Der Fuß­ball hat seine ganz eigenen Gesetze. Eines besagt, dass Mann­schaften, die sich im freien Tabel­len­fall befinden und über kurz oder lang auf dem harten Kel­ler­boden auf­schlagen werden, gefäl­ligst mit der not­wen­digen Kata­stro­phen­stim­mung abschmieren. Mit Trai­nern, die in Frage gestellt werden oder längst ersetzt wurden, mit an Zäunen rüt­telnden Fans, mit hek­tisch durch die Kata­komben huschenden Jour­na­listen, in deren Augen der fieb­rige Glanz des Unter­gangs zu erkennen ist.

Koh­feldt mit dem Weih­nachts­mann, Rashica am Tisch­ki­cker

Und Werder Bremen? Feiert zwei Tage nach einer ent­täu­schenden 1:2‑Niederlage gegen Schalke 04, die den Klub punkt­gleich mit dem Tabel­len­sech­zehnten For­tuna Düs­sel­dorf auf Platz 14 geparkt hat, gemeinsam mit 500 Fan­club­ver­tre­tern die tra­di­tio­nelle Fan­club­weih­nachts­feier im Ost­kur­ven­saal. Auf seiner Face­book-Seite prä­sen­tiert der Verein anschlie­ßend Fotos, die 48 Stunden nach dieser Pleite irgendwie merk­würdig wirken: Flo­rian Koh­feldt neben dem Weih­nachts­mann, die Youngster Josh Sar­gent und Milot Rashica am Tisch­ki­cker, eine grüng­län­zende Werder-Weih­nachts­kugel. Oh, du Fröh­liche.

Gegen eine besinn­liche Weih­nachts­feier ist ja erstmal nichts ein­zu­wenden, auch die Weih­nachts­ku­geln sehen recht hübsch aus. Und doch steht dieser Gegen­satz aus sport­li­chem Offen­ba­rungseid und Schun­kel­stim­mung stell­ver­tre­tend für diese aus Bremer Sicht so merk­wür­dige Bun­des­liga-Saison.

Selbst­be­wusst hatte Flo­rian Koh­feldt in Ver­tre­tung für die kom­plette Füh­rungs­ebene vor der Spiel­zeit das Ziel Europa aus­ge­geben, stolz hatte der Klub auf seine ver­meint­liche schlaue Trans­fer­po­litik ver­wiesen, mit breiter Brust war die Mann­schaft in die Vor­be­rei­tung gegangen, vor­freudig stellte sich das Bremer Publikum schon auf all die rau­schenden Fuß­ball­feste ein, die man jetzt wohl wieder feiern würde. Alle Wei­chen schienen auf Erfolg gestellt zu sein. Doch dann begann die Saison.

Die Abwehr ist immer für zwei Gegen­tore gut

Nach zwölf Spiel­tagen hat Werder Bremen nur elf Punkte gesam­melt, 26 Gegen­tore kas­siert und erst zweimal gewonnen. Immerhin: Im DFB-Pokal hat der sechs­fache Sieger des Wett­be­werbs das Ach­tel­fi­nale erreicht, Anfang Februar kommt Borussia Dort­mund ins Weser­sta­dion. Und doch ver­blasst dieser Zwi­schen­er­folg bei der aktu­ellen Misere in der Liga. Zumal das Spiel gegen Schalke allen Beob­ach­tern schmerz­lich ver­deut­lichte, woran es gegen­wärtig man­gelt: Die Defen­sive inklu­sive des in dieser Spiel­zeit erschre­ckend schwa­chen Tor­warts Jiří Pav­lenka ist immer für zwei Gegen­tore gut, das an sich hoch­ta­len­tierte Mit­tel­feld hat große Pro­bleme, eine klare Linie zu finden und die Offen­sive ist froh, wenn sie sich mal im geg­ne­ri­schen Straf­raum auf­halten darf. So spielt eine Mann­schaft, die ver­un­si­chert ist und nicht weiß, wohin die Reise gehen soll.

In anderen Ver­einen stünde längst der Trainer am Pranger, aber wir befinden uns in Bremen, der Fuß­ball­stadt, die ihre größten Erfolge unter Otto Reh­hagel und Thomas Schaaf gefeiert hat. Übungs­leiter, die zusammen mehr als drei Jahr­zehnte an der Sei­ten­linie standen. Eine Ewig­keit. Groß ist die Sehn­sucht nach Erfolgen und weil man Erfolge bei Werder mit Kon­ti­nuität ver­bindet, kommt (noch) nie­mand auf die Idee, die Arbeit von Flo­rian Koh­feldt zu kri­ti­sieren. Zumal der ehe­ma­lige Tor­wart auch bei seinen Spie­lern und bei den Fans ein Stein im Brett hat, was sicher­lich auch mit seinem beson­deren Cha­risma zu tun hat, das trai­nings­an­zu­gige Bur­schi­ko­sität mit feu­er­eif­riger Men­tal­coa­chig­keit ver­bindet. Den Ergeb­nissen zum Trotz hat man das Gefühl, dass der gebür­tige Sie­gener wie Arsch auf Eimer zu den Grün-Weißen passt. Und außerdem: War es nicht Koh­feldt, der dem von argen Abstiegs­kämpfen geschlauchten Klub wieder neues Leben ein­ge­haucht hatte?

Seinen Kapitän, den Finnen Niklas Moi­sander, erin­nert Koh­feldt an einen pro­mi­nenten Trai­ner­kol­legen. Der Coach, befand Moi­sander, habe viele Eigen­schaften, die auch Louis van Gaal aus­zeich­neten. 2008/09 hatte Moi­sander unter dem Nie­der­länder die Meis­ter­schaft mit AZ Alk­maar gewonnen, der Mann weiß also, wovon er spricht. Doch ers­tens musste auch Louis van Gaal schon einige sport­liche Tief­schläge und Ent­las­sungen ver­kraften und zwei­tens hat Wer­ders sport­liche Krise auch mit Moi­sander zu tun. Gemeinsam mit Fin Bar­tels, Niclas Füll­krug, Kevin Möh­wald und Ömer Toprak gehört er zu jenen Lang­zeit­ver­letzten, die in Wer­ders Kader Lücken rissen, für die Koh­feldt ein­fach keine anstän­dige Füll­masse gefunden hat. So eine lange Ver­letz­ten­liste ist ärger­lich. Gehört aber zum Pro­fi­fuß­ball nun einmal dazu. Wer es in der Bun­des­liga unter die besten sieben, acht Mann­schaften schaffen will, braucht dop­pelte Böden, um einen freien Fall, wie ihn die Bremer aktuell erleben, recht­zeitig auf­zu­fangen.

In anderen Klubs hätte der Baum gebrannt

Es liegt also viel im Argen beim Deut­schen Meister von 2004, der seine Anhänger doch eigent­lich mal wieder mit dem Kampf um den Euro­pa­pokal beglü­cken wollte, statt die Zunei­gung der Fans erneut auf die Probe zu stellen. Am Montag fand in Bremen die Jah­res­haupt­ver­samm­lung statt. In Gel­sen­kir­chen oder Frank­furt hätte eine JHV zu diesem Zeit­punkt bei diesem Tabel­len­stand der Weih­nachts­baum gebrannt, bei Werder ver­kün­deten sie statt­dessen stolz einen Rekord­um­satz und alle applau­dierten artig. Was in Ord­nung war. Und doch fragten sich hin­terher viele, warum die Klub­füh­rung so vor­sichtig das heikle Thema Abstiegs­kampf umschiffte, oder nicht ein Wort dar­über ver­loren wurde, dass zwei Schalker – Vater und Sohn – am Rande des Punkt­spiels von Werder-Hools zusam­men­ge­schlagen wurden.

Werder ver­sucht, Ruhe zu bewahren. Das muss man in diesen stür­mi­schen Zeiten erstmal hin­be­kommen. Wenn am Ende doch noch alles gut wird, Bremen einen Lauf bekommt und die Saison unter den ersten Zehn beendet, wird man die Ver­eins­füh­rung für so viel Eis in der Blut­bahn loben und mal wieder auf die intakte Werder-Familie ver­weisen. Geht diese Taktik nicht auf, muss der Klub erneut eine Spiel­zeit im Tabel­len­keller ver­bringen, haben es alle besser gewusst, die jetzt den ver­meint­li­chen Kuschel­kurs kri­ti­sieren und unter den besinn­li­chen Weih­nachts­ku­gel­fotos Posts hin­ter­lassen, in denen die Spieler auf­ge­for­dert werden, sich gefäl­ligst im Trai­ning den Arsch auf­zu­reißen, statt Zeit am Tisch­ki­cker zu ver­bringen.

Ein Geschenk aus Finn­land

Wei­n­achten ist bekannt­lich die Zeit der Besinn­lich­keit, der gemeinsam genos­senen Ruhe und kusche­ligen Pause vom harten All­tags­stress. Aber auch die Zeit, in der sich die meisten Fami­lien zer­streiten, weil end­lich mal Zeit ist, die Gründe für den harten All­tags­stress zu ana­ly­sieren. So weit ist man in Bremen noch nicht, hier ver­packt man erstmal die Geschenke: Am Montag gab der Verein die Ver­trags­ver­län­ge­rung mit Kapitän Moi­sander bekannt. Bis Hei­lig­abend sind es ja noch knapp vier Wochen.