Bjarne Mädel, wie oft haben Sie in den ver­gan­genen Monaten die Schlag­zeile Uwe Seeler sorgt sich um seinen HSV“ gelesen?
Viel zu oft. Aber er hat ja recht. Leider.

Warum?
Der HSV will ein Luxus­schlitten sein: geile Optik und richtig teuer. Was fehlt, ist der Motor.

Sport­di­rektor Oliver Kreuzer sprach von zu viel Gucci“ im Kader. Fehlt den Spie­lern von heute die Demut?
Einigen, ja. Aber eine Mann­schaft braucht ver­schie­dene Typen. Sie braucht einen lau­ni­schen Super­star, sie braucht aber auch einen Heiko Wes­ter­mann. Der läuft sich die Lunge aus dem Leib, trägt die Raute mit Stolz und kommt ziem­lich geerdet rüber. In einem sonst eher gesichts­losen Team bietet er Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­zial, obwohl er fuß­bal­le­risch im Spiel nach vorne … (Pause) ein wenig limi­tiert ist.

Wird mit Bert van Mar­wijk alles gut?
Er ist unter allen Kan­di­daten die beste Lösung gewesen. Und ich bin mir sicher, dass diese Mann­schaft auf Dauer keine kum­pe­ligen Trainer wie Thomas Doll oder Thorsten Fink ver­trägt. Sie braucht Typen wie Martin Jol oder eben einen Bert van Mar­wijk.

Sie sind Jahr­gang 1968 und haben die große Zeit des HSV mit­er­lebt. Was unter­scheidet den motor­losen HSV von dem der gol­denen Jahre?
Der HSV der späten Sieb­ziger und frühen Acht­ziger war mir sym­pa­thi­scher. Er war nahbar.

Nicht auch arro­gant?
Fand ich über­haupt nicht. Ich habe mir jeden­falls oft vor­ge­stellt, wie ich mit Manni Kaltz abends ein Bier trinken gehe.

Auch mit Ernst Happel oder Dr. Peter Krohn?
Die umgab eine kalte Aura. Happel war ein Fach­mann und Erfolgs­trainer, aber für Außen­ste­hende irgendwie furcht­ein­flö­ßend. Mir haben schon dieser Dia­lekt und die Augen­brauen Angst gemacht. Doch auch bei Brea­king Bad“ gibt es unan­ge­nehme Figuren, aber trotzdem – oder gerade des­halb – ist es ja eine coole Serie. 

Aber Fuß­ballfan zu sein war damals nicht cool.
Ich mochte dieses Raue immer. Diese rie­sige Beton­schüssel des Volks­park­sta­dions, die gefühlt drei Stunden von jedem Ort in Ham­burg ent­fernt lag und in der es immer geregnet hat. Damals war Fuß­ball Kampf – auch für die Fans. 

Haben Sie im Sta­dion mal geweint?
Einmal. Das muss in der Saison 1979/1980 gewesen sein. Der HSV verlor unglück­lich die Meis­ter­schaft und es war sicher, dass Kevin Keegan den Verein wieder ver­lassen würde. Ich stand in der West­kurve und sah, wie hun­derte erwach­sene Männer heulten – da machte ich ein­fach hem­mungslos mit.

Mitte der Acht­ziger sind Sie ins hes­si­sche Fried­berg gezogen. Konnten Sie dort mit dem HSV angeben?
Da trug ich mein Fantum nicht son­der­lich zur Schau, aber dort gab es ein ein­schnei­dendes Erlebnis: Ich been­dete meine aktive Fuß­ball­kar­riere.

Wie kam’s?
Ich habe in meiner Jugend viele Jahre beim TSV Reinbek (Klub im Ham­burger Osten, d. Red.) gespielt. Wir waren ein ein­ge­schwo­rener Haufen. In Hessen mel­dete ich mich bei einem neuen Verein an, doch da war alles anders. Nach dem ersten Trai­ning stand ich unter der Dusche und spürte auf einmal einen warmen Strahl an meiner Wade. Ich drehte mich um und sah, wie mich ein Mit­spieler anpin­kelte – ein Ritual für die Neuen. Tags darauf habe ich mich abge­meldet, das war nicht mein Humor.

Immerhin hätten Sie bei­nahe mal ein Come­back auf dem Rasen hin­ge­legt. Sie sollen in der End­aus­wahl für das Wunder von Bern“ gestanden haben.
Als ich hörte, dass Sönke Wort­mann Neben­dar­steller für die deut­sche Mann­schaft sucht, habe ich mich um die Rolle des Jupp Posipal beworben. Bis in die letzte Cas­tin­grunde habe ich es geschafft. Wort­mann hat für die Fuß­baller – mit Aus­nahme der Haupt­dar­steller – aller­dings keine Schau­spieler gesucht, son­dern semi­pro­fes­sio­nelle Kicker. Und so wurde in der Kabine vor meinem Auf­tritt erfragt, wo man spiele. Die anderen Jungs ant­wor­teten: Beim 1. FC Kai­sers­lau­tern.“ Oder: Bei der SpVgg Greu­ther Fürth.“ Das waren alle­samt aus­trai­nierte Nach­wuchs­spieler! Als sie mich fragten, wo ich spiele, sagte ich: In Ham­burg. Im Schau­spiel­haus.“

Trotz Ihrer Erfolge als Schau­spieler haben Sie mal gesagt, dass Sie immer noch wie ein Stu­dent leben. Würden Sie nicht gerne mal einen Tag mit Mario Balo­telli tau­schen?
Und dann mit einem Camou­flage-Renn­wagen durch die Stadt heizen? Die mate­ri­ellen Dinge der Profis inter­es­sieren mich über­haupt nicht, aber deren medi­zi­ni­sche Betreuung würde ich gern genießen. Ich bin mal vor einer Auf­füh­rung mit starken Wir­bel­schmerzen zu Ros­tocks Mann­schafts­arzt gegangen, der den Satz Ich muss am Samstag spielen“ kannte. Er renkte ein und gab mir Schmerz- und Vit­amin­spritzen. Danach bin ich wie neu­ge­boren aus der Praxis geschwebt.

Sie träumen also nicht davon, mal vor 60 000 Zuschauern in ein Sta­dion ein­zu­laufen?
Ich habe mal bei Stefan Raabs Eis­ho­ckey-Fuß­ball mit­ge­macht, da waren immerhin 20 000 Zuschauer. Klar war das auf­re­gend. Und ich habe dabei ein gewisses Ver­ständnis für Profis ent­wi­ckelt, die so etwas über Jahre jede Woche erleben.

Was haben Sie denn ver­standen?
Dass man irgend­wann ziem­lich dicke Eier bekommt, wenn Zehn­tau­sende unent­wegt deinen Namen schreien.