»Auf den Knien«, ver­sprach Javier Irureta, werde er den Jakobsweg zur 80 Kilo­meter ent­fernten Kathe­drale von San­tiago de Com­pos­tela ent­lang pil­gern und dem Herr­gott und allen Hei­ligen danken, sollte es seine Mann­schaft schaffen, den Rück­stand aus dem Hin­spiel noch auf­zu­holen.



Dass der Trainer von Depor­tivo La Coruña sein Ver­spre­chen würde ein­lösen müssen, glaubte nie­mand. Zu deut­lich war die 1:4‑Schlappe im Hin­spiel des Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nals 2003/04 gegen den amtie­renden Titel­träger AC Mai­land zwei Wochen zuvor aus­ge­fallen. In nur zehn Minuten hatten die Mai­länder die glück­liche 1:0‑Führung der Gali­zier aus­ge­gli­chen und in einen hohen Sieg ver­wan­delt für den es nur ein Prä­dikat geben konnte: Traum­fuß­ball. Vor allem der erst 21-jäh­rige Neu­zu­gang Kaká zeigte eine über­ra­gende Partie und krönte seine Leis­tung mit zwei Toren. Dem­entspre­chend eupho­risch fielen danach auch die Kom­men­tare der ita­lie­ni­schen Presse aus: »Meis­ter­werk Milan« titelte die »Gaz­zetta dello Sport« und ord­nete die Vor­stel­lung sogleich als his­to­ri­schen Moment ein: »Milan schenkt der Welt und der Geschichte die zehn schönsten Minuten der letzten 20 Jahre.« Tri­um­phie­rend zeigte sich auch Ver­eins­pa­tron Silvio Ber­lus­coni, der, gewohnt unbe­scheiden, noch auf der Tri­büne ver­kün­dete, dies sei »der stärkste AC Milan, den es je gab«. Auch den Spa­niern fiel es zunächst schwer, noch an ihre Außen­sei­ter­chance zu glauben – zumin­dest direkt nach dem Abpfiff. »Ein 1:4 ist zu viel gegen diese Mann­schaft«, gab Stürmer Albert Luque frus­triert zu Pro­to­koll.

»…dann wäre alles mög­lich«

Zwei Wochen später hörten sich die Pro­gnosen wieder ein wenig opti­mis­ti­scher an. Zu diesem Zeit­punkt hatte auch Trainer Javier Irureta seine Hoff­nung und vor allem seinen uner­schüt­ter­li­chen Glauben wie­der­ge­funden. »Wir beten, damit wir ein frühes Tor schießen. Treffen wir in den ersten zehn, 15 Minuten, würden wir Milan viel­leicht ver­un­si­chern. Dann wäre alles mög­lich.« Aller­dings stand er mit dieser Ein­schät­zung noch immer weit­ge­hend allein dar. Vor allem des­wegen, weil der AC Mai­land sich im Zenit seines Kön­nens befand und spä­tes­tens seit dem Hin­spiel als beste Mann­schaft der Welt galt. Rou­ti­niers wie Paolo Mal­dini und Cafu bil­deten zusammen mit Aus­nah­me­spie­lern wie Ales­sandro Nesta, Cla­rence See­dorf, Gen­naro Gat­tuso und Andrej Schewt­schenko, die sich alle­samt im besten Fuß­bal­ler­alter befanden, eine aus­ge­wo­gene Mischung, die durch die jungen Talente Andrea Pirlo und natür­lich beson­ders Kaká noch zusätz­liche Qua­lität erhielt.

In den Augen der meisten Betrachter erschien Irur­etas Hoff­nung daher nicht mehr zu sein, als das berühmte Pfeifen im Walde. Noch nie hatte eine Mann­schaft einen Drei-Tore-Rück­stand in einem Rück­spiel der Cham­pions League auf­holen können. Und nun sollte aus­ge­rechnet gegen den AC Mai­land das Über­ra­schungs­team aus A Coruña diese Sen­sa­tion schaffen? Gegen den­selben AC Mai­land, der seinen Tri­umphzug des Vor­jahres mit einem 4:0‑Sieg bei Depor­tivo in der Vor­runde erst so richtig begonnen hatte? Aus­ge­schlossen.

Doch zumin­dest seiner eigenen Mann­schaft schien der boden­stän­dige Irureta den Glauben an ein Wunder und einiges an Selbst­be­wusst­sein ein­ge­impft zu haben. Denn mit dem Anpfiff begannen die Gali­zier, den AC in dessen Hälfte ein­zu­schnüren und Angriff auf Angriff zu starten. Die Gebete des Trai­ners wurden erhört: Das ersehnte frühe Tor fiel schon in der fünften Minute. Mit dem Rücken zum Tor erreichte Walter Pan­diani einen Ball von Luque im Straf­raum, drehte sich blitz­schnell um Mal­dini und schoss plat­ziert ins rechte untere Eck. Spä­tes­tens jetzt erwachten auch die gali­zi­schen Zuschauer im alten Estadio Muni­cipal de Riazor. Die Begeis­te­rung schwoll an, als sie sahen, dass ihre Mann­schaft wei­terhin nach vorne stürmte und sich neue Chancen erar­bei­tete. Nur drei Minuten nach dem Füh­rungs­treffer traf Victor den Außen­pfosten, wei­tere Mög­lich­keiten folgten bei­nahe im Minu­ten­takt.
Alleine das ita­lie­ni­sche Star­ensemble schien noch nichts von der sich anbah­nenden Sen­sa­tion zu spüren. Milan ver­traute anschei­nend darauf, dass sich gegen einen so offensiv agie­renden Gegner noch die eine oder andere Kon­ter­chance bieten würde, mit der sie für klare Ver­hält­nisse sorgen könnte. Doch daraus wurde nichts. Zum einen, weil Milan viel zu unprä­zise nach vorne spielte, zum anderen, weil auch die Abwehr Depors bei­nahe jeden Zwei­kampf scheinbar mühelos gewann. Selten zuvor war der Milan-Sturm um Schewt­schenko und Jon Dahl Tomasson – zu jener Zeit ein deut­lich grö­ßeres Kaliber als bei seinem spä­teren Gast­spiel in Stutt­gart – derart wir­kungslos geblieben. Nur ein ein­ziges Mal tauchten die Ita­liener in der ersten Hälfte gefähr­lich vor dem geg­ne­ri­schen Tor auf. In der 19. Minute lief Kaká alleine auf Depors Schluss­mann José Molina zu, doch irgendwie schaffte es der bereits aus­ge­spielte Tor­wart, noch eine Hand an den Ball zu bekommen, und den schon sicher geglaubten Aus­gleich zu ver­hin­dern.

In der Folge spielten, ange­peitscht vom immer eupho­ri­scheren Publikum, nur noch die Gali­zier und alleine Milans Tor­wart Dida ver­hin­derte mit einigen Glanz­pa­raden einen höheren Rück­stand. Doch Dida wäre nicht Dida, wenn bei ihm nicht Licht und Schatten schlag­artig wech­seln könnten. So war es auch diesmal. In der 35. Minute unter­lief er eine Flanke von Luque, und Valerón konnte mühelos aus wenigen Metern zum 2:0 ein­köpfen. Erst jetzt däm­merte es so langsam auch den Ita­lie­nern, dass diese Sache noch schief gehen könnte, doch statt eine Trotz­re­ak­tion zu zeigen, begann das große Ner­ven­flat­tern. Prompt agierten die sonst so sou­ve­ränen und kalt­schnäu­zigen Mila­nesen noch indis­po­nierter als ohnehin schon, was noch vor der Pause zum 3:0 führte. In der 44. Minute ließ aus­ge­rechnet jener Luque, der bereits zwei Treffer vor­be­reitet und doch eigent­lich schon nach dem Hin­spiel kei­nerlei Hoff­nung mehr gehabt hatte, gleich zwei Abwehr­spieler ein­fach stehen und zim­merte den Ball alleine vor Dida so prä­zise in den Winkel des kurzen Ecks, als wäre es die leich­teste Übung der Welt.

Jetzt bloß nicht nach­lassen!

Somit war das Spiel schon zur Halb­zeit gedreht, denn dieses Ergebnis würde La Coruña auf­grund der Aus­wärts­tor­re­ge­lung bereits für das Halb­fi­nale rei­chen. Das Riazor stand Kopf, und auch in Depor­tivos Kabine spielten sich in der Pause tumult­ar­tige Szenen ab. Jeder ein­zelne Spieler glaubte, einen Kom­mentar zu den sich über­schla­genden Ereig­nissen abgeben zu müssen und die Kol­legen zu ermahnen, jetzt bloß nicht nach­zu­lassen. Erst nach einer Weile gelang es Irureta mit­hilfe einiger erfah­rener Spieler, die Situa­tion ein wenig zu beru­higen und die Taktik für die zweite Hälfte zu bespre­chen.

Viel­leicht hätte der Coach aber ohnehin besser geschwiegen, denn sein Ver­such, fortan etwas defen­siver zu agieren, hätte sich bei­nahe gerächt. Plötz­lich agierte Milan und kurz nach Wie­der­an­pfiff hätte Tomasson bei­nahe für das 3:1 gesorgt, das wie­derum dem AC gereicht hätte. An der Straf­raum­grenze kam er frei zum Schuss, der aber weit vorbei ging. Den Spa­niern reichte diese War­nung, sofort gingen sie wieder zum Angriff über und holten sich die Kon­trolle über das Spiel­ge­schehen zurück, wenn­gleich Milan nun mehr Ball­be­sitz hatte. Doch gefähr­liche Aktionen blieben alleine Depor­tivo vor­be­halten und in der 76. Minute bra­chen end­gültig alle Dämme im Sta­dion. Der ein­ge­wech­selte Fran erzielte mit einem abge­fälschten Schuss das 4:0! Erst jetzt schaffte es Mai­land zumin­dest für ein wenig Gefahr zu sorgen. Das Tor aber, das eine Ver­län­ge­rung bedeutet hätte, fiel nicht mehr. Sowohl Inz­aghi als auch Rui Costa, die Carlo Ance­lotti ein­ge­wech­selt hatte, schei­terten bei ihren Chancen am aus­ge­zeich­neten Molina. Den Rest erle­digte die noch immer sou­ve­räne Abwehr der Spa­nier.
Kurz darauf hatte Depor­tivo La Coruña das Wunder geschafft und stand im Halb­fi­nale der Cham­pions League. Die ver­meint­lich beste Mann­schaft der Welt hin­gegen war aus­ge­schieden und durfte sich epi­scher Schlag­zeilen der hei­mi­schen Presse sicher sein. »Das Ende der Welt im Riazor«, titelte dann auch die »Gaz­zetta dello Sport«. Im Nach­hinein betrachtet kam dieses Ende erst ein Jahr später, als Milan es erneut schaffte, einen Drei-Tore-Vor­sprung zu ver­spielen. Diesmal in nur einer Halb­zeit. Im Cham­pions League-Finale gegen den FC Liver­pool.

Und Javier Irureta? Der modi­fi­zierte sein Ver­spre­chen der Pil­ger­fahrt ein wenig. Den Weg werde er auf jeden Fall unter­nehmen, auf Knien aller­dings nur, wenn seine Mann­schaft auch ins Finale käme. Das blieb ihm erspart, der spä­tere Sieger Porto bedeu­tete die End­sta­tion in der Vor­schluss­runde. So legte er den Jakobsweg nach der Saison zu Fuß zurück, kniete erst vor dem Altar nieder und weinte bit­ter­lich.