Karl-Heinz Riedle, Sie haben über 400 Pro­fi­spiele gemacht, 1990 wurden Sie mit der deut­schen Natio­nalelf Welt­meister und holten mit Borussia Dort­mund sieben Jahre später die Cham­pions League. Wel­ches waren die Spiele Ihres Lebens?

Das Halb­fi­nale bei der WM 1990 gehört auf jeden Fall dazu. Die Partie war nicht beson­ders gut. Wir haben nicht unbe­dingt stark gespielt und es war grund­sätz­lich kein hoch­klas­siges Spiel. Aber es war dra­ma­tisch, weil es gegen unsere alten Rivalen Eng­land ging und am Ende im Elf­me­ter­schießen ent­schieden werden musste.

Sie haben den Elf­meter zum zwi­schen­zeit­li­chen 4:4 ver­wan­delt. Haben Sie sich frei­willig gemeldet oder hat Franz Becken­bauer die Schützen bestimmt?

Für mich per­sön­lich war es eine Pre­miere. Ich hatte noch nie zuvor einen Elf­meter geschossen, weder in der Bun­des­liga, noch in der Natio­nal­mann­schaft. Der Franz hat rum­ge­fragt und keiner hat sich so richtig gemeldet. Irgend­wann habe ich dann für mich ent­schieden: Gut, bevor jetzt jemand anderes ver­schießt, mach ich es doch lieber selber. Ich war mir eigent­lich auch zu hun­dert Pro­zent sicher, dass ich ihn rein­ma­chen werde.

Gab es in Ihrer Kar­riere ähn­liche wich­tige und auf­re­gende Momente wie jene paar Sekunden vor dem Elf­me­ter­schuss?


Ich habe bei Lazio Rom dann auch ein paar Elf­meter geschossen, und soweit ich mich erin­nern kann auch nur einen ver­schossen. Jeder Elf­meter ist so ein Moment, wo man vorher ziem­lich auf­ge­regt ist. Man hat ein­fach so viel Zeit zum Über­legen, nicht wie bei Toren aus dem Spiel heraus, wo man sich relativ schnell ent­scheiden muss.

Hatten die Eng­länder eigent­lich schon damals den Ruf, beim Elf­me­ter­schießen nicht unbe­dingt die Stärksten zu sein?

Ja, dieser Ruf hat sie ja über die ganzen Jahre begleitet.

Bei dem Tur­nier waren Sie hinter Jürgen Klins­mann und Rudi Völler nur Stürmer Nummer drei. Wie tief sitzt die Ent­täu­schung, beim Finale nicht aktiv mit­ge­wirkt zu haben?

Dar­über war und bin ich über­haupt nicht ent­täuscht. Ich war damals noch jung und hatte gerade einmal ein, zwei gute Sai­sons bei Werder Bremen gespielt. Damals war das ein­fach so, dass Jürgen und Rudi mir noch ein Stück voraus waren. Das habe ich auch akzep­tiert. Aber klar wäre es schön gewesen, wenn man im Finale gespielt hätte. Naja, Welt­meister bin ich trotzdem geworden.

Paul Gas­coigne ver­goss wäh­rend des Spiels bit­tere Tränen, weil er wegen seiner zweiten Gelben Karte für das Finale gesperrt gewesen wäre. Haben Sie das mit­be­kommen und konnten Sie mit­fühlen?

Ja, ich habe später mit ihm ja noch ein Jahr bei Lazio zusam­men­ge­spielt. Er war ein abso­luter Aus­nah­me­spieler und ist schon immer sehr emo­tional gewesen, auch auf dem Platz. Das tat mir sehr Leid für ihn und ich konnte gut mit ihm mit­fühlen, in solch einem Spiel so bestraft zu werden.

» Seite 2: „ Lars Ricken hat sie dann gekillt“ – Karl-Heinz Riedle über das Cham­pions-League-Finale von 1997
Lassen Sie uns über das Cham­pions-League-Finale von 1997 spre­chen. Juventus war Titel­ver­tei­diger und galt als Favorit. Was gab damals den Aus­schlag zugunsten des BVB?

Turin war hoch favo­ri­siert, das stimmt. Wir hatten auf dem Platz eigent­lich gar keine Chance – und die haben wir genutzt. Wir hatten auch Glück am Anfang, es hätte auch 2:0 für Juve stehen können. Dann hatten wir zwei magi­sche Momente. Und wenn du erstmal 2:0 zur Pause hinten liegst, dann wird es natür­lich auch für so ein Spit­zen­team, wie es Juventus damals war, sehr schwer. Sie kamen zwar noch mal auf 2:1 ran, aber das Tor von Lars Ricken hat sie dann gekillt.

Apropos magi­sche Momente und Lars Ricken. Wie haben Sie den his­to­ri­schen Treffer zum 3:1 erlebt?

Ich war zu dem Zeit­punkt schon draußen. Ich hatte mir näm­lich den Zeh gebro­chen und mir schon in der Halb­zeit wegen rie­sigen Schmerzen eine Spritze geben lassen müssen. Im Laufe der Zeit ist der Zeh dann aber so stark ange­schwollen, dass ich irgend­wann raus musste. Für mich kam Heiko Herr­lich, drei Minuten später kam Lars für Chappi. Also saß ich im Prinzip gerade erst, als Lars diese groß­ar­tige Szene hatte und den Ball über den Tor­wart lupfte. Das war sen­sa­tio­nell.

Sie erzielten die ersten beiden Treffer für den BVB, jeweils nach hohen Bällen von außen. Typisch?

Wir hatten in den beiden Situa­tionen ein­fach das Glück, dass die Abwehr von Juventus zweimal geschlafen hat. Es stimmt schon, wir waren beson­ders nach Flanken gefähr­lich, konnten aber auch aus jeder anderen Situa­tion Tore erzielen.

Es gibt die schöne Anek­dote, dass Sie in der Nacht vor dem Spiel geträumt haben, dass Sie zwei Tore schießen würden. Eins mit dem linken Fuß und eins mit dem Kopf – wie es auch tat­säch­lich geschehen ist. Ist das wirk­lich wahr?


Ja, als ich das erste Tor geschossen hatte, dachte ich, dass ich noch gar nicht aus meinem Traum erwacht bin. Und dann habe ich beschlossen, ein­fach weiter zu träumen. Mir kam das alles selbst sehr komisch vor.

Das 2:0 war eines Ihrer berüch­tigten Kopf­ball­treffer. Was war Ihr Geheimnis, dass Sie trotz Ihrer Größe von nur“ 1,79 Meter zu den welt­besten Kopf­ball­spie­lern zählten?

Ich war in meinen jungen Jahren ein All­round­sportler und unter anderem auch ein guter Leicht­athlet. Zu dieser Zeit habe ich auch ein biss­chen Hoch­sprung gemacht, wodurch ich wahr­schein­lich meine gute Sprung­kraft habe und die Gabe, lange in der Luft zu stehen. Auch den kraft­vollen Absprung und das rich­tige Timing habe ich da gelernt.

War es eigent­lich etwas Beson­deres, aus­ge­rechnet im Mün­chener Olym­pia­sta­dion den Titel zu holen?

Nein, das war mir völlig wurscht.