Kamerun …

Samuel Eto’o: …im Vier­tel­fi­nale war Schluss. Obwohl: Es war eine sehr unglückliche Nie­der­lage gegen Eng­land. Nein, es war unge­recht, es war eine Kata­strophe! Elf­meter in der Verlängerung, Gary Lineker hatte geschossen, ich weiß es noch ganz genau. Alle Kame­runer haben sich damals trotzdem wie Welt­meister gefühlt. End­lich einmal hatten wir den großen Nationen die Stirn bieten können.

Roger Milla war nach dem Spiel sogar ganz froh um die Nie­der­lage. Er sagte: Wenn wir Eng­land geschlagen hätten, wäre Afrika explo­diert. Ex-plo-diert. Es hätte Tote gegeben. Gott in seiner Güte weiß, was er tut. Ich persönlich danke ihm, dass er uns im Vier­tel­fi­nale gestoppt hat.“


Samuel Eto’o: Aus heu­tiger Sicht hat Roger Recht. Aber ich war damals neun Jahre alt, da willst du so etwas natürlich nicht hören. Wenn wir gewonnen hätten, wäre das nicht das Ergebnis eines Ent­wick­lungs­pro­zesses gewesen. Es wäre auch sport­lich eine Explo­sion gewesen. Ein lauter Knall – und nicht viel dahinter. Heute ist das ganz anders. Wir sind tau­send kleine Schritte nach vorn gegangen seit 1990. Wir können es jetzt packen.



Bis­lang waren afri­ka­ni­sche Natio­nal­teams nicht mehr als ein Ver­spre­chen – viel Talent, aber keine bedeu­tenden Erfolge bei Welt­meis­ter­schaften.


Samuel Eto’o: Ja, leider. Aber das wird sich schon bald ändern. Sie glauben gar nicht, welch eine Kraft Fuß­ball besitzt auf diesem Kon­ti­nent. Er ist viel mehr als ein Spiel, er ist ein Symbol, eine Visi­ten­karte. Fuß­ball sagt so viel aus über ein Land: Wer erfolg­reich Fuß­ball spielt, der kann nicht hin­term Mond leben, der ist modern, der wird ernst genommen.

Dann halten Sie die Deut­schen bestimmt für Trottel. Im April 2009 haben Sie mit Ihrem dama­ligen Klub Bar­ce­lona den FC Bayern 4:0 nach allen Regeln der Kunst vom Platz gefegt.


Samuel Eto’o: In der Tat, ein ange­nehmer Abend. Aber dieses eine Spiel lässt mich nicht anders über Deutsch­land denken. Ich habe in der Natio­nal­mann­schaft unter zwei deut­schen Trai­nern gear­beitet: Win­fried Schäfer, mit ihm haben wir 2002 die Afri­ka­meis­ter­schaft geholt, und Otto Pfister, der uns 2008 ins Finale führte. Also, ich kenne euch ganz gut. Der Deut­sche sagt: Wenn wir zusam­men­halten, können wir alles umstürzen. Ihr habt so einen wahn­sin­nigen Glauben an euch selbst, und am Ende gewinnt ihr meis­tens.

Unter man­gelndem Selbst­be­wusst­sein leiden Sie selbst aber auch nicht. In Bar­ce­lona hatten Sie Ärger mit Trainer Josep Guar­diola, weil Sie sich nicht immer an seine Taktik hielten und ein­fach Ihr eigenes Spiel machten. Und als klar war, dass Sie den FC Bar­ce­lona ver­lassen werden, hieß es, Sie ver­langten von Ihrem neuen Klub min­des­tens zehn Mil­lionen Euro netto im Jahr.

Samuel Eto’o: Das schreiben die Zei­tungen, ja. Wahr ist: Ich will ange­messen bezahlt werden. Wertschätzung drückt sich auch in Geld aus. Ich habe jah­re­lang dafür geschuftet, um heute in der Lage zu sein, For­de­rungen zu stellen. Inter Mai­land hat meinen Wert erkannt, sie hono­rieren mich fair. Sie haben ein gutes Geschäft mit mir gemacht.

Was macht Sie denn so wert­voll?

Samuel Eto’o: Mit Sicher­heit nicht nur meine Tore. Ein guter Stürmer ist so furchteinflößend, dass ihm immer zwei oder drei Gegen­spieler am Trikot hängen. Das schafft Platz für die anderen. Ich habe meinen Kol­legen bei Inter gesagt: Ihr habt jetzt eine kost­bare Waffe in euren Reihen. Ich kann von überall schießen, ich kann eine Partie drehen. Ich will nicht jeden Ball bekommen, ich will nur, dass ihr den Raum nutzt, den ich euch frei mache.

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Das Inter­view mit Samuel Eto’o ist zuerst erschienen in:

Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer – Die Tra­gödie des afri­ka­ni­schen Fuß­balls
176 Seiten
Geb. mit Schutz­um­schlag
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