Seite 2: Ich weinte und weinte

Später schossen mir immer mal wieder Szenen aus den letzten gemein­samen Wochen in den Kopf. Da war etwa das vor­letzte Spiel in Köln. Unser Tor­wart­trainer Jörg Sie­vers war nicht mit­ge­kommen, daher schoss ich Robert warm. Das ist unter Tor­hü­tern nicht unbe­dingt normal, doch Robert fand es offenbar gut, wie ich ihm die Bälle zuschoss, und das ehrte mich. Nach dem Ein­schießen sagte er, bei­nahe bei­läufig: Flo, du wirst hier bald deine Spiele bekommen.“ Ich ver­stand ihn damals nicht. Heute läuft es mir kalt den Rücken runter.

Vom Selbst­mord erfuhr ich am Telefon von meinem ehe­ma­ligen Mit­spieler Bas­tian Schulz. Ich kam an jenem Dienstag von einem Stadt­bummel mit meiner Frau heim. Bas­tian, dar­über macht man keine Scherze“, sagte ich. Doch dann schal­tete ich den Fern­seher an. Die flim­mernden Bilder von den Schienen in Eilvese, die Lichter, die Kameras, das Ent­setzen. Wir trafen uns am späten Abend am Sta­dion. Noch auf dem Weg dahin wollte ich es nicht glauben. Erst als ich in die Gesichter meiner Mit­spieler blickte, in diese trau­rigen Augen, kam mir die Gewiss­heit. Ich hatte den Tod bis dahin nie so nah erlebt; die Wucht war gewaltig. Als ich wieder zu Hause war, brach es aus mir raus, ich weinte und weinte, und meine Frau weinte auch.

Die kom­menden Tage ver­brachte ich in Kai­sers­lau­tern, um Abstand zu gewinnen. Als ich zurückkam, erschlug es mich fast. In den Zei­tungs­be­richten war zu lesen, dass ich die unmensch­liche Last des Enke-Erbes tragen würde. Und als ich zum Sta­dion fuhr, durch­querte ich eine trau­ernde Stadt, über die sich eine blei­erne und bei­nahe unwirk­liche Schwere gelegt hatte. Doch jeden Morgen mussten wir fest­stellen, dass es kein Alb­traum war. Auf dem Trai­nings­platz das leere Tor, in der Kabine der leere Platz. Dann gab es diese rie­sige Trau­er­ze­re­monie im Sta­dion. Dazu jeden Tag neue Berichte, neue Inter­views, neue Bilder.

Ich habe mich in dieser Zeit oft gefragt, wie man richtig mit Roberts Tod umgehen soll. Manchmal dachte ich: Er war krank, und sein Selbst­mord war sicher­lich keine Hel­dentat. Warum dachte also nie­mand an die, die unter all diesen Ein­drü­cken wei­ter­spielen oder wei­ter­leben sollen? Ande­rer­seits wusste ich auch, dass die Men­schen in Han­nover eine beson­dere Bezie­hung zu Robert hatten. Wie ver­ab­schiedet man also so eine Person, ohne dass die Weg­ge­fährten unter der Wucht zusam­men­bre­chen? Irgend­wann schal­tete ich den Fern­seher aus. Ich wollte nicht mehr an Fuß­ball denken. Und ich wollte ich mich nicht damit beschäf­tigen, dass ich nun ins Tor gehen musste. Doch die Tage ver­gingen wie im Fluge, es musste wei­ter­gehen – auch wenn wir noch lange nicht bereit waren.

Das erste Spiel fand auf Schalke statt. Vor dem Anpfiff gab es eine Schwei­ge­mi­nute, man hätte das Fallen einer Steck­nadel hören können. Später beschei­nigte man mir eine gute Leis­tung. Es hieß, ich sei der Situa­tion erstaun­li­cher­weise gewachsen gewesen. Tat­säch­lich befand ich mich im Tunnel. Es war Mas­ke­rade. Der Ver­such, mit der Situa­tion irgendwie fertig zu werden.