In der 15. Minute der Begeg­nung Lok Leipzig gegen Union Fürs­ten­walde ver­letzt sich Lini­en­richter Stefan Prager am Sprung­ge­lenk. Die anwe­senden Phy­sio­the­ra­peuten können ihn auf die Schnelle nicht wieder auf­päp­peln. Also muss Ersatz her. Schließ­lich meldet sich René Grübel, 39, aus Lob­städt.

Herr Grübel, Sie sind lei­den­schaft­li­cher Ama­teur­schieds­richter und waren maximal in der Lan­des­liga als Lini­en­richter unter­wegs. Was ging Ihnen durch den Kopf, als der Sta­di­on­spre­cher nach Hilfe fahn­dete?

In der Ver­let­zungs­pause hatten meine Kum­pels und ich schon über meinen Ein­satz gewit­zelt. Und als der Aufruf kam, sagten meine Freunde: So, jetzt bist du dran“. Also bin ich, ohne nach­zu­denken, direkt runter zum Ordner gegangen.

Hatte Sie keine kleinen Zweifel?

Nein, in dem Augen­blick nicht.

Wie ging es dann weiter?

Es waren noch zwei andere Schieds­richter privat dort. Der eine war Mit­glied bei Lok, fiel also weg, und der andere pfiff tiefer als ich. Als meine Per­so­na­lien über­prüft waren, ging’s kurz in die Kata­komben und dann stand ich auch schon in den zusam­men­ge­borgten Schieds­richter-Kla­motten am Spiel­feld­rand.

Wie reagierte das Publikum auf Sie?

Erstmal gab’s Applaus vom gesamten Sta­dion. Und die Leute direkt hinter mir, einige kennen mich dadurch, dass ich gele­gent­lich bei Lok zuschaue, haben immer wieder Sprech­chöre wie ohne Lob­städt wäre hier gar nichts los“ ange­stimmt. Da musste ich schmun­zeln und mir das Lachen ver­kneifen. Oder: René, René, wink einmal.“ Nix nega­tives. Der ganze Tag war ein­fach ver­rückt für mich.

Stehen Sie gerne im Mit­tel­punkt?

Über­haupt nicht, ich bin mehr der stille Beob­achter. Vor­neweg mar­schieren ist eigent­lich gar nicht mein Ding, auch wenn ich Berufs­soldat bin. Das war in dem Moment für mich kom­plettes Neu­land. 3.300 Zuschauer: Ist schon eine Haus­nummer. Außerdem war eine Fern­seh­ka­mera per­ma­nent auf mich fixiert. Das ist dann schon komisch. Wenn du an der Eck­fahne stehst und neben dir liegt die Kamera und nimmt dich in Groß­auf­nahme auf. Ich fand es schon ein biss­chen pene­trant und teil­weise unan­ge­nehm.

Weil es Sie von der Arbeit ablenkte?

Man ist dann nervös und will keine Fehler machen. Gerade keine pro Lok. Als Anhänger von Leipzig wollte ich mir nicht nach­sagen lassen, ich wäre im Spiel par­tei­isch gewesen.

Diese Art Auf­merk­sam­keit ist Alltag für Ihre Kol­legen in den Profi-Ligen.

Wenn ich selber Fuß­ball gucke, bin ich immer pro Schieds­richter. Wir sind nur Men­schen, wir machen auch Fehler. Ich sag’ immer, wenn der Schieds­richter das knappe Abseits über­sieht, dann ist das eben so. Der Fern­seh­zu­schauer hat eben seine zehn­tau­send Zeit­lupen und Mess­li­nien.

Gab es auch Ent­schei­dungen, bei denen Sie falsch lagen?

Ja, beim 4:0. Für mich war es in dem Moment kein Abseits, im Fern­sehen sieht man dann wirk­lich, dass der Angreifer diesen einen halben Schritt weiter vorne steht. Es geht auch alles sehr schnell, was man gar nicht gewöhnt ist als Kreis­ober­liga-Schieds­richter. Gut, ist pas­siert. Es hat sich auch keiner beschwert, auch der Trainer von Fürs­ten­walde nicht.

Und die Fans?

Auch nicht, weil die das selber nicht richtig mit­be­kommen haben. Die vielen Lok Fans, die sagten in dem Moment sowieso nichts. Und von Union Fürs­ten­walde waren gar nicht so viele da, die standen außerdem auf der anderen Feld­seite.

Wie war nach dem Spiel die Rück­mel­dung der anderen Schieds­richter?

Wir haben uns sehr ange­nehm in der Halb­zeit und danach unter­halten. Sie meinten: Gut gemacht.“ Es mir sehr geholfen, dass ich mit Eugen Ost­rinund und Mat­thias Lämm­chen zwei klasse Kol­legen auf dem Feld hatte. Dem ver­letzten Stefan Prager wünsch‘ ich gute Bes­se­rung nach seinem Außen­band­riss.

Und was sagte der Schieds­rich­ter­be­ob­achter? Wollte der Sie gleich dau­er­haft ver­pflichten?

Ne, ne (lacht), das wäre auch gar nicht mög­lich. Aber er fand meine Leis­tung in Ord­nung.

Lassen Sie uns mal rum­spinnen. Wenn Sie einen Wunsch offen hätten, wo würden Sie gerne pfeifen?

Dort­mund gegen Schalke. In Dort­mund vor den 80.000 Zuschauern. Da würde ich zu gerne sehen, wie ich in so einem Moment reagiere. Aber mein abso­lutes Leis­tungs­limit wäre wohl die dritte Liga. Ab da wird es dann viel zu schnell.

Die erste kleine Feu­er­probe haben Sie ja schon einmal bestanden.

Genau. Es wäre womög­lich nochmal eine andere Situa­tion gewesen, wenn Lok Leipzig gegen BFC Dynamo oder den Chem­nitzer FC gespielt hätte. Da wäre es wohl hek­ti­scher und inten­siver her­ge­gangen.

Wie geht es jetzt für Sie weiter? Als Berufs­soldat bleibt ihnen nicht allzu viel Frei­raum.

Ich denke, ich bleibe mal in der Kreis­ober­liga, weil ich nebenbei auch selber noch Beob­achter bin. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, macht aber auch Spaß. Die Lan­des­klasse für mich als Assis­tent ist okay. Ich habe ja auch noch Familie. Einmal im Fern­sehen zu sein, hat gereicht.

Lok Leipzig gewann das Spiel gegen Union Fürs­ten­walde letzt­end­lich mit 5:0. Im Gespräch mit Mär­ki­schen Oder­zei­tung monierte Fürs­ten­waldes Trainer André Meyer den Umstand, dass Grübel Anhänger von Leipzig sei. Auf das Ergebnis hatte das keinen ent­schei­denden Ein­fluss. Aber wenn der neue Assis­tent in den sozialen Netz­werken als beken­nender Lok-Fan auf­taucht, dann hat das zumin­dest einen Bei­geschmack.“ Laut Bild ändere das aber nichts an der Spiel­wer­tung.

Hier die Zusam­men­fas­sung des MDR: