Seite 4: Ich habe nicht mehr funktioniert

Natür­lich ist jeder seines eigenen Glü­ckes Schmied, und ich will nicht sagen, dass ich keine Fehler gemacht habe. Trotzdem habe ich mir damals oft die Sinn­frage gestellt und hatte Exis­tenz­ängste. Wie tief sollte es noch gehen? Ich hatte ja geahnt, dass es nach Han­nover nicht ein­fach werden würde. Doch dass der Abstieg so schnell kommen würde, hätte ich nie gedacht. Auf Europa-League-Kurs mit Han­nover 2011, danach nur noch 15 Spiele und 2014 zweiter Tor­wart in der Dritten Liga.

Roberts Tod ist nun fünf Jahre her. Oft wurde ich gefragt, ob der Fuß­ball seitdem sen­si­bler geworden ist. Ich finde ja. Zumin­dest habe ich das Gefühl, dass viele Ver­eine sich Gedanken über psy­cho­lo­gi­sche Betreuung machen, und so das Thema Depres­sion nicht mehr so tabui­siert wird wie noch vor einigen Jahren. Natür­lich ist der Druck im Fuß­ball immens. Wenn du nicht funk­tio­nierst, bist du raus. Doch ist das nur im Fuß­ball so?

Ich habe offenbar nicht mehr funk­tio­niert. Jeden­falls aus Sicht meiner Trainer. Doch dass ich in Wies­baden bis­lang nicht spiele, ist die kleinste Nie­der­lage in meinem Leben. Ich habe hier wieder Freude am Fuß­ball ent­deckt. Unser Tor­wart­trainer, Steffen Vogler, sagte mir am Anfang, dass er mich nicht anhand meiner bis­he­rigen Kar­riere bewerte, nicht anhand meiner Fehler, nicht anhand des Enke-Erbes. Das gab mir ein gutes Gefühl. Viel­leicht ist diese Gelas­sen­heit etwas Posi­tives, was ich aus der ganzen Sache ziehe.

Natür­lich macht es mich ein biss­chen weh­mütig, wenn ich sehe, wie meine ehe­ma­ligen U21-Mit­spieler Manuel Neuer, Mesut Özil und Sami Khe­dira, mit denen ich 2009 Euro­pa­meister wurde, nun die WM gewinnen – doch ich kann mich auch sehr für sie freuen. Wenn mein 20-jäh­riges Ich vor mir stünde, würde es mich nicht ver­stehen. Früher dachte ich: Zeig nie­mals Schwäche, sei nie zufrieden. Heute denke ich, dass ich einen Beruf ausübe, von dem ich immer geträumt habe. Das ist doch was Gutes.

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