Seite 3: Scheiß auf Fußball!

Es folgten grau­en­hafte Wochen, wir ver­loren Spiel um Spiel, einmal sogar 0:7 gegen den FC Bayern, und plötz­lich steckten wir knie­tief im Tabel­len­keller. Ich bin mir ziem­lich sicher, wenn wir damals wirk­lich abge­stiegen wären, hätte der Verein das kaum über­lebt. Doch an den letzten zwei Spiel­tagen ver­wan­delte sich alles Pech, das wir bis dahin hatten, in Glück. Wie durch ein Wunder gewannen wir mit 6:1 gegen Glad­bach und 3:0 in Bochum. Im Ruhr­sta­dion rollten wir ein Plakat aus, auf dem stand RIP Robert“, und wir schickten unsere Grüße hinauf in den Himmel.

Ich glaube nicht an Zufälle. Ich glaube, dass alles mit­ein­ander zusam­men­hängt. Zum Bei­spiel, dass ich jetzt in Wies­baden bin, bei einem Dritt­li­gisten. Ich bin gerne hier, weil ich end­lich wieder von Men­schen umgeben bin, die an mich glauben. Doch ich weiß, dass meine gesamte Kar­riere mit Robert ver­bunden ist. Dass alles ein Stück weit mit diesem 10. November 2009 zu tun hat. Ich bin auf ewig der Tor­wart, der auf Robert Enke folgte. Der Tor­wart, der irgend­wann tief fallen musste. Wäre ich auch hier, wenn Robert noch leben würde?

Nach dem Klas­sen­er­halt spielten wir 2010/11 richtig guten Fuß­ball. Ich nahm mitt­ler­weile auch die Gespräche mit unserem Psy­cho­logen An­dreas Mar­lo­vitz wahr. Anfangs wollte ich ihn nicht treffen, denn ich dachte, ent­weder kannst du Fuß­ball­spielen oder eben nicht. Heute weiß ich: Das ist Quatsch. Er half mir sehr, er hörte mir zu, wenn ich mich aus­kotzte, er erklärte mir etwas, wenn ich Fragen hatte. Noch heute tele­fo­nieren wir mit­ein­ander. Außerdem rückten wir in diesem Jahr als Mann­schaft näher zusammen und trafen uns nun regel­mäßig privat. Ich unter­nahm häufig was mit Jan Schlaud­raff, Kon­stantin Rausch, Felix Bur­meister, Lars Stindl oder Moritz Stop­pel­kamp, wir wurden eine rich­tige Clique. Und so seltsam das klingen mag: Es waren die besten Monate meiner Pro­fi­kar­riere. Auf einmal merkte ich, dass Freund­schaft auch im schnell­le­bigen Fuß­ball­ge­schäft mög­lich ist. Doch die Zeit endete abrupt. Nach der Win­ter­pause nahm mich Mirko Slomka aus dem Tor. Er wolle der Jugend eine Chance geben, und die hieß Ron-Robert Zieler. Im Nach­hinein kann man ihn dafür nicht kri­ti­sieren, Ron ist heute Natio­nal­spieler. Doch auch ich hielt damals gut, und wir waren immerhin Vierter in der Bun­des­liga.

Viel­leicht war es ein Fehler, sofort zu wech­seln, doch damals wollte ich unbe­dingt spielen. Ich hatte ein Angebot vom FC Bologna vor­liegen, doch weil es uns dort nicht so gefiel, ent­schied ich mich für die sichere Vari­ante und wech­selte zum MSV Duis­burg. Anfangs, unter Milan Sasic, lief es noch gut, doch dann wurde er ent­lassen, und ich machte den schlimmsten Fehler meiner Kar­riere: Ich haute aus dem Mann­schafts­hotel ab, nachdem der neue Trainer Oliver Reck mir erklärt hatte, dass ich am kom­menden Wochen­ende nur auf der Bank sitzen würde. Er ver­suchte mich noch per Handy zu errei­chen, doch ich ging nicht ran. Was damals nie­mand wusste: Ich fuhr direkt zu meiner Frau, die im Kran­ken­haus lag und eine Fehl­ge­burt hatte. Fuß­ball, dachte ich da, scheiß auf Fuß­ball! In der Presse und bei den Fans war ich nun unten­durch. Ich galt als arro­ganter Egoist, der seine Mann­schaft im Stich lässt.

Danach ging ich zu Dynamo Dresden, wo man mir einen fairen Zwei­kampf mit Ben­jamin Kirsten ver­sprach. Doch Ulfs Sohn in Dresden zu ver­drängen, ist schwer. Zuge­geben: Er hielt auch gut. Die Situa­tion wurde richtig blöd, als der Klub noch einen wei­teren Tor­hüter ver­pflich­tete. Plötz­lich hatte Dynamo vier Keeper, und jeder fragte sich: Was soll das? Mir lag dann ein Angebot aus Sand­hausen vor, doch Dynamo wollte mich nicht gehen lassen. Ich ver­stand die Welt nicht mehr.