SPIELE UNSERES LEBENS

Der Text ist erst­mals im neuen 11FREUNDE-SPE­ZIAL Spiele unseres Lebens“ erschienen. Im Heft erzählen wir von ver­ges­senen Kra­chern und epi­schen Schlachten. Von Spielen wie dem 6:6 zwi­schen Schalke und Bayern, in dem Olaf Thon über Nacht zum Helden wurde. Das Heft gibt es im Kiosk. Oder direkt bei uns im Shop.

Mag­de­burg – Schalke 4:2 (UEFA Cup, 2. Runde, 1977)

Die Reise nach Mag­de­burg mussten wir uns vom DDR-Außen­mi­nis­te­rium geneh­migen lassen. Von denen bekamen wir auch zwei jour­na­lis­ti­sche Begleiter“ zur Seite gestellt, die waren natür­lich von der Stasi. Deren Ein­satz musste sogar vom ZDF bezahlt werden, ansonsten hätten wir keine Ein­rei­se­er­laubnis erhalten. Am Grenz­über­gang in Her­le­shausen kon­trol­lierten uns die Beamten stun­den­lang. Die blät­terten sogar den Jah­res­ki­cker durch, den wir brauchten, weil darin neben dem von Schalke auch der Kader des 1. FC Mag­de­burg stand. Im Inter­hotel Mag­de­burg mussten wir dann unter­schreiben, dass wir keinen Kon­takt zu DDR-Bür­gern auf­nehmen würden. Ich hatte solche Angst vor Kon­se­quenzen, dass ich mich an alle Vor­gaben hielt. 

Das Spiel gewann Mag­de­burg 4:2. Jürgen Spar­wasser, der schon 1974 gegen die BRD getroffen hatte, schoss drei Tore. Kurz vor Abpfiff war die Angst ver­flogen, ich sagte zu meinen Stasi-Beglei­tern aus Berlin: Ich muss den Rüss­mann inter­viewen, der wurde von eurem Spar­wasser ja schwin­delig gespielt.“ Die haben das akzep­tiert und ich bin runter hinter das Tor zu meinem Kame­ra­mann Axel Mewes. Ihm sagte ich, er solle sofort drauf­halten, wenn Spar­wasser vom Platz käme. Ich wollte ihn nicht über­fallen und habe mich als ZDF-Reporter vor­ge­stellt, da sah ich die beiden Männer mit Mantel und Hut aus dem Augen­winkel schon im Lauf­schritt näher­kommen. Also legte ich schnell los, stellte eine Warm-up-Frage und fragte Spar­wasser nach seiner Gefühls­lage. Er ant­wor­tete: Das ist natür­lich eine schöne Sache. Und ich glaube, da müsste es jetzt mal eine gute Prämie geben – ich glaube ein Kühl­schrank ist drin.“ 

In dem Moment standen die beiden Leute neben mir und for­derten das Film­ma­te­rial. Ich sagte zu meinem Kame­ra­mann: Axel, gib die Film­dose raus.“ Der ver­stand sofort und holte eine Dose aus der Kiste, in der die leeren Filme waren. Das haben die beiden nicht kapiert. Nach dem Spiel sind wir so schnell es ging wieder rüber­ge­fahren. Als wir west­deut­schen Boden unter den Füßen hatten, war ich enorm erleich­tert. 

Jahre später bekam ich für ein Film­pro­jekt Ein­sicht in meine Stasi-Akte. Darin stand: Töp­per­wien, Rolf. ZDF-Fuß­ball­re­porter. Poli­tisch unin­ter­es­sant. Jour­na­lis­tisch nicht ein­zu­fangen.“

Schalke – FC Bayern 6:6 n.V. (DFB-Pokal, Halb­fi­nale, 1984)

Als ich im Sta­dion ankam, wurde ich von den beiden Bild“-Redakteuren Jörg F. Hüls und Alfred Draxler mit den Worten begrüßt: Na, Kol­lege Töp­per­wien, auch gut vor­be­reitet?“ Ich ant­wor­tete: Nicht nur mit der Bild‘, ich habe auch die Buer­sche Zei­tung‘ gelesen.“ Die kannte ich eigent­lich nur, weil die eine kleine Wer­bung auf der Schalker Anzei­ge­tafel geschaltet hatten. In der Aus­gabe vom Spieltag hatte ich eine Geschichte über Olaf Thon gelesen, der einen Tag zuvor 18 Jahre alt geworden war. In dem Artikel stand unter anderem, dass Thon von Kin­des­beinen an Bayern-Fan sei und sogar in rot-weißer Bett­wä­sche schlafen würde. Ich wollte den beiden Bild‘-Matadoren eigent­lich nur einen Spruch drü­cken und dachte im Leben nicht, dass ich diese Info brau­chen würde. 

Dann schoss Olaf Thon tat­säch­lich drei Tore, das letzte in der Nach­spiel­zeit der Ver­län­ge­rung zum 6:6. Und dann brach alles zusammen, die Anhänger stürmten jubelnd auf den Platz, und ich wollte natür­lich den Kleinsten haben. Ich habe inmitten der fei­ernden Men­schen gebrüllt: Holt mir den Thon!“ Wie ich verbal und mit Kör­per­ein­satz gekämpft habe, war alles schon live auf Sen­dung. 

Im Inter­view outete ich Thon dann deutsch­land­weit als Bay­ernfan. Er sagte später einmal, dass er sich über­rum­pelt gefühlt habe, weil eigent­lich nur seine Eltern von der Bett­wä­sche wussten – und die Buer­sche Zei­tung“