Seite 2: Das Problem mit den Kleinen

Wenn die Defen­siv­ak­teure um Declan Rice den Ball erobern, geht es bei West Ham schnell. Gesucht wird dann in vor­derster Front Michail Antonio. Als Ziel­spieler agiert er in erster Linie als Voll­stre­cker. Genauso ent­schei­dend ist aber, dass der jamai­ka­ni­sche Natio­nal­spieler in der Umsch­walt­be­we­gung die Räume für seine Kol­legen öffnet, indem er immer wieder die Ver­tei­diger bindet. Mit seinen weiten Lauf­wegen zeigt sich der Stürmer ähn­lich mann­schafts­dien­lich wie Declan Rice. Der Lohn: Bereits vier Treffer konnten die Ham­mers durch Konter erzielen. Aktuell hat kein Team der Liga mehr Tore nach diesem Prinzip geschossen.

Obwohl die Ham­mers mit dieser Taktik den Liga-Favo­riten aktuell rei­hen­weise die Grenzen auf­zeigen, reicht es noch nicht für den Sprung nach ganz oben. Denn mit den ver­meint­lich leich­teren Geg­nern bekommt die Mann­schaft des Öfteren ihre Pro­bleme – so wie beim 0:0 in Burnley, der Nie­der­lage gegen Auf­steiger FC Brent­ford oder dem Remis gegen Brighton & Hove Albion. Teil­weise ging das Team in diesen Spielen zu ver­schwen­de­risch mit seinen Mög­lich­keiten um. Die Wahr­heit ist aber auch, dass die Ham­mers beson­ders gegen tief ste­henden Mann­schaften ihren cha­rak­te­ris­ti­schen Kon­ter­fuß­ball nicht auf den Platz bringen konnten.

Was Moyes zudem frus­trieren wird, ist, dass seine Jungs schon mehr­mals Punkte in den Schluss­mi­nuten ver­schenkt haben. Gegen Man­chester United fiel der Sieg­treffer für die Red Devils in der 89. Minute, Brent­ford erzielte zwei Wochen später das ent­schei­dende Tor in der Nach­spiel­zeit und auch beim 1:1 gegen Brighton kas­sierten die Ham­mers den Gegen­treffer erst eine Minute vor Ablauf der regu­lären Spiel­zeit. Hätte die Mann­schaft sich diese Nach­läs­sig­keiten gespart, würde sie sich nicht nur im Kampf um die Cham­pions-League-Plätze befinden, son­dern hätte even­tuell auch ins Titel­rennen der Pre­mier League ein­greifen können.

Dau­er­haft in die Spitze dank Vor­aus­sicht bei Rice

Declan Rice dürfte früher oder später defi­nitiv um den Titel mit­spielen – und das unab­hängig von seinem aktu­ellen Arbeit­geber. Denn die Top-Klubs der Liga stehen mitt­ler­weile Schlange, um West Hams Abräumer zu ver­pflichten. Summen von über 100 Mil­lionen Euro sind im Gespräch. Doch der Verein denkt über­haupt nicht daran, den Mit­tel­feld­mann ziehen zu lassen. Denn in der Füh­rungs­ebene prägt den ehe­ma­ligen Chaos-Klub in den letzten Jahren eine gewisse Vor­aus­sicht und Kon­stanz. Bereits 2018 unter­schrieb Aca­demy-Spieler Rice ein Arbeits­pa­pier bis 2024 – mit Option auf ein wei­teres Jahr. Damals düm­pelte West Ham im Nie­mands­land der Tabelle. Vom Top-Team konnte in Ost-London noch nicht wirk­lich die Rede sein. Doch Rice schien schon damals das Poten­zial und die Ent­wick­lung zu erkennen. Bei der Ver­trags­un­ter­schrift erklärte er: Es gibt keinen Grund, wes­halb wir nicht an der Spitze mit­halten können.“

Damit lag er zunächst gründ­lich daneben, denn kaum ein Jahr später schlit­terte West Ham tief in den Abstiegs­kampf hinein. Rück­bli­ckend wirken die dama­ligen Worte des eng­li­schen Natio­nal­spie­lers aber ohnehin eher wie ein Ver­spre­chen an die Zukunft, das die Mann­schaft unter David Moyes nach und nach ein­zu­lösen beginnt. Aktuell ist Declan Rice welt­weit der wert­vollste Spieler, der noch nie in der Königs­klasse auf­ge­laufen ist. Wenn es den Ham­mers künftig jedoch gelingen sollte, in der Liga auch die ver­meint­lich kleinen Gegner zu schlagen und zusätz­lich schwie­rige Par­tien dre­ckig über die vollen 90 Minuten zu bringen, könnte sich das Schicksal des Mit­tel­feld­mannes bereits in der kom­menden Spiel­zeit ändern. Dann ertönt die Cham­pions-League-Hymne mög­li­cher­weise auch im London Sta­dium – und West Ham United zählt im eng­li­schen Fuß­ball end­gültig zu den Top-Adressen.