Das Inter­view erschien erst­mals in Aus­gabe #227 und ist hier im Shop erhält­lich.

Kida Khodr Ramadan, spielen Sie noch Fuß­ball?
Gar nicht mehr, ich bin so schnell aus der Puste. Aber als Kind habe ich natür­lich gespielt, bei Rot-Weiß Neu­kölln am May­bach­ufer. Meine beiden Brüder waren aller­dings viel besser. Einer ist in die Fuß­stapfen meines Vaters getreten und wurde liba­ne­si­scher Natio­nal­spieler. Ich bin meist hin­ter­her­ge­laufen.

Warum haben Sie auf­ge­hört?
Bruder, ich fasse eine Sache nicht an, wenn ich weiß, dass ich nicht der Beste in dieser Dis­zi­plin werden kann. Ich will nicht einer von vielen sein.

Waren Sie nei­disch, dass Ihre Brüder so gut waren?
Nee, das war echt okay. Ich war ein biss­chen nei­disch auf ihre Sport­ta­schen, auf die neue Aus­rüs­tung. Meinen kleinen Bruder habe ich immer zu den Spielen begleitet, als er zu Tür­ky­em­spor wech­selte. Die waren damals in Berlin eine große Nummer. Als er dort die Tore schoss, stand ich am Sei­ten­rand und war richtig stolz.

Hat das Thema Fuß­ball die Familie Ramadan beherrscht?
Auf jeden Fall. Wir waren alle Bayern-Fans und haben jedes Spiel geguckt. Nur mein Vater war Anhänger vom 1. FC Köln, weil er Icke Häßler und Pierre Litt­barski so ver­ehrt hat. Litti fand ich auch klasse, die Dribb­lings, aber Bayern war besser.

Wer war Ihr Lieb­lings­spieler?
Søren Lerby, kein Zweifel. Er war ein Kämpfer, trug keine Schien­bein­schoner. Dann gab es noch Jürgen Weg­mann, die Kobra. Und Jean-Marie Pfaff – ich war halt ein Kind.

Und heute?
Franck Ribery, den feiere ich. Und mal ganz ehr­lich: Robert Lewan­dowski ist ein­fach besser als Ronaldo und Lionel Messi. Er ist effek­tiver, und darum geht’s doch beim Fuß­ball, oder nicht?

Sie ziehen also das Tore­schießen der Kunst vor.
Ich bin ganz ehr­lich: als Trainer würde ich Lewan­dowski immer den anderen beiden vor­ziehen. Weil er Tore schießt. Ich brauche nie­manden, der noch einen Haken schlägt, noch einen Trick macht. Lieber einen Spieler wie Carsten Jancker – der drückt die Dinger ins Tor.

Ihre Aus­wahl ist sehr von Spie­lern des FC Bayern geprägt.
Sei dir sicher, ich schaue alles. Früher habe ich Pani­ni­bilder gesam­melt, habe alle Mann­schaften aus­wendig gelernt, ich wollte damit unbe­dingt zu Wetten, dass…?”. Ich wusste, wo die Spieler vorher gespielt hatten, welche Rücken­num­mern sie trugen. Ich war fixiert auf Pani­ni­hefte.

Und die Bilder? Wurden die fein säu­ber­lich ein­ge­klebt?
Wenn meine Familie schlafen ging, schlich ich in die Küche. Dann habe ich ein Licht ange­macht und die Bilder her­vor­ge­kramt. Es war so: Als Kind konnte ich mir die Tüt­chen nicht leisten, das Geld hatte meine Familie nicht. Also habe ich auf dem Schulhof den rei­chen Kin­dern die dop­pelten Bilder abge­schwatzt. Hier, den brauchst du doch nicht”, habe ich gesagt, den hast du doch fünf Mal. Gib ihn mir.” So habe ich mein Heft langsam voll bekommen. Und dann saß ich also nachts da, wenn ich meine Ruhe hatte und habe mein Geo­dreieck so ange­legt (legt seinen Zei­ge­finger flach auf den Tisch), dass ich ent­lang der Kante die Bilder auf­kleben konnte.

Was ist mit den Heften pas­siert?
Ich habe sie alle noch. Etwa zwölf Stück. Letzte Woche hat mich der Rapper Jack Orsen, mit dem ich als Kind gemeinsam in Kreuz­berg gesam­melt habe, auf die Hefte ange­spro­chen. Er wollte sie gerne haben. Aber meine Pani­ni­hefte gebe ich nicht her.

Schauen Sie liba­ne­si­schen Fuß­ball?
Es gibt zwei Klubs: Nejmeh und al-Ansar. Zwi­schen denen ent­scheidet man sich nor­ma­ler­weise, ich fie­bere da nicht richtig mit. Die Spiele der Natio­nal­mann­schaft schaue ich mir häu­figer an. Beim Ver­band haben sie mitt­ler­weile ver­standen, dass sie die Söhne der Migranten nomi­nieren können. Spieler aus Schweden, Aus­tra­lien, Deutsch­land. Mein Neffe spielt dort auch mit. Das habe ich gere­gelt.

Wie das?
Nach dem Erfolg von 4 Blocks haben mich einige liba­ne­si­sche Poli­tiker ange­rufen, und mir zu unserem Erfolg gra­tu­liert. Auch Prä­si­dent Michel Aoun. Dem habe ich gesagt, dass ich einen Kon­takt zum liba­ne­si­schen Sport­mi­nister bräuchte. Mein Neffe, Omar Bugiel, spielt für Sutton United in der vierten eng­li­schen Liga. Und das wäre doch einer, den man sich mal anschauen sollte. Der sieht so aus wie ich – wiegt nur 30 Kilo weniger. Zwei Wochen später wurde er nomi­niert.